Starke Stücke, starke Stimmen – Folge 22: »Nachruf auf meine Schreibmaschine«

Die begleitende Netz-Anthologie zu DAS GEDICHT 22,
zusammengestellt und ediert von Anton G. Leitner und Hellmuth Opitz

 

Horst Samson

Nachruf auf meine Schreibmaschine

Sie wusste alles über mich, vielleicht hatte sie Angst
Ich würde untergehen im Gedränge mit
Fliegenden Fahnen, kannte die tiefsten, schiefsten
Gedanken, Gedichte, Geschichten und schrieb
Meine verkorkste Biographie mit, die Historie
Der Familie, Krieg, Deportation, Erniedrigungen, meine,
Wenn niemand zu mir hielt, auch nicht
Die Freunde, ertrug sie meine Trauer, den Protest,
Träumte mit mir Filme in Farbe von der Freiheit
Einer anderen, weit entfernten Welt. In meinem Hirn
Wusste sie, da gibt es keinen Frieden
Mit der Ungerechtigkeit und sie ahnte, ich glaube
An jedes Wort, das ich schrieb
Wie an Jesus. Das Sein, sagte ich mir, ist ein Kreuz,
Die höchste Form der Weltbetrachtung aus
Der Vogelperspektive und der Liebe
Zu uns selber. Nicht der Verrat. Sie gehorchte mir blind
Meine Finger waren ihr heilig. Als ich die Diktatur verließ
Beschlagnahmte ein Major sie nachts
Im Grenzbahnhof Curtici. Ich war am Ende
Meiner Nervenbahnen angelangt. Aber er hatte eine Pistole
An der Hüfte und ich meinen Sohn Elvis
An der Hand. Doch ich wusste, kein Wort, kein Wort
Würde sie verraten, das sie für mich in langen Nächten
Schrieb: Ehre sei dieser Maschine in der Höhe!
 

© Horst Samson, Neuberg

Ein Kommentar

  • Friederike Langer

    Danke für das Gedicht. Schon lange nicht mehr eine solch innige, berührende Liebeserklärung gelesen! Gruß von Rieke

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