Verse für den Gaumenkitzel – Folge 30: »quitten einkochen«

Die begleitende Netz-Anthologie zu DAS GEDICHT 23,
zusammengestellt und ediert von Kerstin Hensel und Anton G. Leitner

 

Annette Hagemann

quitten einkochen

wir haben die gelben quitten mit
tennisschlägern in die töpfe geschlagen
der gelierzucker flog ihnen hinterher
wie schnee im spätsommer flog flimmernd
in richtung der maulaufsperrenden tiegel und töpfe
in der küche wo wir marmelade herstellten
so als gäbe es bald einen langen winter
wo wir quittenmus einkochten ohne kerne
aber mit schale und allerlei stellen gelben warzen
braunen schründen und ratschern dennoch: alles
war gut genug jede stelle war gut für sich
und wir ahnten schon: gelee und letzte wespen
und goldenes nachmittagsflirren und die zuckerspuren
in der luft im küchengebläse und nicht zu vergessen
unser alljährlicher glaube an die veränderungen beim
quitteneinkochen: von geschmack beschaffenheit und farbe
in letzter andacht zuzusehen wie sich das harsche gelb in ein
mildes ein weiches orange wendet in diesem moment
das wussten wir wäre es so weit: würde
die frucht auf den sweetspot auftreffen
 

© Annette Hagemann, geboren 1967 in Münster / Westfalen, lebt in Hannover.

Illustration von Elisabeth Süß-Schwend zu »quitten einkochen« von Annette Hagemann

Illustration von Elisabeth Süß-Schwend zu »quitten einkochen« von Annette Hagemann

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