Weihnachtsgedichte – Folge 33: »heulen«

Die begleitende Netz-Anthologie zu
Mach dein erstes Türchen auf! Neue Gedichte zur Weihnacht,
zusammengestellt und ediert von Anton G. Leitner

 

Sabine Schiffner

heulen

irgendwo auf der genagelten
dachpappe eines stalls
alle zwölf monate wieder

lässt sich die schleiereule
mit fast nicht zu hörendem
flügelschlag nieder

weck ja nicht das kind
sagen währenddessen ein paar
überbehütende eltern in der stadt

das kind kann froh sein
in unserer warmen und trockenen wohnung zu
leben die aber besonders in der nacht

von oben geräusche aufnimmt
so dass das kind dann doch erwacht
und heult

auf jenem fernen stall
landet unterdessen lautlos
und mit weichen federflügeln

eine die man kirchkauz nonne
flammeneule schläfereule toteneule
und nicht zuletzt öldieb nennt

sie sieht einem engel
zum verwechseln ähnlich
lässt sich nieder auf dem dach in der dunkelheit

mit ihren wachen hellen schwingen
um das neugeborene kind ins
leben zu singen
 

© Sabine Schiffner, geboren 1965, lebt in Köln.

Weihnachts-Anthologie»Weihnachtsgedichte« im Archiv

Anton G. Leitner (Hrsg.): Mach dein erstes Türchen auf!

Noch mehr Weihnachtsgedichte finden Sie in der Anthologie
»Mach dein erstes Türchen auf! Neue Gedichte zur Weihnacht«,
herausgegeben von Anton G. Leitner

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