Religion und Lyrik – Folge 8: »Amos«

Die begleitende Netz-Anthologie zu DAS GEDICHT 25,
zusammengestellt und ediert von Anton G. Leitner und José F. A. Oliver

 

Ulrich Johannes Beil

Amos

Auf einmal – ein Donnern,
als krachten Felsplatten gegeneinander in trockener Luft.
Die Religionen brüllen. Eine uralte Kraft steigt auf:
»Mir stinken alle eure Feste.«

Totaler Stromausfall. Sich an einer Planke
festhalten, einer Zeile, und sei es einer abgebrochenen …
Ich lege mich auf den Boden, um die Erde zu spüren,
auch wenn es nur Dielen sind, Beton im 13. Stockwerk.

»Und wo bist du, mein Schatz, mein Konsonant?«
Die dunkle Palme vor den dunklen Häusern sagt:
Die Nacht hat mehr Macht als das Licht.
Keine Schrift ist mehr lesbar – auch keine heilige.

Die Härchen meines Oberarms laufen insektenartig
vor meinem Atem her, während ich nach der Maske taste,
die mich nachts vor Träumen schützt.
Der Jubelböller und der Todesschuß sind ein und dasselbe.
 

© Ulrich Johannes Beil, geboren 1957, lebt in Zürich.
 

»Religion & Lyrik« im Archiv

DAS GEDICHT 25: Religion im Gedicht

Den Kernbestand neuer zeitgenössischer Lyrik rund um den Glauben versammelt
»DAS GEDICHT 25: Religion im Gedicht«,
herausgegeben von Anton G. Leitner und José F. A. Oliver

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