Wiedergelesen – Folge 10: »Gedichte und Collagen« von Wolfgang Hildesheimer

Literatur ist vergänglich, auch wenn sie sich, wie jede Kunst, gegen ihre Vergänglichkeit zur Wehr setzt. Trotzdem entschwinden Bücher in Archivbibliotheken. Auf einmal gehören sie nicht mehr zu unserem Erfahrungshorizont. Erich Jooß stellt an jedem 15. des Monats vergessene Lyrikveröffentlichungen in seiner Rubrik »Wiedergelesen« vor, die bewusst unsystematisch angelegt ist. Entdeckerfreude und persönliche Vorlieben sind ihm als Kolumnist von DAS GEDICHT blog wichtiger als literaturhistorische Zensuren.

 

Wolfgang Hildesheimer gehört zu den großen Schriftstellern in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. 1916 in Hamburg geboren, besuchte er das Gymnasium in Mannheim, danach die Odenwaldschule. Als Sohn jüdischer Eltern emigrierte er nach Palästina, wo er eine Tischlerlehre absolvierte; anschließend studierte Hildesheimer Malerei und Bühnenbildnerei in London. Bildender Künstler blieb er zeitlebens, die Schriftstellerei stellte er dagegen 1984 – sieben Jahre vor seinem Tod – in einem bewussten Akt der Verweigerung ein. Erstmals Aufmerksamkeit als Autor zog er 1952 auf sich mit den spielerisch angelegten »Lieblosen Legenden«. Sie hielten der Nachkriegsgesellschaft, ihrer kulturellen Restitution, einen ironischen, dabei alles andere als schmeichelhaften Spiegel vor.

Später war Hildesheimer erfolgreich mit Hörspielen und Komödien. Er steckte seine Stücke in das Gewand des Absurden, lieferte sogar selbst – ein deutscher Ionesco – die Begründung dafür in der berühmten Rede »Über das absurde Theater«. Bis er dann 1965 mit dem großen Nachtmonolog »Tynset« ein neues Kapitel deutscher Literaturgeschichte aufschlug. Dort unternimmt ein schlafloser Erzähler, in seinem Winterbett liegend, ausweglose Reisen. Die schrecklichen Erinnerungen und Begegnungen seines Lebens (und vieler anderer Leben) suchen ihn heim, sie wachsen sich zu immer neuen Albträumen aus. In der Geschichte vom Sommerbett aus Skye, zweifellos ein Höhepunkt des Romans, richtet die bubonische Pest sieben Schlafgäste in einer Nacht zugrunde, nicht ohne sie zuvor in einen orgiastischen Taumel zu versetzen.

Während der Folgejahre sind von Hildesheimer, der als Simultandolmetscher und Gerichtsschreiber bei den Nürnberger Prozessen, aber nicht nur dort, seine eigenen Schreckenslektionen lernte musste, als größere Prosaarbeiten noch der Roman »Masante« (1973), ein überwältigendes Mozartbuch (1977) und die fiktive Biographie »Marbot« erschienen. Das alles gehörte zu meinen damaligen Lektüreerfahrungen. Dass Hildesheimer auch noch Gedichte geschrieben hat, ahnte ich nicht und das dürfte auch nur einem sehr kleinen Kreis Interessierter bekannt gewesen sein.

Mitte der 90iger Jahre stieß ich dann in einem Antiquariat auf das Buch »Gedichte und Collagen«, die Jahresgabe 1984 der Fränkischen Bibliophilengesellschaft e.V. Dieser von Wulf Segebrecht angeregte Band war, wie bei bibliophilen Sammlern nicht anders zu erwarten, sorgfältig gedruckt und aufgebunden. Seine Auflage ist im Impressum mit 400 Exemplaren angegeben. Neben vier Collagen, die sehr deutlich zeigen, wie stark bei Hildesheimer abstrakte und surreale Elemente zu einem ganz eigenen, den 30er Jahren entstammenden Stil verschmolzen, enthält das Buch sämtliche bis dahin greifbare Gedichte des Autors: insgesamt 21 Texte, beginnend mit zwei erhalten gebliebenen Gedichten des Siebenjährigen und zwei englischsprachigen Gedichten, 1941 und 1945 in Jerusalem publiziert.

Sechs weitere Texte sind dem 1972 verstorbenen Freund Günter Eich gewidmet: »Dich, / unter der Erde, / ficht es nicht mehr an, / recht zu behalten.« Noch prägnanter, ganz nahe am lapidaren, schnörkellos-wortgenauen Stil von Eich, ist das Gedicht »Absage«: »Günter Eich hat / abgesagt. Er sei leider / tot, lasse zwar grüßen, / doch lege er Wert auf / die Feststellung: / das Zeitliche habe er / nicht gesegnet.« Auch die restlichen Gedichte zeigen Hildesheimer auf der Höhe seiner Sprachkunst, wenn er beispielsweise, hier ganz der Maler und Augenmensch, konstatiert: »Licht ist ungenau. /Aber ein anderes / Gegenteil von Schatten / haben wir nicht.« Oder wenn er in die verstörende Antwortlosigkeit hinein eine »Antwort« zu geben versucht: »Ganz recht, ich sagte, / es sei nicht fünf vor / zwölf, es sei vielmehr halb / drei … Inzwischen ist es vier. Nur / merkt ihr es nicht. Ihr lest ein Buch / über Kassandra, aber ihre Schreie / habt ihr nicht gehört. Das war / um fünf vor zwölf. Bald ist es / fünf, und wenn ihr Schreie hört, / sind es die euren.«

Volker Jehle, später Mitherausgeber der Gesammelten Werke in 7 Bänden bei Suhrkamp, hat die Gedichte mit Anmerkungen zu ihrer Entstehung und mit einem Nachwort versehen. Darin verweist er auf die musikalisch instrumentierte Collagetechnik des Autors, die auch an dessen Lyrik ablesbar ist. Mag sein, dass die Gedichte nur ein Nebenprodukt der anderen literarischen Arbeiten von Hildesheimer gewesen sind, eher dem Tagesanlass geschuldet als der poetischen Leidenschaft. Trotzdem begleiten sie mich.
 

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

»Wiedergelesen« wird Ihnen von Erich Jooß präsentiert. Der Schriftsteller aus Höhenkirchen veröffentlicht neben eigenen Lyrikbänden auch Lyrikanthologien, Bilderbücher und Erzählbände. Jooß ist Vorsitzender des Medienrats in Bayern und Vizepräsident der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Zuletzt erschien von ihm »Am Ende der sichtbaren Welt« (Verlag St. Michaelsbund, München 2011).

Alle bereits erschienenen Folgen von »Wiedergelesen« finden Sie hier.

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