Melanie am Letzten – Folge 35: Die Einwanderer

Es ist ein Wahnsinn, ein Irrsinn und nicht selten ein Blödsinn: So geht es zu im Tollhaus Welt. Der Mensch neigt zu seltsamen Verhaltensweisen, die schockieren, alarmieren oder amüsieren können. Was hilft zu guter Letzt? Die Poesie. Nicht ärgern, stänkern oder meckern, sondern dichten – meint die schwarzhumorige Poetin Melanie Arzenheimer und kommentiert die Deadlines des Lebens jeweils am Monatsende auf DAS GEDICHT blog.

 

Erst heute. Da hatte ich wieder einen auf dem Teller, so einen Einwanderer. Im Prinzip hat ja niemand kommen sehen, dass das mal so viele werden. Und dass sie sich bei uns so gut akklimatisieren, diese Neophyten. Geradezu paradiesische Zustände herrschen hierzulande, wenn man es aus der Sicht dieser Immigranten betrachtet. Kein Wunder, dass sie sich nahezu ungehemmt vermehren. Und die einheimischen Lebewesen? Die müssen sich doppelt so stark anstrengen, um den Neulingen nicht hilflos ausgeliefert zu sein. Dabei weiß man gar nicht, ob es Absicht oder ein Versehen war, dass diese Neophyten nach Europa gelangt sind. Vermutlich war die Begeisterung über die Entdeckung eines neuen Kontinents so groß, dass man nicht so genau darauf geachtet hat, was man da mit zurück nimmt.

Nun gut. Manche von denen haben sich als nützlich, sogar schmackhaft erwiesen. Zum Beispiel die Kartoffel. Die hat sogar ganze Völker in Europa vor dem Verhungern gerettet. Und das als Einwanderer! Und in Europa macht die zugereiste Knolle auch noch Karriere als Zutat für Gourmetgerichte. Unglaublich. Mit dem Mais war und ist das auch so eine Sache. Er gehört ebenfalls zur Gattung der Neophyten, also der neuen Pflanzen, die nach der Entdeckung des amerikanischen Kontinents mit nach Europa geschippert sind. Heute prägt er das Landschaftsbild in der gesamten Republik. Und der Riesenbärenklau ist auch so eine »neophyte Type«, die einem aber gehörig auf die Nerven gehen kann. Schmetterlinge sehen das freilich ganz anders. Die begrüßen diese Einwanderer auch noch ausdrücklich.

Sie sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen, die Neophyten. Ganz ungeniert zieren sie Gemüsegärten und werden sogar zu Ketchup verarbeitet. Wer hätte das vor 500 Jahren gedacht.
 

Nachtschattengewächs

Die Tomaten
meines Nachbarn
erlebten einen
Wachstumsschub
seit er
des Nachts
ihr Beet aushub

sonderbar
dass man
Frau Nachbarin
fortan
nicht sah
 

© Melanie Arzenheimer, Eichstätt

 

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

»Melanie am Letzten« wird Ihnen von Melanie Arzenheimer präsentiert. Sie wurde 1972 in Eichstätt / Bayern geboren, wo sie heute noch wohnt. Melanie Arzenheimer arbeitet als Chefredakteurin bei der espresso Mediengruppe Ingolstadt, sowie als freiberufliche Hörfunkmoderatorin.
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Alle bereits erschienenen Folgen von »Melanie am Letzten« finden Sie hier.

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