Wiedergelesen – Folge 2: »Die Leidenschaft der Neugierde« und »Prosperos Tagebuch« von Cyrus Atabay

Literatur ist vergänglich, auch wenn sie sich, wie jede Kunst, gegen ihre Vergänglichkeit zur Wehr setzt. Trotzdem entschwinden Bücher in Archivbibliotheken. Auf einmal gehören sie nicht mehr zu unserem Erfahrungshorizont. Erich Jooß stellt an jedem 15. des Monats vergessene Lyrikveröffentlichungen in seiner Rubrik »Wiedergelesen« vor, die bewusst unsystematisch angelegt ist. Entdeckerfreude und persönliche Vorlieben sind ihm als Kolumnist von DAS GEDICHT blog wichtiger als literaturhistorische Zensuren.

 

Cyrus Atabay ist ein literarischer Einzelgänger gewesen. Fast hätte ich ihn jetzt als einen unbeachteten Außenseiter im Literaturbetrieb charakterisiert. Doch diesem Eindruck widerspricht das Buch »Poet und Vagant«, das 1997, nur wenige Monate nach dem Tod des Lyrikers, bei C.H. Beck herauskam. Es enthält Erinnerungen und Würdigungen der mit ihm verbundenen Kollegen, von Christoph Meckel bis Richard Exner, von Elisabeth Borchers bis Christa Reinig und Hans Bender. Atabay wurde also durchaus wahrgenommen in der Literatur seiner Zeit, jedenfalls von den Autoren, dagegen eher am Rande oder gar nicht vom Buchpublikum. Das Leben des persischen Dichters durchzogen viele Brüche. Als Sechzehnjähriger geriet er in das Berliner Kriegsinferno und legte ein paar Jahre danach das Abitur in Zürich ab. Die Heimatlosigkeit war genauso eingeschrieben in seine Existenz wie die Liebe zur deutschen Sprache, mit der Atabay aufgewachsen ist. Er hielt sich später abwechselnd in London und Teheran auf, bis 1978 die iranische Revolution den Neffen des Schahs zum Staatenlosen machte. Aus einer falsch verstandenen Rücksichtnahme (oder soll man sagen: aus feigem Opportunismus?) weigerte sich die Bundesrepublik jahrelang, dem »persischen Prinzen« ein Visum auszustellen. Erst 1983 durfte Atabay wieder nach Deutschland einreisen. In München, wo er in den 50iger Jahren studiert hatte, wurde er endgültig sesshaft, freilich unter prekären Bedingungen, die er höflich verschwieg.

Cyrus Atabay hat mit mehreren renommierten Verlagen zusammengearbeitet, zunächst mit Hanser und Claassen, dann mit dem Insel-Verlag und vor allem mit der Eremiten-Presse in Düsseldorf. Diese brachte sorgfältig gedruckte Originalausgaben zeitgenössischer Literatur heraus, die sich an bibliophile Leser wandten, in der Regel mit nummerierten, vom Autor signierten Exemplaren (»Die ersten zweihundert …«). Häufig waren den Büchern noch künstlerisch interessante Graphiken beigegeben, nicht aber dem Band »Die Leidenschaft der Neugierde«, der 1981 erschien. Die darin enthaltenen »Neuen Gedichte« sind mir bis heute im Gedächtnis geblieben – vielleicht weil sie auf mehrfach gebrochene Weise die Lebenssituation von Atabay widerspiegeln und ein poetisch verschlüsseltes Existenzprotokoll des Dichters zwischen Orient und Okzident liefern. Der Blick auf das (Wunsch-)Gastland dominiert dabei. Manchmal träumt Atabay sogar deutsch, dann rühmt er die Sprache, »die sich durch das Geröll anderer / Sprachen den Weg bahnte, eine leise, / unbezwingbare Überschwemmung, die sich ausbreitete / mit der zunehmenden Sehnsucht nach Deutschland.« Solche Zeilenbrüche sind kennzeichnend für den Autor, auch der prosanahe, trotzdem sehr kultivierte Ton, der keine Scheu hat vor bekenntnishaften Sätzen: »DEIN Leben, es wurde / dein schwermütigstes Gedicht«.

Die zitierten Zeilen sind dem Zyklus »Ein gelernter Deutschböhme« entnommen, der am Anfang des Buches steht. In der offen angelegten Rollenzuschreibung als Deutschböhme erkennt sich der Fremdling wieder, der unentwegt Reisende, auch der Gescheiterte, der sich glücklich preisen darf, weil er »unauffindbar bleibt.« Mit solchen und vielen ähnlichen Bildern wird das wechselhafte, heimatlose Leben von Atabay aus der Distanz des beobachtenden Lyrikers beschrieben. Im »Logbuch«, bestehend aus sechs Gedichten, begegnet uns das lyrische Ich, infiziert von der »Paria-Krankheit« (»für die es kein Gesundheitsattest gibt«), an Bord eines Schiffes, das in seiner Flagge das »Q« für Quarantäne trägt. Die Porträtgedichte (beispielsweise über Schlehmil – »sei du der Nächste meines Herzens«), die poetischen Legenden und Erinnerungen sprechen aber noch weit mehr an als nur das Thema der existentiellen Bedrohung und der Ausgrenzung. Es gibt in dem Band Gedichte von einer großen Gelassenheit, so wenn Atabay Zwiesprache hält mit Rabbi Nachman(n), dem chassidischen Zaddik: »Nichts fällt ins Leere, / auch nicht die Worte / und die Stimme des Menschen.« Hierher gehört auch das MÜNCHEN-Gedicht, das in keiner ernstzunehmenden literarischen Anthologie über die bayerische Metropolregion, wie sie sich neuerdings nennt, fehlen darf und der Heimat in der Fremde ein berührendes Denkmal setzt. Weniger bekannt ist dagegen der Zyklus »In einem persischen Landhaus«: drei Gedichte, die ein halbes Jahr vor der iranischen Revolution entstanden sind und eine gerade untergehende Welt beschwören. Das schon bald unwiderruflich Verlorene leuchtet in diesen Texten noch einmal auf und macht sie zu einem melancholischen, dabei sehr erinnerungsgenauen Abgesang. Am Schluss meiner Besprechung möchte ich mit einem fragilen, heiter-ironischen Gedicht dazu einladen, die Texte von Cyrus Atabay neu zu entdecken. Das Gedicht entstammt »Prosperos Tagebuch«, 1985 ebenfalls bei der Eremiten-Presse verlegt. »Ganz behutsam«, so erzählt es dem Leser, »mußt du einen verzagten Vogel aus dem Netz befreien / dann werden hundert fliegende Vögel über deinem Himmel sein« – und du wirst »meschugge sein«.

 

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

»Wiedergelesen« wird Ihnen von Erich Jooß präsentiert. Der Schriftsteller aus Höhenkirchen veröffentlicht neben eigenen Lyrikbänden auch Lyrikanthologien, Bilderbücher und Erzählbände. Jooß ist Vorsitzender des Medienrats in Bayern und Vizepräsident der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Zuletzt erschien von ihm »Am Ende der sichtbaren Welt« (Verlag St. Michaelsbund, München 2011). Alle bereits erschienenen Folgen von »Wiedergelesen« finden Sie hier.

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