Verse für den Gaumenkitzel – Folge 14: »Elegie auf das letzte Glas Bier«

Die begleitende Netz-Anthologie zu DAS GEDICHT 23,
zusammengestellt und ediert von Kerstin Hensel und Anton G. Leitner

 

Timo Brandt

Elegie auf das letzte Glas Bier

Ich wirke sehr blass in meinen Unterlagen über das Glück.
Gottlob kann man ja lange hin und her korrigieren
am Tresen.
Natürlich gibt es letztlich kein zurück – ein Schluck
denn alle Fehler sind bereits gewesen,
werden sein, was sie waren … Connie!, bring
mal noch zwei Stück.

Man kann sich über alles unterhalten; über nichts
ist man erhaben.
Ein Bier ist gutmütig, kann kaum misslingen; Schallplattenrille
voller Stille …
Was soll ein Mensch denn klagen?
Wie viel kannst du vertragen?
Ich will ein bisschen Schwund, auch wenn die Kehlen schreien:
Fülle!

Kreisrunde Schaumabdrücke zieren die Zeitung.
Im Gegensatz zum »passiert«, zum Geschehen,
hat der Mensch doch eine ziemlich lange Leitung.
Hier sitzen wir nun und es gibt keine Pipeline
für all das, was wir wissen sollten, oder können, wollen.
Vielleicht ist die Welt nicht weiter von Bedeutung.

Aber irgendwann kann man den Grund des Glases sehen …
Egal wie viel wir trinken – am Ende ist es leer.
Und was wir dann noch nicht verstehen …
Wir trinken an Problemen und finden nur Geduld.

Gezapftes spukt an meinem Hirnzopf. Malz als Salzwiese
durch die ein warmer, leichter Müdwind weht.
Hopfen und Schaum wiegen Gold in ihren Pfoten, schwemmen es
durch ihre Pforten in den bittren Ton,
kandiert mit lauter leuchtenden Versprechen.

Ich gehe zur Neige und meinem Glas fällt es schwer,
noch klar zu atmen in der kleinen Pfütze Bier,
ein Kranz aus Weiß – wohin das Gold? Woher?
Du hast mich schwer durchleuchtet,
doch unerkannt
sitze ich hier.

Mein Kopf liegt auf der Schulter von etwas, behaglich.
Die Schulter: meine Hand.
Das etwas: dieses letzte Glas.
 

© Timo Brandt, geboren 1992 in Düsseldorf, lebt in Wien.

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Ein Kommentar

  • Michael Lehmler

    Dritter Versuch (grrrrr)

    zu Elegie auf das letzte Glas Bier von Timo Brandt

    elegie

    e in
    l etztes
    e insames
    g läsernes
    i neinander
    e inssein

    Michael Lehmler, Köln

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