Verse für den Gaumenkitzel – Folge 37: »Empfehlung vor der hungernot«

Die begleitende Netz-Anthologie zu DAS GEDICHT 23,
zusammengestellt und ediert von Kerstin Hensel und Anton G. Leitner

 

Andreas Reimann

Empfehlung vor der hungernot

Die haselmaus weiß es, der hamster, die biene:
bevorrate dich! Das verderbliche mach
haltbar. Am besten, du trocknest es aus,
denn dann wird es zäh – das ist gut für’s gebiß! – ,
denn dann wird es leicht – das ist gut, wenn die gier
dir aufbuckeln möchte die randvolle kiepe,
indem sie dir flüstert: die hungersnot droht
gleich hinter dem griesbrei-gebirge!

Das pflaumenblau wird auf dem kuchenblech dörren
zu klebriger schwärze, mit farnsporenkleinen
kristallen aus innerem zucker besprenkelt:
das muß man schon wissen, sonst hält man das weiße
für schimmelbefall! Doch der wissende kann
auch nunmehr den schimmel mit zucker verwechseln:
bevorrate dich!, heißt: mit brechmitteln auch.

Doch letztres erübrigt sich (lehrt die erfahrung)
bei argloser innerer anwendung von
getrockneten pilzen. Es duftet so herbstherb
aus leinenem säckchen, so harzig und sonnig!
Und ob die marone marone gewesen:
auch dieses geheimnis nimmt mit man ins grab.

Vielleicht aber kommt man in solch einem fall
ja garnicht hinein!: ritter kahlbutz bei kyritz,
vermutlich durch eines lamellenpilzes
verzehr vergiftet (die flüssigkeiten
des leibes erbrochen und ausgedärmt plötzlich)
liegt offen zu tage, ganz ausgedörrt ohne
das zutun ägyptischer priester!

Und auch die am end der gelegenheiten
wie unerwartet aus dem asphalt
aufgetriebenen barrikaden
bleiben, wenngleich vertrocknet,
den spätren erhalten: in allen
amtststuben stehn sie, genannt
schreibtische nun, und dahinter
die pflaumentoffel, sich selber, die reste,
der revolutionen, verwechselnd
mit dem vorrat der revolution.
 

© Andreas Reimann, geboren 1946 in Leipzig, lebt dort.

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