Poesie. Meditationen – Folge 7: Von der Weisheit und vom Finden

In den »Poesie. Meditationen« treffen Sie Timo Brandt: Der junge Lyriker und Lyrik-Kritiker (Jahrgang 1992) lässt Sie teilhaben an seinem ganz persönlichen Zugang zur Lyrik: Bei der Lektüre von Gedichten fließen Eindrücke zum Tagesgeschehen und poetische Impressionen zusammen. Der Leser begibt sich in einen beinahe meditativen Zustand, ganz im Hier und Jetzt und achtsam gegenüber den Phänomenen im gegenwärtigen Augenblick. Der Verknüpfung von Gedicht und Gedankenfluss geht Brandts Kolumne nach.

 

für Maria

Mitten im Durcheinander der Sprache, die gezogen und geschleift wird von Fülle und von Leere, durch Jahrhunderte und Minuten, findet die Poesie Briefkästen, in denen sie Nachrichten hinterlassen kann. Es sind jene Gedichte, die so enden, dass man meint, von einem Erinnern gestreift worden zu sein und durch dieses Erinnern hindurch einen Blick ins Land des Vergessenen werfen zu können; einen Blick, der wiederum als Erinnerung auf der Netzhaut zurückbleibt und sich wie ein Netz um alles zieht, was durch diesen Anblick bewahrt werden kann.

Kavafis schrieb von Barbaren, von Thermophylen, Ithaka und von Caesaren. Lars Gustafsson schreibt von Erinnerungen, kleinen Figuren, kalten Wintern und den ruhigen Momenten des Erlebnisses; Erlebnis, welches, als Spiegel und Fenster zugleich, stets an deiner Seite geht und sich manchmal nur durch ein Wort, einen Gedanken, einen neuen Blick vom einen ins andere verwandelt.

In beiden Dichtungen steckt eine große Besonnenheit. Schlichte Beobachtung, die das Leben zu einer Wahrheit macht, in der wir leben können, entwickelt sich, Zeile um Zeile, zu einem offenen, mit Nicht-Verstehen gesäumten Feld, über das die vertieften Sinne unseres Ichs und unsrer Existenz frei, fast ungehemmt, und doch begrenzt, wehen können – und wir erkennen die große Entfernung zur Welt; doch gleichzeitig, verblüffend, liegt in den Versen ein Abbild der Kraft, die uns diese Entfernung so oft überwinden, zurücklegen, vergessen lässt.

Eine in Ruhe aufgelöste Weisheit wird uns gereicht, wenn wir Gustafsson und Kavafis lesen. Sollte man nach Weisheit streben? Sollte ein Gedicht nach Weisheit streben? Sie erweitert, aber sie schränkt auch ein. Ihre Venen sind voll, aber dabei nicht schnell.

Warum beruhigt uns ihre Schönheit so? Sie geht über das Erkanntsein hinaus. Sie zieht über einen Klangkörper den Bogen, den wir in unserem umkämpften, durcheinandergebrachten, von vielen Emotionen aufgebrachten In-uns-wohnen, kaum noch stimmen oder hören können; kaum hören wir ihn, sind wir Geschöpfe dieser Musik, wir richten uns danach, ein Lebenstakt, ruhig und unabstrakt, geht in uns auf.

Wohin, an welche Stelle in der Weltengleichung, gehen wir, wenn wir Gedichte lesen? An eine Stelle, an der wir erkennen, ablesen können, dass all unser Suchen sehnsüchtig ist und hofft, dass irgendetwas, mit dem gleichen Eifer, nach dir sucht und dich finden wird.
 

Timo Brandt

Timo Brandt

Die »Poesie. Meditationen« werden Ihnen von Timo Brandt (Jahrgang 1992) präsentiert. Er studiert derzeit an der Universität für angewandte Kunst in Wien, am Institut für Sprachkunst. Er schreibt Lyrik und Essays, außerdem veröffentlicht er Literatur-Rezensionen auf seinem Blog lyrikpoemversgedicht.wordpress.com, Babelsprech.org und Amazon. 2013 war er Preisträger beim Treffen junger Autoren.

Alle bereits erschienenen Folgen der »Poesie. Meditationen« finden Sie hier.

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