Melanie am Letzten – Folge 6: Der literarische Tod

Es ist ein Wahnsinn, ein Irrsinn und nicht selten ein Blödsinn: So geht es zu im Tollhaus Welt. Der Mensch neigt zu seltsamen Verhaltensweisen, die schockieren, alarmieren oder amüsieren können. Was hilft zu guter Letzt? Die Poesie. Nicht ärgern, stänkern oder meckern, sondern dichten – meint die schwarzhumorige Poetin Melanie Arzenheimer und kommentiert die Deadlines des Lebens jeweils am Monatsende auf DAS GEDICHT blog.

 

Es wird entführt, erpresst, ermordet und gerächt. In Weltmetropolen genauso wie auf dem kleinsten Einödhof. Mal ist es in psychisch gestörter Einzeltäter, mal hilft eine ganze Dorfgemeinschaft beim Abmurksen eines Zeitgenossen. Nein, mit dem Blick in die Nachrichten hat das jetzt nichts zu tun. Eher mit dem Blick auf die Auslage in einer Buchhandlung. Der Kriminalroman war nie aus der Mode und ist gerade in den vergangenen Jahren zum echten Verkaufsschlager geworden. Der Mensch liebt es offenbar, sich von einem Autor (gerne aus dem mit reichlich Dunkelheit gesegneten Skandinavien) das Fürchten lehren zu lassen. Besonders schön ist es, wenn sich das mörderische Geschehen zwischendurch nicht in Island, Schweden oder London ereignet, sondern in der eigenen Heimat. Im Allgäu, in Franken, auf den Friesischen Inseln oder im Erzgebirge. Überall lauert der literarische Tod. Regionalkrimis scheinen den Nerv der Zeit zu treffen, je lieblicher die Landschaft, desto hinterhältiger die Bewohner. Das ist jetzt keine Behauptung, sondern nur ein ganz subjektiver Eindruck.

Aber wo bleibt bei all den Bestsellern der Siegeszug des Kriminalgedichts? Hat nicht schon Frank Wedekind seine Tante poetisch vollendet geschlachtet? Und auch Ringelnatz und Brecht waren nicht zimperlich. Manch ein langatmiger, zeitgenössischer Kriminalroman wäre in der Lyrik-Version in wenigen Zeilen auf den Punkt gebracht. Und so ein eindimensionaler Mörder oder ein wortkarger Kommissar erhielte in einem Gedicht vielleicht sogar eine gewisse poetische Note, ohne die er eben nur ein Mörder und ein Kommissar bleiben würde. Zwischen Jussi Adler-Olssen und Rita Falk eine Anthologie mit Regionalkriminalgedichten. Und kuriosen Todesfällen aus dem Wald gleich um die Ecke. Das wär’s.
 

Auf dem Hochsitz

Ohren
gespitzt
Gewehr
angesetzt

Bock
anvisiert
Schuss
riskiert

Ziel
getroffen
Schnaps
gesoffen

Jedoch
ein kleiner Zweifel bleibt

Ein Hirsch auf einem
Mountainbike?

 
© Melanie Arzenheimer, Eichstätt

 

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

»Melanie am Letzten« wird Ihnen von Melanie Arzenheimer präsentiert. Sie wurde 1972 in Eichstätt / Bayern geboren, wo sie heute noch wohnt. Melanie Arzenheimer arbeitet als Chefredakteurin bei der espresso Mediengruppe Ingolstadt, sowie als freiberufliche Hörfunkmoderatorin.
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Alle bereits erschienenen Folgen von »Melanie am Letzten« finden Sie hier.

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