Poesie. Meditationen – Folge 9: Die Sonne über den Schatten der Welt

In den »Poesie. Meditationen« treffen Sie Timo Brandt: Der junge Lyriker und Lyrik-Kritiker (Jahrgang 1992) lässt Sie teilhaben an seinem ganz persönlichen Zugang zur Lyrik: Bei der Lektüre von Gedichten fließen Eindrücke zum Tagesgeschehen und poetische Impressionen zusammen. Der Leser begibt sich in einen beinahe meditativen Zustand, ganz im Hier und Jetzt und achtsam gegenüber den Phänomenen im gegenwärtigen Augenblick. Der Verknüpfung von Gedicht und Gedankenfluss geht Brandts Kolumne nach.

 

Es ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt über W. H. Auden zu schreiben. Brodsky sprach vom Dichten als dem Versuch »einem Schatten zu gefallen«, der weit über ihn hinaus bereits geworfen wurde. Auch ich stehe in diesem Schatten, aber für mich ist W. H. Auden eine Sonne. Wo immer es um Poesie geht, ist er vorhanden; ich kann mir das Wort Gedicht nicht mehr ohne ihn vorstellen.

Der Klang des Englischen bei ihm, nicht geduckt ins Algorithmische, das Lapidarsein auf Kommando, nicht exaltiert ins Gehobene, wo alle frischem, flirrenden, weichen Töne Reigen spielen, nicht versimpelt, sondern: ins Empathische gewendet. Die verblüffendste Bewegung einer Dichtung, die ich je erlebt habe, gleich einem 8. Weltwunder.

Auch, weil sie deswegen nicht nur Dichtung ist.

Die Wirklichkeit mit Bildern dir vertraut zu machen, einige Dichter könnten das von sich behaupten; die Sprache in eine Ebene zu tragen, wo sie auf die Probe und in die vollständige Wahrnehmung gestellt werden kann, viele Dichter bewerkstelligen das. Doch Gefühle dahin zu führen, wo sie ihre größte Ausdehnung erleben; eine Form von Wahrheit abzubilden, welche die Wirklichkeit nicht festlegen kann, aber direkt aus ihr entspringt; und einen Sinn für den Vers zu haben, der uns wirklich sagt, warum Elemente zusammengehören, das alles findet sich nur vereint bei Wystan H. Auden.

Mit dem Ansatz der Analyse beginnen die Gedichte, als wollten sie für ein Ergebnis leben, aber das ist es nicht, was sich dann offenbart: es ist das Wesentliche, wo man es gerade finden kann, unberührt gelassen, schlussendlich. Kein Eingriff findet statt, kein Stück vom Gefühl wird für eine Metapher abgebrochen und entfernt, die Gefühle verdichten sich vielmehr und finden einfach statt.

Ich bin voll Bewunderung für die Schönheit. Und Auden entzog mir die Schönheit nicht, aber schenkte mir ihre Aktualität, zeigte mir ihren verschwindenden Ton in den Handlungen der Menschen, der dadurch auf mich zukam, mich einfasste, mich an seine Fersen hängte. Eine Frage nach den letzten Wunsch kündigt sich in Audens Versen an – nie eingelöst, aber so nah bei dir, dass du ihn lange spüren und lange mit ihm leben kannst.
 

Timo Brandt

Timo Brandt

Die »Poesie. Meditationen« werden Ihnen von Timo Brandt (Jahrgang 1992) präsentiert. Er studiert derzeit an der Universität für angewandte Kunst in Wien, am Institut für Sprachkunst. Er schreibt Lyrik und Essays, außerdem veröffentlicht er Literatur-Rezensionen auf seinem Blog lyrikpoemversgedicht.wordpress.com, Babelsprech.org und Amazon. 2013 war er Preisträger beim Treffen junger Autoren.

Alle bereits erschienenen Folgen der »Poesie. Meditationen« finden Sie hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.