Melanie am Letzten – Folge 32: Die Traumwelt

Es ist ein Wahnsinn, ein Irrsinn und nicht selten ein Blödsinn: So geht es zu im Tollhaus Welt. Der Mensch neigt zu seltsamen Verhaltensweisen, die schockieren, alarmieren oder amüsieren können. Was hilft zu guter Letzt? Die Poesie. Nicht ärgern, stänkern oder meckern, sondern dichten – meint die schwarzhumorige Poetin Melanie Arzenheimer und kommentiert die Deadlines des Lebens jeweils am Monatsende auf DAS GEDICHT blog.

 

Ganz wunderbar, dieses kleine, verschlafene Städtchen mit seinen alten Gebäuden, den Efeu überwucherten Gemäuern, all den romantischen Rissen und dem putzig bröckelnden Putz. Wir Deutschen begeistern uns im Urlaub für fremde Orte, denen man ihre Geschichte ansieht. Ob in der Toskana, auf einer griechischen Insel oder in Irland – so richtig authentisch ist es doch nur, wenn die Zeichen der Zeit noch sichtbar sind, wenn man über bucklige Kopfsteinpflasterwege schlendert, im Hafen ein paar Schiffswracks entdeckt oder die verfallene Kirchenruine den perfekten Hintergrund fürs Selfie bietet. Schön!

Und zuhause? Da ist all die Romantik verflogen. Kopfsteinpfaster? Bekloppte Idee. Bröckelnder Putz geht ganz und gar nicht und Risse in Wänden zeugen von Vernachlässigung durch den Eigentümer des Gebäudes. Hierzulande muss alles sauber, staubfrei, gekittet, geglättet, gestrichen und aufgeräumt sein. Was im Urlaub mit Begeisterung fotografiert wird, würde im Super-Sauber-Land Deutschland nur als Beweisfoto für den Anwalt dienen.

Vermutlich ist die Urlaubsidylle nur deshalb so total supi, weil das eigene Zuhause derart klinisch perfekt ist, dass es nur noch Langweile ausstrahlt. Moderne Wohnungen sehen aus, als hätten sie den Möbelkatalog nie verlasen, dazu verfügen sie über den Charme einer Zahnarztpraxis. Wer flüchtet da in seiner Freizeit nicht gerne in eine Traumwelt, in der man Behausungen noch anmerkt, dass einst lebende Wesen namens Mensch darin gehaust haben. Auch wenn sie manchmal gar nicht mehr leben wollten…
 

Venedig sehen und sterben
Ein Versuch

An den
Palastmauern
bröckelt die
Fassade

Dahinter
die Maskerade
des alternden
Casanovas
der den Kanal
gründlich
voll hat
zum finalen
Absprung
von der Rialtobrücke

Ansetzt
springt
und wieder
nicht
versinkt

Noch ein
Gondoliere
in der Quere
 

© Melanie Arzenheimer, Eichstätt

 

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

»Melanie am Letzten« wird Ihnen von Melanie Arzenheimer präsentiert. Sie wurde 1972 in Eichstätt / Bayern geboren, wo sie heute noch wohnt. Melanie Arzenheimer arbeitet als Chefredakteurin bei der espresso Mediengruppe Ingolstadt, sowie als freiberufliche Hörfunkmoderatorin.
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Alle bereits erschienenen Folgen von »Melanie am Letzten« finden Sie hier.

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