Poesie. Meditationen – Folge 5: Listen

In den »Poesie. Meditationen« treffen Sie Timo Brandt: Der junge Lyriker und Lyrik-Kritiker (Jahrgang 1992) lässt Sie teilhaben an seinem ganz persönlichen Zugang zur Lyrik: Bei der Lektüre von Gedichten fließen Eindrücke zum Tagesgeschehen und poetische Impressionen zusammen. Der Leser begibt sich in einen beinahe meditativen Zustand, ganz im Hier und Jetzt und achtsam gegenüber den Phänomenen im gegenwärtigen Augenblick. Der Verknüpfung von Gedicht und Gedankenfluss geht Brandts Kolumne nach.

 

Aus der breiten Rippenstatt der Musik glänzt es mich an, das verführerische Stück, der eine Song, den ich gerade höre. Er teilt sich nicht auf, nimmt keinen Umweg, ich bin ganz darin.

Es ist Lou Reed. In letzter Zeit ist es oft Lou Reed. Wie ein dünnes Stück Holz, auf dem Meer, draußen, es treibt, wellengelegt, nicht mal eine Planke, Dielenholz kaum; es ist Lou Reed und seine Gitarre und seine Stimme und ein schwach erleuchteter Weg, immer weiter, in die unkenntliche Nähe hinein, die seine Musik herausgreift, stromt und die Ablagerungen aufweht, die Ablagerungen von Verlust und Lust.

Er singt als würden die letzten Zeiger sich drehen. Und als wäre das nicht schlimm. Dann will er schützen, was sich unter die Baggerschaufeln krümmen muss, auf schmale Gehwege, in kahle Häuser passen soll, und nicht kann, will eine Stimme geben.

Ich liebe die Musik. Sie ist mir allerdings fast nie laut genug. Es gibt zahlreiche Gedichte in der Musik, die hat noch keine Innovation befallen, der Klang spült die Zeilen wie Bernsteinhöhlen aus und macht sie klar und unvereinbart; weit und doch vernommen.

Billy Joel singt ohne Punk von Ehrlichkeit. In einem Mary Chapin Carpenter Song biegen sich alle Gefühle zurück in sich selbst, kleiner, schieben sich über den blinden Fleck. Springsteen. In einem seiner Stücke kann der Dunst von tausend eingeregneten Gassen liegen oder auch nur der Dreck unter den Fingernägeln. Das unhaltbare Licht der Autoscheinwerfer. Prärien, Fabriken, einsame Nächte voller Hände, die andere Hände halten wollen. Und unter den Herzen wird ein Spaten in die Erde getreten, die tiefe schwarze Erde.

Die Songs, Teile meines Lebens, auch immer Teile meines Denkens. Landschaften hinter dem Stirnrunzeln der Worte, den vielen Formen des Verwerfens, ausgebreitet durch die Schwingung. Restloses Dasein darin, welches wie eine Kugel durch dich rollt, Kopf bis Bauch bis Nacken bis Haut, bis Kreuz bis Arme bis Augenlid; von Herz bis Hirn bis haltlos.

Meat Loaf erzählt Geschichten, wenn die Seele ein Auto wär, im Seitenspiegel. Manches ist nur Feier und Abschminken, von ACDC bis Eric Clapton, von Sting bis U2. Mal mehr, mal weniger versinken. Musik gefriert in großen Blöcken. Und schmilzt am Feuerzeug in deinem Gehör.
 

Timo Brandt

Timo Brandt

Die »Poesie. Meditationen« werden Ihnen von Timo Brandt (Jahrgang 1992) präsentiert. Er studiert derzeit an der Universität für angewandte Kunst in Wien, am Institut für Sprachkunst. Er schreibt Lyrik und Essays, außerdem veröffentlicht er Literatur-Rezensionen auf seinem Blog lyrikpoemversgedicht.wordpress.com, Babelsprech.org und Amazon. 2013 war er Preisträger beim Treffen junger Autoren.

Alle bereits erschienenen Folgen der »Poesie. Meditationen« finden Sie hier.

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