Melanie am Letzten – Folge 13: Der Anstand

Es ist ein Wahnsinn, ein Irrsinn und nicht selten ein Blödsinn: So geht es zu im Tollhaus Welt. Der Mensch neigt zu seltsamen Verhaltensweisen, die schockieren, alarmieren oder amüsieren können. Was hilft zu guter Letzt? Die Poesie. Nicht ärgern, stänkern oder meckern, sondern dichten – meint die schwarzhumorige Poetin Melanie Arzenheimer und kommentiert die Deadlines des Lebens jeweils am Monatsende auf DAS GEDICHT blog.

 

Stellen wir uns vor, ein Herr mittleren Alters bestellt sich in einem Gasthof einen Liter Bier, kippt sich selbigen beschwingt hinter die Binde und fängt dann an, lautstark »Heit is so a scheener Tag« zu singen. Die Gäste um ihn herum würden pikiert schauen, sich womöglich abwenden oder den fröhlichen Sänger darum bitten, endlich ruhig zu sein. Dabei hat er doch nur das getan, was auf der Münchner Theresienwiese Ende September Millionen von Menschen tun. Alkohol konsumieren, feiern und – das tun nicht alle, aber viele – alle Hemmungen fallen lassen.

Es kommt also darauf an, wie viele Menschen gleichzeitig etwas auf den ersten Blick Ungebührliches tun, damit es gesellschaftlich akzeptiert, ja sogar ausdrücklich begrüßt wird. Wenn dadurch noch ein ordentlicher Batzen Geld verdient wird, dann fällt diese Akzeptanz außerdem sehr viel leichter. Und dass man sich sein Gegenüber (oder die ganze Veranstaltung) manchmal einfach schön saufen muss, ist mitunter durchaus nachvollziehbar.

Allerdings – diese völlige Enthemmtheit, der komplette Verlust von Selbstachtung und der mit der Höhe des Alkoholspiegels sinkende Respekt gegenüber den Mitmenschen ist erschreckend. Nüchtern betrachtet. Anbaggern, angrapschen, rumfummeln. Alles irgendwie erlaubt. Es macht doch jeder. Der Bedienung unter den Rock oder an den Busen zu greifen würde im ›normalen Leben‹ vielleicht eine Anzeige, auf jeden Fall aber eine ordentliche Watschn nach sich ziehen. Aber das ›normale Leben‹ findet überall statt, nur nicht beim Münchner Oktoberfest.
 

Bierzeltaffäre,

Schnaxln
mit Blick
auf die
Henna
Haxln

 
© Melanie Arzenheimer, Eichstätt

 

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

»Melanie am Letzten« wird Ihnen von Melanie Arzenheimer präsentiert. Sie wurde 1972 in Eichstätt / Bayern geboren, wo sie heute noch wohnt. Melanie Arzenheimer arbeitet als Chefredakteurin bei der espresso Mediengruppe Ingolstadt, sowie als freiberufliche Hörfunkmoderatorin.
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Alle bereits erschienenen Folgen von »Melanie am Letzten« finden Sie hier.

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