Religion und Lyrik – Folge 17: »tang«

Die begleitende Netz-Anthologie zu DAS GEDICHT 25,
zusammengestellt und ediert von Anton G. Leitner und José F. A. Oliver

 

Jan Wagner

tang

wieder ist da sein duft, durchdringt all die jahre, schwächer, unverkennbar: tang, in einem bestseller von miller oder young, gepreßt mit etwas sand, mürbe wie alte lederriemen, meereszügel; porös wie ein rangabzeichen, ein ordensband aus glorreichen zeiten, das uns peinlich berührt. kaum zu glauben, daß er einst unsichtbares in tanz zu übersetzen wußte; anmut ist eine frage der strömung, er beweist es, etlicharmige unterwassersirene, wenn auch stumm, ohne gesang. wie er sich um die schrauben schlang, mit all seiner nachgiebigkeit, ölig glänzend wie ringerkörper; wie er dem schwimmenden kalt ans bein griff, ihn als ertrunkenen begrüßte unter seinesgleichen. nach dreißig stunden sturm und wellengang als brandungsschlacke am strand: müde haufen von braun, die immer noch mühelos die dackel der urlauber verschlingen könnten; die abgestreifte puppe von etwas gewaltigem, das über nacht schlüpfte und fortflog, uns unerkannt entkam.

 

© Jan Wagner, geboren 1971, lebt in Berlin.
 

»Religion & Lyrik« im Archiv

DAS GEDICHT 25: Religion im Gedicht

Den Kernbestand neuer zeitgenössischer Lyrik rund um den Glauben versammelt
»DAS GEDICHT 25: Religion im Gedicht«,
herausgegeben von Anton G. Leitner und José F. A. Oliver

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