Poesie. Meditationen – Folge 1: Warum das Wort Niemandsrose eine offene Tür zu einem Fenster macht

Ín den »Poesie. Meditationen« treffen Sie Timo Brandt: Der junge Lyriker und Lyrik-Kritiker (Jahrgang 1992) lässt Sie teilhaben an seinem ganz persönlichen Zugang zur Lyrik: Bei der Lektüre von Gedichten fließen Eindrücke zum Tagesgeschehen und poetische Impressionen zusammen. Der Leser begibt sich in einen beinahe meditativen Zustand, ganz im Hier und Jetzt und achtsam gegenüber den Phänomenen im gegenwärtigen Augenblick. Der Verknüpfung von Gedicht und Gedankenfluss geht Brandts Kolumne nach.

 

In den letzten Tagen, während sich der Winter hier in Wien nicht entscheiden konnte, ob er aufhören oder anfangen soll, habe ich in spätabendlichen Stunden Kontakt zu einem ins Schweigen gebogenen, in Metaphern-Grundsätzen leicht gepanzerten, suhrkampblauen Werk aufgenommen. Ich verwende bewusst eine Redewendung, die ein entferntes, nicht einmal wirklich persönliches Treffen nahelegt. Denn vor dem Werk eines der größten Poeten der deutschen Nachkriegsliteratur steht man nach wie vor als Fremder, den es in eine Landschaft der sprachlicher Monumente, voller entzogener Architektur, verschlagen hat, in der oft, wenn man auf ihren Hügelkuppen steht, ein Hauch vergesslicher Schande vorherrscht, der auf irgendeine innere Membran wie ein Orkan seine Finger drückt.

Celan ist die poetische Geste, die jeden Schmerz, jedes Entsetzen, jede Regung zu Bildbeweisen filtert, habe ich mir einmal, vor Jahren, notiert. Das ist schon nicht verkehrt. Aber wie so oft, ist es nur die halbe Wahrheit, zu der noch eine weitere Hälfte fehlt – die dann wiederum allein dastehen wird und in ein paar Jahren von einer neuen Celan-Lektüre ergänzt werden muss. Entscheidend ist, was die erste und dann die erneute Beschäftigung für uns an Eindrücken bereithält; nicht entscheidend ist, wie die Geschichtsbücher die Werke auslegen, denn wir sind nicht in den Geschichtsbüchern enthalten, warum sollten wir also ihre Meinungen und Monodogmismen bewahren, nur damit verfahren? Für viel wichtiger halte ich es, Celan als Anregung, als Möglichkeit zu einer Sprache zu erfahren.

Diese Sprache kennt viele Wörter, viele Worte. Schwimmendes Licht fördert sie, sie klackt mit Eulenrufen, zeigt ihre eigene Augapfeltiefe. Während ich blättere, lese, und Vorstellungen zu diesen Bildern in mir anbringe, aufhänge, drängt mich das Gespenst meiner Literatur-Kompendien, nebst dem Reflex, etwas verständlich zu benennen, dazu, das Stichwort Hermetik hervorzuziehen, in mir fallenzulassen. Abweisend ist der Herzmund, das hymnisch-zergehende Schraffieren, die Trauer und die Schwestergestalt; ein Schneetreiben, gesandt um mich zu erstaunen, des Atems zu berauben und mir jede Sicht zu nehmen, die weiter reicht als in die bloße Präsenz, die Anwesenheit der Begriffe, hinein. Doch meine Vorstellungen widersprechen.

Sie widersprechen, obgleich sie nicht wissen, was sie letztendlich mit ihrer Überzeugung werden anfangen können. Poesie lässt sich nicht beweisen; eine Tatsache, die niemand so sehr zu provozieren scheint, wie Paul Celan mit seinem Werk. Was wird dort verhandelt, was gesagt oder gefragt, wer wird angesprochen? Ich kann diese Existenzbestimmungen, die nach Schließmechanismen verlangen und einem Unterfangensbericht, nicht festlegen und will es auch nicht. Für mich ist entscheidend, was in den Weiten dieser Existenz blüht: die Niemandsrose. Ein Wort, ungenau und nicht mit hundert Handgriffen auszupacken, aber eine plötzlich offenstehende Tür, die jeden Moment zu einem Fenster werden kann.
Manche sprechen in diesem Zusammenhang von Wortalchemie. Aber ich weiß nicht: kommt dieses Wort, so schön es ist, an die Niemandsrose heran …?

 

Timo Brandt

Timo Brandt

Die »Poesie. Meditationen« werden Ihnen von Timo Brandt (Jahrgang 1992) präsentiert. Er studiert derzeit an der Universität für angewandte Kunst in Wien, am Institut für Sprachkunst. Er schreibt Lyrik und Essays, außerdem veröffentlicht er Literatur-Rezensionen auf seinem Blog lyrikpoemversgedicht.wordpress.com, Babelsprech.org und Amazon. 2013 war er Preisträger beim Treffen junger Autoren.

Alle bereits erschienenen Folgen der »Poesie. Meditationen« finden Sie hier.
 

Ein Kommentar

  • …weht nicht in jedem Vers eines Dichters dessen Befindlichkeit zur Stunde, innerhalb seiner Zeit, mit ? – Wie ein Abdruck in seidenem Tuch schimmern diese Worte. – Und dieser Neogolismus: „Niemandsrose“, erschaffen von Paul Celan, in einer Unzeit, dieser Qualzeit dunkelster Kapitel, lässt einer Ahnung Raum, dass Dichtung auch Rettung sein kann, geboren im Kosmos des Dichtens – ein zeitweiliges Entrinnen aus der Schroffheit der Tage, nicht nur für den Dichter selbst: im besten Fall für die Ewigkeit – dieser seidene Abdruck im Tuch der Zeit. – Das Verknüpfen von Gedicht und Gedankenfluss, wie es Timo Brandt so treffend beschreibt. – Stellt solch eine Befindlichkeit nun einen illusionärer Eskapismus dar ? – Ich behaupte: nein ! – Das Streben nach Schönheit und Liebe, was im besten Sinne der Tradition Dichtung überhaupt ausmacht, ist nichts anderes, als das sich Annähern an den Ursprung des Seins und damit hin zu einer grandiosen Wahrheit: zur „Niemandsrose“ unserer aller Seelen.

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