Melanie am Letzten – Folge 29: Die Erklärung

Es ist ein Wahnsinn, ein Irrsinn und nicht selten ein Blödsinn: So geht es zu im Tollhaus Welt. Der Mensch neigt zu seltsamen Verhaltensweisen, die schockieren, alarmieren oder amüsieren können. Was hilft zu guter Letzt? Die Poesie. Nicht ärgern, stänkern oder meckern, sondern dichten – meint die schwarzhumorige Poetin Melanie Arzenheimer und kommentiert die Deadlines des Lebens jeweils am Monatsende auf DAS GEDICHT blog.

 

Was für ein Widerspruch! Die Technik wird immer ausgefeilter, das Wissen immer größer, die Kommunikation immer einfacher. Und die Menschen? Die fallen in nahezu mittelalterliche Denkmuster zurück. Vielleicht ist es ja gerade die verwirrende Moderne, die so kompliziert ist, dass man einfachere Modelle zur Erklärung der Welt ersehnt.

Früher hat einem die Bibel dabei geholfen. Im günstigsten Fall konnte man selbst gar nicht lesen und war von dem abhängig, was einem die (klerikale) Obrigkeit vermittelte. Die Welt ist in sieben Tagen erschaffen worden. Punkt. Kein Wort von Einzellern und Klimawandel und Sedimentbildung über Millionen von Jahren. Und dass der Mensch das große Meisterwerk, ja die Krone der Schöpfung ist, stand Jahrhunderte außer Frage (auch wenn man hätte zugeben müssen, dass der Mann der unausgereifte Prototyp war und die Frau erst das funktionierende Serienmodell).

Doch dann kam dieser Charles Darwin. Mit ihm wurde auf einmal alles so wahnsinnig kompliziert. Als ein Vertreter der Krone der Schöpfung stellte er seine eigene »Entstehungsgeschichte« in Frage und Wissenschaftler nach ihm erforschten das Entstehen und Vergehen von Arten und die Entwicklung des Menschen vom Primaten bis zum heutigen Smartphone-User inklusive der Modelle, deren Produktion wieder eingestellt wurde (gemeint ist z.B. der Neandertaler). Göttliches Eingreifen fand – wenn überhaupt – eher ganz am Anfang der Erdentstehung statt, die Natur (die man natürlich auch als göttlich begreifen kann) übernahm dann die weitere Entwicklung, Anpassung, Auslese über viele Millionen Jahre. Man kennt das aus dem Biologieunterricht. In der Türkei ist man nun zu dem Schluss gekommen, dass das zu viel an Lernstoff sei. Einfachere Denkmuster sind angesagt und so wird die Evolutionstheorie wieder aus dem Unterricht verbannt. Ein großer Gott, der alles erschaffen hat, reduziert den Lernstoff doch deutlich. Und macht das Leben einfacher in einer komplizierten Welt. In den USA gibt es ähnliche Tendenzen, die Kreationisten haben ja schon immer gewusst, dass dieser Darwin (noch dazu ein Vertreter der britischen Kolonialmacht) nicht alle Latten am Zaun hatte. In den Museen dieser Welt fühlen sich diese Herrschaften denn auch regelmäßig von der Kopf gestoßen, wenn sie Objekte der Erdgeschichte (alles Fake!) betrachten.
 

Paläontolopoesie

Staunend
im Museumzingelt

von Urzeittieren
eingekringelt

Mammut
monumental
Archaeopteryx
kolossal
Juravenator
phänomenal

Fulminantes Finale
postmortale
herrlich ausgeleuchtet
die Vitrine
jedoch die Miene
bleibt versteinert

Man lernt auf attraktive Weise:
Auszusterben ist schon
Scheiße.
 

© Melanie Arzenheimer, Eichstätt

 

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

»Melanie am Letzten« wird Ihnen von Melanie Arzenheimer präsentiert. Sie wurde 1972 in Eichstätt / Bayern geboren, wo sie heute noch wohnt. Melanie Arzenheimer arbeitet als Chefredakteurin bei der espresso Mediengruppe Ingolstadt, sowie als freiberufliche Hörfunkmoderatorin.
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Alle bereits erschienenen Folgen von »Melanie am Letzten« finden Sie hier.

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