Melanie am Letzten – Folge 39: Die staade Zeit

Es ist ein Wahnsinn, ein Irrsinn und nicht selten ein Blödsinn: So geht es zu im Tollhaus Welt. Der Mensch neigt zu seltsamen Verhaltensweisen, die schockieren, alarmieren oder amüsieren können. Was hilft zu guter Letzt? Die Poesie. Nicht ärgern, stänkern oder meckern, sondern dichten – meint die schwarzhumorige Poetin Melanie Arzenheimer und kommentiert die Deadlines des Lebens jeweils am Monatsende auf DAS GEDICHT blog.

 

Die Adventszeit wird in Bayern, da wo ich lebe, auch die »staade Zeit« genannt, also die stille Zeit. Diese Bezeichnung kommt wiederum aus einer Zeit, in der es noch recht einfach war, jene Stille ohne großen Aufwand zu erzeugen. Ohne Strom entfiel damals viel von dem, was heute ununterbrochen dudelt und blinkt und scheppert. Die »staade Zeit« existiert im 21. Jahrhundert nur noch in Geschichten, nicht aber in der Gegenwart. Der moderne Mensch wird in den Wochen vor Weihnachten mit allerlei Geräuschen und Gesängen belästigt, man könnte von einer permanenten Belagerung des Gehörs durch auditive Angreifer sprechen. Das geht schon beim »Ho, Ho, Ho« Geplärre in der Radiowerbung los. In den Geschäften bimmelt und klingelt es, wenn der Kunde den Raum betritt, um dann mit »White Christmas« oder »Last Christmas« in der Endlosschleife bei seiner Kaufentscheidung unterstützt zu werden.

Selbiges gilt für die Buden auf den Weihnachtsmärkten, hier kann man sich nicht nur durch die große weite Welt der alkoholhaltigen Flüssigkeiten trinken, sondern auch die Hitparade der schrillsten Weihnachtssongs inhalieren. Vielleicht braucht man deshalb wieder möglichst schnell die nächste Portion Glühwein (oder für den hippen Großstädter: ayurvedischen Chai-Latte mit fair gekeltertem Bio-Wein für 6,80 Euro die Tasse). Das Ergebnis dieser vorweihnachtlichen Wechselwirkung ist nicht selten ein enthemmtes Gegröle (und das gilt auf dem Land und in der Stadt), das eher an einen Junggesellenabschied erinnert als an Besinnlichkeit. »Staade Zeit«? Fehlanzeige. Die Vorweihachtzeit hat eben ihre lautstarken Seiten…
 

Advent in Leipzig

Zu Weihnacht im Thomanerchor
sang auch ein Indianer vor

Das Publikum begann zu klatschen
für den Häuptling der Apachen

Nur eine schrie von hinten »Buh«
es war die Häuptlingsfrau der Sioux
 

© Melanie Arzenheimer, Eichstätt

 

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

»Melanie am Letzten« wird Ihnen von Melanie Arzenheimer präsentiert. Sie wurde 1972 in Eichstätt / Bayern geboren, wo sie heute noch wohnt. Melanie Arzenheimer arbeitet als Chefredakteurin bei der espresso Mediengruppe Ingolstadt, sowie als freiberufliche Hörfunkmoderatorin.
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