Lockdown-Lyrik 78: »Eine andere Art Räumung – oder Quarantäne« von michelfritz

»Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung von Gedichten, die sich mit der Corona-Krise befassen. Es darf uns die Sprache nicht verschlagen! In loser Folge erscheinen neue Episoden der von Alex Dreppec, Jan-Eike Hornauer und Fritz Deppert herausgegebenen Anthologie.

 

michelfritz

Eine andere Art Räumung
– oder Quarantäne

1

Sie diskutieren im Radio
den Taubenjagdbefehl –

mich interessiert im Kühlschrank
die Flaschenbierkühle,
im Fettrand auf der Spüle
stößt eine Fliege ein Gebet –

Bewegung!

Ironischerweise
eine Taube, die auf dem Ast
der alten Birke landet
mit einem Ruck;

ich lege an, ziele,
und nehme einen Schluck.

2

Sie machen Werbung für ein Möbelhaus.
Sie verbreiten Neuigkeiten.
Sie tun, als hätte diese Welt
keinen Untergang verdient –

mich infiziert ein Blumenstrauß,
welk und staubig, blasse Rosen,
die so tun, als sei ein Posen
genug fürs Gelten –

ich setze an, schlucke,
und gedenke der Welten.

3

Sie spielen Musik.
Sie tun, als ob etwas übrig bliebe.
Sie spielen Musik.

Ich lege an, schlucke, beschlage.
Ein Fenster, dass sich von innen schließt.
Eine Fliege zählt ihre Tage.

Von Liebe
berichten sie
in Atempausen.

 

© Michel Schäfer, Neustadt am Main

 

 

Zu dieser Reihe: »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« ist eine Online-Sammlung zu den aktuellen Auswirkungen der Corona-Krise. Wir wollen im Gespräch bleiben, während wir Infektionsketten unterbrechen. Wir wollen die Erfahrung der Vereinzelung miteinander teilen. Wir wollen virtuelle Brücken bauen. Wir wollen das tun, was wir können: dichten, die Welt – und auch die aktuelle Situation – poetisch erfassen.Unser Anliegen ist es in jedem Fall, zu einem Mehr an Besonnenheit beizutragen, zu versöhnen statt zu spalten. Mit Sorge sehen wir überharte Diskussionen, wie sie derzeit online, aber auch offline zu häufig geführt werden. Klar ist uns: Es gehört zu einer Demokratie dazu, Konflikte auszutragen. Aber wir insistieren auch hierauf: Es ist ebenso unerlässlich, sich des Gemeinsamen, Verbindenden bewusst zu sein und zu werden sowie respektvoll miteinander umzugehen.

Uns ist bewusst, dass bereits der Ansatz, zur Corona-Pandemie eine Lyrik-Online-Anthologie herauszugeben, ihre Auswirkungen zeitnah lyrisch zu behandeln, und dies aus verschiedenen Perspektiven sowie in unterschiedlichen Tonlagen, als Provokation aufgefasst werden kann. So ist diese Sammlung keineswegs gemeint. Ihr Thema an sich ist jedoch eben hochemotional besetzt. Für uns, die Herausgeber der Reihe, bleibt trotzdem und gerade deshalb wichtig: Wir wollen Brücken bauen, Perspektiven weiten, der ungewohnten Situation mit poetischen Mitteln und im gemeinschaftlichen Sinne begegnen.

Bleiben Sie gesund!

Alex Dreppec, Jan-Eike Hornauer, Fritz Deppert
 
PS: Alle bereits geposteten Folgen von »Lockdown-Lyrik! Quarantäne querdenken – etwas ernst zu nehmen heißt nicht, sich davon unterkriegen zu lassen« finden Sie hier. In loser, jedoch zügiger Folge wird die Sammlung erweitert.

 

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