Vom Leder gezogen – zur EM 2016 in Frankreich, Folge 44: »Island«

Die Lyriker-Mannschaft von DAS GEDICHT blog mit Kapitän Jan-Eike Hornauer kommentiert die Fußball-EM unterm Eiffelturm

 

Matthias Kröner

Island
(oder: Das hat was)

Wie sie spielten,
so wild und haltlos,
wie man es nicht mehr kennt,
heute,
da jeder Einwurf durchleuchtet wird,
jeder Spielzug eine Computergrafik,
einstudiert und sehr oft geübt
und analysiert
von einem,
der schon das Totenkopfemblem auf dem Herzen hatte.
Wie sie loslegten und immer weitermachten,
wie sie nicht nachgaben,
wie sie sich selbst verziehen,
wenn sie Fehler machten,
kleine, unbedeutende, die für das Match so wichtig waren,
das hatte etwas von
2006,
lediglich mit anderer Trikotfarbe,
hatte etwas von
Spielfelddurchpflügen,
von »Mir egal, ob wir ausscheiden,
aber jetzt lass uns erst mal spielen!«,
hatte etwas von
»Hast du Angst vor mir,
gut so, ich bin ein Wikinger!«,
hatte etwas von
»Niemand macht sich über uns
und unsere 300.000 Anhänger lustig,
und wenn doch, dann sind wir es,
die am meisten lachen!«,
hatte etwas von
»Dorthin soll der Ball,
und genau dorthin springt er auch.
Warum sollte er nicht tun, was wir von ihm wollen?!«,
hatte etwas von
»Wir gewinnen, na klar, wer bitteschön sonst?!
Ihr etwa? Versucht es, an unseren Beinen vorbeizuziehen,
an unseren wehenden Haaren!«,
hatte etwas von
Anarchie und Wahnsinn,
wie ich es sehen will auf dem Rasen, der die Legenden schreibt,
die sich eintätowieren
in diese und in die nächste
und in die übernächste Generation.

Einer von ihnen,
ein Hippster, grinste,
weil er den Ball nicht im Tor versenkt hatte.
Dieser Schuss hätte das Spiel entschieden.
Was, habe ich mich gefragt, hat der Trainer zu ihnen gesagt,
vor dem Spiel, in der Halbzeitpause,
woher diese Entspanntheit?
Wenn ich an Mario Gomez denke,
die stählerne Tormaschine,
denke ich: Der hätte sich sicher geärgert.

Sollten sie irgendwann gegen uns
auflaufen,
dann, wenn wir gut genug waren gegen den nächsten Gegner,
den Angstgegner,
sollten sie irgendwann gegen uns
antreten,
mit ihren wehenden Haaren,
mit ihren Strafraumwirbeln und diesem einzigartigen Gespür
für Gegenstöße,
sollten sie im Halbfinale gegen uns spielen,
die Inselverrückten,
die einzige wirkliche Überraschung
dieser abwehrvernagelten EM
(»Dass man überhaupt noch Tore sieht …«,
analysierte unlängst meine Schwiegermutter),

ich glaube, ich wäre dafür,
dass sie siegen.

 
© Matthias Kröner, Lübeck

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Die EM 2016 lyrisch zu kommentieren, und dies schnell und in doppeltem Sinne fachkundig (mit poetischem und fußballerischem Verstand), mit Witz und Eifer, voll Leidenschaft und auch mal mit distanziertem Blick, dies hat sich das Lyriker-Team um Kapitän Jan-Eike Hornauer zum Ziel gesetzt. Es besteht aus: Michael Hüttenberger, Hellmuth Opitz, Michael Augustin, Alex Dreppec und Matthias Kröner. Und damit durchgängig aus bewährten poetischen Fußball-Kommentatoren: Sie alle waren bereits in der Lyriker-Elf von DAS GEDICHT blog dabei, die vor zwei Jahren den Weg der deutschen Nationalmannschaft zum vierten Stern auf dem Versfuß begleitet hat, spielerisch, euphorisch, kritisch – und mit einer Mannschaftsstimmung, wie man sie sich besser nicht wünschen kann. Und sie alle haben sich blitzschnell dazu bereit erklärt, auch heuer wieder ihre Kugelschreiber rollen zu lassen bzw. am Laptop ihre Silben knallhart in die Ecken der weißen Blätter zu hämmern. Kein Zögern gab es und keine Absage. Der Teamgeist von 2014 ist immer noch da – bei uns und gewiss auch bei den Jungs aus der DFB-Elf. Mögen dort auch einige Spieler durch neue ersetzt worden sein, und mag unser Team zum »kleinen« Turnier auch mit kleinerer Besetzung auflaufen.

Alle bereits geposteten Folgen von »Vom Leder gezogen – zur EM 2016 in Frankreich« finden Sie hier. Und selbstverständlich können Sie auch nach wie vor den kompletten Weg zum vierten WM-Titel poetisch nachvollziehen, und zwar hier: »Vom Leder gezogen – zur Fußball-WM 2014 in Brasilien«.

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