Melanie am Letzten – Folge 7: Die Ersatzgottheit

Es ist ein Wahnsinn, ein Irrsinn und nicht selten ein Blödsinn: So geht es zu im Tollhaus Welt. Der Mensch neigt zu seltsamen Verhaltensweisen, die schockieren, alarmieren oder amüsieren können. Was hilft zu guter Letzt? Die Poesie. Nicht ärgern, stänkern oder meckern, sondern dichten – meint die schwarzhumorige Poetin Melanie Arzenheimer und kommentiert die Deadlines des Lebens jeweils am Monatsende auf DAS GEDICHT blog.

 

Sie werden vergöttert, verehrt und angebetet. Sie sind fester Bestandteil des täglichen Lebens und gehören zur Familie. Und jeden Samstag wartet die rituelle Waschung auf sie. Die Rede ist von unseren liebsten Gefährten, den Autos. Es gibt Zeitgenossen, die mit ihrem Fahrzeug weitaus pfleglicher umgehen als mit ihren Mitmenschen. Da wird die Motorhaube liebevoll gestreichelt, die Scheibe hingebungsvoll gewischt und der Ölstand regelmäßiger gemessen als der eigene Blutdruck. Letzterer erhöht sich schlagartig, wenn dem vierrädrigen Familienmitglied ein Unglück zustößt. Ja, ein Kratzer in der Fahrertür kommt einem terroristischen Anschlag gleich. Um das und noch viel Schlimmeres zu vermeiden, werden die eigene Garage, die liebevoll gepflasterte Garageneinfahrt und ein Teil der Straße mittels Videokameras überwacht. So kann der Unhold alsbald überführt werden, der es wagt, mit seinem Fahrrad in unmittelbarer Nähe an der geparkten Ersatzgottheit vorbei zu preschen. Genauso dramatisch sind übrigens die Auswirkungen von Kindern auf ein Automobil. Bonbonpapier, Kekskrümel, Fußballschuhe. Alles potentielle Bedrohungen des klinisch reinen Innenraums. Ein Alptraum. Man muss dafür beten, dass dem Gefährten nichts Böses widerfährt. Ein Überholvorgang zum Beispiel.
 

Auf der B 13

Hundertfünfzehn
gutes Tempo
denk ich
bis sich übereilt
ein Haufen Blech
von hinten
schon fast im
Kofferraum verkeilt

Mich ereilt
das Schicksal eines
Überholvorgangs
doch als das Blech
an mir vorbeizieht
zücke ich die
Kamera
so’n Pech

ein Klick
ein Blick

Empörung
mit Spoiler
sitzt dort hinterm
Steuer
die nächste Ampel
die sieht rot
und ebenso
das Ungeheuer

Blechmann

 
© Melanie Arzenheimer, Eichstätt

 

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

Melanie Arzenheimer. Foto: Volker Derlath

»Melanie am Letzten« wird Ihnen von Melanie Arzenheimer präsentiert. Sie wurde 1972 in Eichstätt / Bayern geboren, wo sie heute noch wohnt. Melanie Arzenheimer arbeitet als Chefredakteurin bei der espresso Mediengruppe Ingolstadt, sowie als freiberufliche Hörfunkmoderatorin.
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Alle bereits erschienenen Folgen von »Melanie am Letzten« finden Sie hier.

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