Vom Leder gezogen – zur EM 2016 in Frankreich, Folge 21: »Die andere Möglichkeit«

Die Lyriker-Mannschaft von DAS GEDICHT blog mit Kapitän Jan-Eike Hornauer kommentiert die Fußball-EM unterm Eiffelturm

 

Michael Hüttenberger

Die andere Möglichkeit
Unverhohlen defätistischer Abgesang auf den EM-Titel
nach dem Spiel gegen Polen
frei nach Erich Kästner

Wenn wir den Cup gewonnen hätten,
gält Höwedes als Klassemann,
er dürfte weiter hinten retten,
obwohl nach vorn er wenig kann.

Herr Hector, vorne sehr begrenzt,
dem hinten öfters wer entkam,
blieb weiter ohne Konkurrenz.
Und niemand mehr vermisste Lahm.

Und Özil blieb’ auf 10 die Norm,
formunabhängig eine Bank.
Khedira suchte seine Form,
wer deshalb meckert’, gält’ als krank.

Ein Draxler risse uns vom Hocker,
an Müller würd’ man sich erfreun,
ein Schürrle wär ein Superjoker,
ein Götze Spitzen-falsche-9!

Gut, Hummels, Neuer, Boateng
wär’n hinten sowieso ’ne Bank.
Für Schweini wär’s genauso eng.
Und Kroos? Gesetzt sein Leben lang.

Als ewig talentiert gält’ Weigel,
genau wie Kimmich und Sané,
wer käme wann aufs grüne Zweigel,
und gäb es weit’re Junge je?

Wir wär’n die Besten in Europa,
nicht nur die Besten auf der Welt,
und Jogi würd’ zum Trainer-Opa.
Als allgemeine Meinung gält’:

Die Mannschaft, nicht zu toppen! – Wetten? –
Ihr zuzuschauen ein Gedicht.
Wenn wir den Cup gewonnen hätten.
Zum Glück gewannen wir ihn nicht.

 
© Michael Hüttenberger, Stedesdorf / Darmstadt

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Die EM 2016 lyrisch zu kommentieren, und dies schnell und in doppeltem Sinne fachkundig (mit poetischem und fußballerischem Verstand), mit Witz und Eifer, voll Leidenschaft und auch mal mit distanziertem Blick, dies hat sich das Lyriker-Team um Kapitän Jan-Eike Hornauer zum Ziel gesetzt. Es besteht aus: Michael Hüttenberger, Hellmuth Opitz, Michael Augustin, Alex Dreppec und Matthias Kröner. Und damit durchgängig aus bewährten poetischen Fußball-Kommentatoren: Sie alle waren bereits in der Lyriker-Elf von DAS GEDICHT blog dabei, die vor zwei Jahren den Weg der deutschen Nationalmannschaft zum vierten Stern auf dem Versfuß begleitet hat, spielerisch, euphorisch, kritisch – und mit einer Mannschaftsstimmung, wie man sie sich besser nicht wünschen kann. Und sie alle haben sich blitzschnell dazu bereit erklärt, auch heuer wieder ihre Kugelschreiber rollen zu lassen bzw. am Laptop ihre Silben knallhart in die Ecken der weißen Blätter zu hämmern. Kein Zögern gab es und keine Absage. Der Teamgeist von 2014 ist immer noch da – bei uns und gewiss auch bei den Jungs aus der DFB-Elf. Mögen dort auch einige Spieler durch neue ersetzt worden sein, und mag unser Team zum »kleinen« Turnier auch mit kleinerer Besetzung auflaufen.

Alle bereits geposteten Folgen von »Vom Leder gezogen – zur EM 2016 in Frankreich« finden Sie hier. Und selbstverständlich können Sie auch nach wie vor den kompletten Weg zum vierten WM-Titel poetisch nachvollziehen, und zwar hier: »Vom Leder gezogen – zur Fußball-WM 2014 in Brasilien«.

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