Versheimat – Folge 60: »pharaonen, färöerfarben«

Die begleitende Netz-Anthologie zu DAS GEDICHT 24,
zusammengestellt und ediert von Fitzgerald Kusz und Anton G. Leitner

 

Kathrin Schmidt

pharaonen, färöerfarben

in meinem zimmer der nil. ein immerfeuchtfremdling
zwischen papierenen wüsten, wechselfeucht
in der nähe des fensters. die archivierten kulturen
lagern an seinen ufern, ich greife hin und wieder eine heraus
und gehe auf abstand: der nil bleibt im zimmer,
ich aber öffne die tür zum balkon.
es rauscht nun im rücken, papyrusfragmente
wirbeln umher. ich lache mir eins ins geschlossene fäustchen,
dreh mich nicht um. soll er ruhig drohen,
ich stehe mit seiner kultur unterm freien der vielen himmel.
lese dies, lese das. zum glück klappert könig menes
mit löffelähnlichem gegenstand, als die nilschwemme droht.
ich springe zurück, während bücher aus dem regal
in den fluss stürzen. schließlich bilden sie inseln
für pharaonen. färöer, muss ich noch denken,
als mir schon kalt wird. und siehe da: ich sitze mit alten ägyptern
im nordatlantik und warte auf eine fähre zurück
in mein zimmer. wo hoffentlich immer noch nil ist.
 

© Kathrin Schmidt, geboren 1958, lebt in Berlin.

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DAS GEDICHT 24: Der Heimat auf den Versen

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