Poesie. Meditationen – Folge 13: Lob der Elegie und Nachruf auf Lars Gustafsson

In den »Poesie. Meditationen« treffen Sie Timo Brandt: Der junge Lyriker und Lyrik-Kritiker (Jahrgang 1992) lässt Sie teilhaben an seinem ganz persönlichen Zugang zur Lyrik: Bei der Lektüre von Gedichten fließen Eindrücke zum Tagesgeschehen und poetische Impressionen zusammen. Der Leser begibt sich in einen beinahe meditativen Zustand, ganz im Hier und Jetzt und achtsam gegenüber den Phänomenen im gegenwärtigen Augenblick. Der Verknüpfung von Gedicht und Gedankenfluss geht Brandts Kolumne nach.

 

Gedichte: einige der schönsten.

Um nicht zu sagen: besten. Denn das hieße gar nichts. Das wäre nichts, was eine Poesie wollen könnte: zu bessrem zu gehören. Poesie mag nach vielem streben: Schönheit, Begreifen, Entziehen, Vervielfältigen, Fokussieren, Abspalten, Anfassen, Nachsinnen, Aufmerksamkeit, Sehnsucht, Widerstand, Stückelung, Spaß, Fragwürdigkeit, Ideen, Widersinn, Gedanken, Entfernungen, Nähe, Aufrichtigkeit, Blendung, Sinn, Erkenntnis oder Klang oder einer Substanz an Sprache, die das Erleben von Sprache generell erweitert.

Aber sie wird nicht versuchen sich zu messen mit irgendwas. Sie ist selbst ihr eigenes Maß. Sie muss sich in diesem Maß nicht großtun, denn was sie bei sich tragen, was sie sagen will, kann zu ihr gehören – was sie auslässt, weglässt, verlässt, wird ihr meist zum Vorteil gereichen.
Es gibt in der Poesie nicht das Bessere. Das würde behaupten, es gäbe eine Wertabstufung. Doch das ist nicht vorhanden, es gibt nur die Schönheit. Und bei allem Kitsch, aller Fragwürdigkeit, die dieses Wort umgeben, sollte man sich ansehen, was einfassen kann: Es ist der Begriff für das, was alle poetischen Sätzen und Ideen gemeinsam mehren, ohne Ende, ohne Abstufung und Wertung.

Lars Gustafsson hat einige wunderschöne Gedichte geschrieben. Er war ein Elegiker im Kleinen wie im Großen. Einige Verse aus seinen Bänden sind mir fast schon sprichwörtlich geworden.

Seine Gedichte beleben die Welt. Genauer: Die Elemente der Welt: Dinge und Orte und Atmosphären, die meist in ihrer abgeschlossenen Beschaffenheit eine gewisse Ferne zum Leben aufzuweisen scheinen – und doch werden sie erlebt; wenn wir wollen sogar ganz umfassend und nah. Dann wird aus jeder Beschaffenheit eine Spiegelung der Lebendigkeit.

Die Wirklichkeit ist beides: Vorhandenes, Für-sich-Stehendes und eine Vorstellung desjenigen, der sie erschafft. Und diese Gegensätze werden vereint in Gustafssons Gedichten, werden zelebriert und gemeinsam in die Wahrnehmung geführt.

Der Ort, wo Gedichtzeilen zu Poesie werden, ist der Ort, wo Sinnhaftigkeit und Sinnlichkeit ineinandergreifen, sich irgendwie begegnen. Das ist ein geradezu magischer Moment. Oft ist es eine funkensprühende Metapher, eine gelungenes, schönes Bild. Bei Lars Gustafsson ist die Vollendung eines Bogens, der eine Betrachtung so nah ans Empfinden, ans Erfahren rückt, das daraus eine großartige, leise Poesie erklingt.
 

–Elegische Variation auf Motive von Lars Gustafsson–

Die Fahrradlampe, die immer noch nicht repariert wurde,
der Dynamo, der nicht das Rad berührt; um die Dinge

kümmert man sich wenig, verlässlich. Das Küchenmesser,
das man nie zum Messerwerfen nutzte, es wurde stumpf,

während die Kinder erwachsen wurden und die Präsidenten
wechselten – dein Vater und du das ein oder andere

Wort. Die Bücher, die du sammeltest – schließlich musst du Dich darin sammeln! – endlos
und die Musik schlug beizeiten über wie ein Segen und verflog

in all den Nächten von denen du träumtest sie zu nutzen, zu füllen
und am Ende nutze und erfüllte jede Laune dich.

Was waren die Namen?; dein eigener war dir nie vertraut, aber etwas reagierte ständig, wollte dich
bekannt machen mit ihm. Glauben trug schwer an Koffern

mit Medikamenten, Verträgen, Werkzeugen, aber nichts davon
breitete sich aus, ging ins Blut – spukte, spuckte in deinen Schädel

wichtiger war die Überzeugung der Welt und deine stand.
Ja, Liebe: Ständiger Abschied von der Nähe – sinnlich, bizarr, voll Schwund.

Und schön. Als ginge der Klang der Klaviatur
über alle deine Tasten, nicht sanft genug. Was fiel auf, was fiel weg?

Wie viel?

Und an manchen Stellen, in manchen Stunden, ging dir auf,
dass die Antworten den Fragen überlegen sind und du selbst

nicht überlegen sein willst. Das Glück kam oft in Pflege,
wir fanden unsere Wege aus jedem Märchenwald, aber

ritzten viel in die Bäume.

Und eines Nachts, als irgendetwas sich ergab,
ein Kuss, ein Gespräch, das nächste Gedicht,

da wurde klar, gerann in dir, bevor es wieder Feuer wurde,
»dass diese ganze Sucherei nach Dingen und nach Werten

nur ein Spiegel war für dein sehnsüchtiges Verlangen:
jemand möge mit dem gleichen Eifer nach dir suchen.«
 

© Timo Brandt, Wien
 

Timo Brandt

Timo Brandt

Die »Poesie. Meditationen« werden Ihnen von Timo Brandt (Jahrgang 1992) präsentiert. Er studiert derzeit an der Universität für angewandte Kunst in Wien, am Institut für Sprachkunst. Er schreibt Lyrik und Essays, außerdem veröffentlicht er Literatur-Rezensionen auf seinem Blog lyrikpoemversgedicht.wordpress.com, Babelsprech.org und Amazon. 2013 war er Preisträger beim Treffen junger Autoren.

Alle bereits erschienenen Folgen der »Poesie. Meditationen« finden Sie hier.

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