Religion und Lyrik – Folge 29: »Der Abglanz des Himmels«

Die begleitende Netz-Anthologie zu DAS GEDICHT 25,
zusammengestellt und ediert von Anton G. Leitner und José F. A. Oliver

 

Thomas Glatz

Der Abglanz des Himmels

Der Abglanz des Himmels
an die Decke gemalt
wie Himmel, der sich in Pfützenoberflächen spiegelt.
Darin schwimmen die Flügel der Engel
wie Schwebfliegenflügel in
scheinbarem Stillstand.

Engel zersingen die dunklen Wolken.
Manchmal blüht ein Gebet auf, manchmal verwelkt eines.
Manchmal hustet jemand.
Ach dieses Barock!
Ein einziges Engelein- und Wolkengequelle!

Töne,
aufgereiht an einer Melodieschnur,
werden vom Notenblatt abgeperlt
langsam, wie Rosenkranzperlen,
die den Betenden aus den Fingern gleiten.
Ein leises, lyrisches Stück klingt aus.
Dann Applaus.
Der Organist ist der unsichtbarste aller Musiker.
Man sieht ihn nur am Ende eines Konzerts
wenn er zur Brüstung kommt
und sich verbeugt.

Ein kleiner mit so Sauerkrauthaaren.
 

© Thomas Glatz, geboren 1970, lebt in München.
 

»Religion & Lyrik« im Archiv

DAS GEDICHT 25: Religion im Gedicht

Den Kernbestand neuer zeitgenössischer Lyrik rund um den Glauben versammelt
»DAS GEDICHT 25: Religion im Gedicht«,
herausgegeben von Anton G. Leitner und José F. A. Oliver

Kommentar verfassen