Weihnachtsgedichte – Folge 19: »Oma Hartmann im Museum«

Die begleitende Netz-Anthologie zu
Mach dein erstes Türchen auf! Neue Gedichte zur Weihnacht,
zusammengestellt und ediert von Anton G. Leitner

 

Salli Sallmann

Oma Hartmann im Museum

Weihnachten naht, die Leute kaufen,
die Einsamen holn was zu saufen.
Die Tierfreunde sie führn an Stricken
die Köter kurz an den Genicken.

Da fällt aus allen Hunden Warmes
als Ausdruck ihres Hundedarmes.
Der Hundekot fällt in den Schnee,
er dampft. Es dampft auch heiß der Tee

zum Christfest aus der Sammeltasse
von Oma Hartmann (knapp bei Kasse).
Doch weihnachtszeitlich hat Erbarmen
das Sozialamt mit den Armen:

Im Kühlschrank friert die Gans vom Staat.
Bald wird ihr heiß: Zweihundert Grad!
Die Oma sitzt zu Haus allein.
Sie schenkt sich manches Gläslein ein.

Die Oma weint. Mit zitternd Händ,
bewirkt sie, dass ein Streichholz brennt;
vom Weihnachtsbaum ein Lichtlein fällt
und hell wird‘s in der Weihnachtswelt.

Es brennt!, es brennt so heiß die Couch.
Die Oma fällt ins Feuer. Autsch!
Die Oma schreit in jähem Schmerz –
warm wird den Mitmietern ums Herz.

Die Feuerwehr, tatü tata,
ist bald mit frischem Wasser da.
Sie spritzt es in den heißen Laden,
als sei es Soße für den Braten.

Schon scharf gebacken sind die Keulen,
da hört den Rettungsdienst man heulen,
zwei Männer stürmen die Treppen hinauf
und brechen voll Zorn die Bratstube auf.

Was liegt da im Feuer? sie sind irritiert.
Weihnachten manchmal Spuk fabriziert!
Ist’s eine Gans? es duftet so gut?
Gar eine Spende, vollendet mit Mut!?

Im Krankenhaus der Notarzt und
die Schwestern lecken sich den Mund.
Sie freuen sich über diesen Scherz.
Die Notdienstmänner haben Herz!

Nun schneiden sie die Oma klein.
Hungrig scheinen sie zu sein.
Im OP-Saal ist ein Schmatzen,
die Scheren und die Messer kratzen

Als das Gerippe ist entblößt,
der Notarzt einen Schrei ausstößt:
Kein Gansgebein war’s, das sie leerten.
Es war ein Mensch, den sie verzehrten!

Die Oma, sie liegt schwer im Magen.
Die Dienstvorschrift wird nachgeschlagen,
die Lösung ist alsbald gefunden.
Das Rettungsteam schenkt unumwunden

die Oma dem Museum: Siehe!
Sie bekommen für die Mühe
ein Anerkennungshonorar,
weil soeben Weihnacht war.
 

© Salli Sallmann, geboren 1953, lebt in Berlin.

Weihnachts-Anthologie»Weihnachtsgedichte« im Archiv

Anton G. Leitner (Hrsg.): Mach dein erstes Türchen auf!

Noch mehr Weihnachtsgedichte finden Sie in der Anthologie
»Mach dein erstes Türchen auf! Neue Gedichte zur Weihnacht«,
herausgegeben von Anton G. Leitner

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