LYRIK-REVUE FOLGE 18: Blackening Pages – vom Wörtertisch zum Wörterschränkchen, von der Cocktailserviette zum Bestseller

Auszeichnungen, Institutionen, Konferenzen, Lesungen, Poesie im Feuilleton und Lyrik-Neuerscheinungen: Nicola Bardola kommentiert und präsentiert am 20. eines Monats Bemerkenswertes aus der Welt der Verse.

 

Die meistverkauften Titel im Bereich „Lyrik Hardcover über zehn Euro“ im Zeitraum vom 1. Januar bis 28. Juli 2019 wurden in der Fachzeitschrift Börsenblatt – Wochenmagazin für den deutschen Buchhandel veröffentlicht. Platz eins und zwei gehen an renommierte Autoren, Platz drei und vier an eine neue und an eine Longseller-Anthologie. Auf den Plätzen fünf bis 25 dominieren Klassiker-Ausgaben.

Die Bestsellerliste führt Herta Müller mit ihrem Collagenband „Heimweh ist ein blauer Saal“ (Hanser) an. Seit Jahrzehnten schon klebt die Nobelpreisträgerin Gedichte mit Worten, die sie aus Zeitschriften und Zeitungen ausschneidet. Die Textwirkung wird durch verschiedenste Schrifttypen und Hintergrundfarben verstärkt. In ihrem fünfseitigen Vorwort „Das Echo im Kopf“ erläutert Herta Müller ihre Arbeitsweise. Als sie Ende der 1980er Jahre in Deutschland nach brauchbaren Postkarten suchte, um sie nach Rumänien zu schicken, fand sich nichts Brauchbares: Sie war damals unzufrieden mit den „so grässlich missratenen Farben“ und mit den Texten der Postkarten. Also kaufte sie weiße Karteikarten und beklebte sie mit ausgeschnittenen Wörtern und Fotos. Zu Beginn schienen ihr das nur Spielereien. Aber die Ergebnisse verblüfften sie, weshalb sie diese Technik bis heute beibehalten hat, denn plötzlich erzählten einzelne Vokabeln ganze Geschichten.

Herta Müller holt sich ihre Lyrik so von außen, nicht wie sonst durch Innensuche. Die externen Fundstücke mit den verschiedenen Farben, Formen und Größen werden von der Künstlerin arrangiert und so beginnen sie zu klingen. Sie nehmen bei ihr zu Hause immer mehr Raum ein. Herta Müller installiert einen „Wörtertisch“ mit einer ständig wachsenden Auswahl und bald ein Wörterschränkchen gegen das Verstauben mit vielen Schubladen für die alphabetische Ordnung und für Artikel, Namen oder Präpositionen. Herta Müller hält diese Form des Dichtens für die sinnlichste, denn „man muss jedes Wort in die Hand nehmen“, und sie versteht ihren materiellen Wortvorrat als Kompensation angesichts der erlebten Zensur in Rumänien. Die Ergebnisse faszinieren: „Es gab stille Sätze mit / Pupille UND MÜDE mit / Kaderschmiede die hölzernen / Sätze FINGEN AN mit / einem Umgehungsplan“. Aber Zeilenfall und Kursivierung können nicht den Eindruck vermitteln, der auch Buchkäufer begeistert, die sonst keine Lyrik-Leser sind.

Auf Platz zwei der Bestsellerliste befindet sich der posthum erschienene Band „Die Flamme – The Flame“ (Kiepenheuer & Witsch) des kanadischen Songwriters Leonard Cohen. Den Band mit unveröffentlichten Gedichten, Songtexten, Notizbucheinträgen und Zeichnungen konnte Cohen vor seinem Tod nicht mehr selbst vollenden. Sein Sohn Adam, der auch das Vorwort schrieb, musste aber für die Finissage, die u.a. auch Cohens Lektor besorgte, nicht mehr stark eingreifen. Es ist rührend, wie er den Vater zitiert, am Ende des Lebens sei es Cohens Erkenntnis gewesen, dass das Schreiben wichtigster Lebenszweck und Trost war: „Religion, teachers, women, drugs, the road, fame, money … nothing get’s me high and offers relief from the suffering like blackening pages, writing“. Überall habe Adam im Lauf seines Lebens Texte seines Vaters gefunden: Auf Cocktailservietten ebenso wie in im Kühlschrank vergessenen Notizblöckchen. Diese zweisprachige Ausgabe zeigt den noch weiseren Cohen, wie er oft schon von der Krankheit gezeichnet (Leukämie) sprachlich nach dem Wahrhaftigsten sucht. „Was stört es mich / Wenn etwas fehlt / Oh liebes Buch / Du kommst zu spät // Der Grund für Dichtung / Erreicht dich nicht / Es geht nur um sie / nicht um mich“.

 

"Im Heimweh ist ein blauer Saal" von Herta Müller

Coverabbildung (Hanser Verlag)

 

 

 

 

 

 

Herta Müller
Im Heimweh ist ein blauer Saal
Hanser, 2019. 128 Seiten, Fester Einband
22 Euro, ISBN 978-3-446-26175-4

 

 

 

"Die Flamme - The Flame" von Leonard Cohen

Coverabbildung (Verlag Kiepenheuer & Witsch)

 

 

Leonard Cohen
Die Flamme – The Flame
Zweisprachige Ausgabe. Kiepenheuer & Witsch, 2018
Aus dem amerikanischen Englisch von Nora Bossong, Matthias Kniep, Nikolai Kobus, Simone Kornappel, Nadja Küchenmeister, Léonce W. Lupette, Christian Lux, Klaus Modick, Kerstin Preiwuß, Marcus Roloff, Ron Winkler, Katja Winter
352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. Mit zahlreichen Illustrationen. Gebunden mit Farbschnitt
30 Euro. ISBN: 978-3-462-05221-3

 

 

 

 

 

Nicola Bardola. Foto: privat

Nicola Bardola. Foto: privat

Nicola Bardola, 1959 in Zürich geboren, veröffentlichte als Student an der Universität Bern erste Gedichte und schrieb 1984 an der Universität Zürich im Fach Germanistik seine Lizentiatsarbeit über Theorien moderner Lyrik (u. a. zu Nicolas Born, Rolf Dieter Brinkmann, Jürgen Theobaldy). Seither lebt er in München, wo er seine Kolumne »Lyrik Revue« zunächst für das Münchner BuchMagazin betreute und für die Süddeutsche Zeitung schrieb. Er veröffentlichte Gedichte in Zeitschriften und Anthologien, übersetzte Eugenio Montale ins Deutsche und war Mitbegründer der Initiative Junger Autoren (IJA). Zuletzt erschien von ihm „Elena Ferrante – Meine geniale Autorin“ im Reclam Verlag.

Alle bereits erschienenen Folgen von »Lyrik-Revue« finden Sie hier.

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