Meister des bewusst Ungeschriebenen: Matthias Kehles deutsch / rumänischer Gedichtband »Fundus«

rezensiert von Hellmuth Opitz

Wer Matthias Kehle von seinen Erzählungsbänden und den zahlreichen Sachbüchern kennt oder wer ihn in den sozialen Medien, in Zeitungsartikeln, Leserbriefen, Kommentaren erlebt, der stößt auf einen temperamentvollen Zeitgenossen: hellwach, streitbar, meinungsstark. Seine Gedichte hingegen kommen erstaunlich wortkarg, fast verschwiegen daher. Nur auf Nichtgesagtes ist jetzt noch Verlass, scheinen die Gedichte permanent sagen zu wollen. Etwas Verletzliches strahlen diese Gedichte aus, hinter dem Schönen scheint Schrecken zu lauern. Das signalisieren auch die Gedichtbandtitel »Drahtamsel« und »Scherbenballett«, aus denen sich diese Gedichtsammlung vornehmlich speist. In diesen Titeln sind das Filigrane und das Gefährliche untrennbar miteinander verbunden. Die Gedichte selbst sind mit Wirklichkeit vollgesogen, sie bewegen sich sicher in den uns umgebenden Realitäten und weiten dennoch den Blick darüber hinaus. Im Gedicht »Mai« heißt es:
 

Kein lautes Hämmern aus
Rücksicht auf die Vögel –
Ein Goldschmied der Monat.

Ins offene Fenster der Werkstatt
schaut der Nachbar ein Spanier

bläst den letzten Zug aus
seiner Zigarette herein
erzählt von seinem alten
gusseisernen Gartengrill.
 

Es ist nicht nur das wunderbare Bild vom Monat als Goldschmied, es ist der Blick über den Zaun: Gold und Eisen, zwei ganz unterschiedliche Legierungen, sprich: Lebensentwürfe und Wahrnehmungsweisen treffen aufeinander. Auf die spitzenklöpplerische Arbeit des Goldschmieds trifft der metallisch schwere Fleischrost – und dennoch entsteht daraus ein harmonisches Ganzes. In seinem Vorwort schreibt der rumänische Schriftsteller Catalin Dorian Florescu: »Bei jedem neuen Gedicht und bei jedem ›Du‹, das darin aufgerufen wird, muss sich der Leser fragen: Bin nicht auch ich gemeint?« (Kleiner Einschub: Gern hätte man als Leser erfahren, wie es zu der Zusammenarbeit zwischen Florescu und Kehle kam, warum Gedichte in rumänischer Übersetzung, wer hat die Auswahl besorgt etc. Darüber erfährt man als Leser nichts, das ist aber auch das einzige Manko des Bandes).

Ein existentielles Feld steckten diese Gedicht ab, so Florescu: »Kehles Verse öffnen Fenster auf die Vereinzelung, wenn man hoch oben in der Sicherheit der eigenen Wohnung ausharrt und sich dem Sturm draußen nicht aussetzen will.« Eine Analyse, der ich mich nicht anschließen kann, Kehle ist kein poetischer Stubenhocker, dafür sind seine Verse zu welthaltig. Aber dass sich sein Blick oft ins nächste nachbarschaftliche oder familiäre Umfeld richtet, stimmt schon. Der Titel dieses Bandes deutet darauf hin: »Fundus«, da sichert einer die eigenen Bestände, zieht auch Bilanz. Das titelgebende Gedicht beschreibt mit subtiler Trauer eine Haushaltsauflösung: »Ich trete Schränke ein/ löse erste und letzte//Sammlungen auf« heißt es dort und dann werden die Erinnerungen sehr präzise:
 

hier hingen Bilder
hier stand Sliwowitz

unter diesem Tisch
war ich versteckt

Hier sind noch
Honiggläser voller
Muttern Schrauben

Widerstände
Gleichrichter.
 

Geheimnisse, Verstecke und Aufbewahrungsorte werden bei dieser Entrümpelungsaktion ihres einstigen Zaubers beraubt und auf den Müllhaufen der Geschichte geschmissen. Ist das wirklich so? Oder leisten gerade die banalen Gegenstände hartnäckigen Widerstand, dem Vergessen anheim gegeben zu werden. Das Profane ist oft das, was bleibt, weil es ein treffendes Sinnbild für das Gefühl dahinter abgibt. In der Auslassung zeigt sich die Klasse von Kehles Gedichten. Ganz im Gegensatz zu manchen Poeten, bei denen permanent Gedichte »aus dem Nichts entstehen«, also von einer nebulösen Inspiration in ihnen quasi unbewusst geschrieben werden, ist Kehle ein Meister des bewusst Ungeschriebenen, seine Gedichte sind poetische Passepartouts, sie geben dem Leser Raum für eigene Betrachtungen, für Teilhabe und Mitsprache – und das geschieht im Lyrikbetrieb selten genug.
 

Matthias Kehle
Fundus / Stoc
Gedichte. Deutsch / Rumänisch

Pop Verlag, Ludwigsburg 2017
Softcover, 86 Seiten
ISBN: 978-3-86356-149-9

 

Hellmuth Opitz (Foto: Isabel Opitz)

Hellmuth Opitz (Foto: Isabel Opitz)

Hellmuth Opitz wurde 1959 in Bielefeld geboren, wo er auch heute lebt. Er gilt inzwischen als einer der besten deutschen Liebeslyriker. Nach seinen Anfängen als Rock- und Folkmusiker interviewte er für überregionale Musik-Magazine wie »Musikexpress« oder »Rolling Stone« u. a. Aerosmith, Bad Religion und Wim Wenders. Zusammen mit Matthias Politycki und Steffen Jacobs tourte er mit dem Poesieprogramm »Frauen. Naja. Schwierig«, das auch auf CD vorliegt, durch Deutschland. Bislang erschienen von ihm neun Gedichtbände, zuletzt »Die Dunkelheit knistert wie Kandis« (2011) sowie »Aufgegebene Plätze. Verlorene Posten« (Künstlerbuch, 2013).

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