Wiedergelesen – Folge 12: »Ihr nennt es Sprache« von Rolf Dieter Brinkmann

Literatur ist vergänglich, auch wenn sie sich, wie jede Kunst, gegen ihre Vergänglichkeit zur Wehr setzt. Trotzdem entschwinden Bücher in Archivbibliotheken. Auf einmal gehören sie nicht mehr zu unserem Erfahrungshorizont. Erich Jooß stellt an jedem 15. des Monats vergessene Lyrikveröffentlichungen in seiner Rubrik »Wiedergelesen« vor, die bewusst unsystematisch angelegt ist. Entdeckerfreude und persönliche Vorlieben sind ihm als Kolumnist von DAS GEDICHT blog wichtiger als literaturhistorische Zensuren.

 

Zahlreiche Lyriker des 20. Jahrhunderts sind unserem literarischen Gedächtnis entfallen, nicht aber Rolf Dieter Brinkmann. Er hat einmal – und das ist keine fünf Jahrzehnte her – als Bürgerschreck begonnen, als ein Rebell, der die literarischen Konventionen seiner Zeit abräumte. Die vitalen, oft provokanten Gedichte Brinkmanns holten die Attribute des zeitgenössischen Pop in die bis dahin sorgfältig abgeschirmte deutsche Literatur herein. Seine »Standphotos«, betont unprätentiöse, lyrische Alltagsschnappschüsse, archivierten ganz im Sinne von Susan Sontag unsere »Sterblichkeit«. Dabei schöpften diese Gedichte ihre Kraft aus einer fotografisch genauen Betrachtung der Welt durch den Autor und aus jenem Beatnik-Ton, den Brinkmann den amerikanischen Vorbildern abgeschaut und zu etwas ganz Eigenem, Unverwechselbaren weiterentwickelt hatte. Zuvor freilich musste er sich, wovon das Kultbuch »ACID« Zeugnis ablegt, mit dem herandrängenden Neuen auseinandersetzen. Seine Konsequenzen: Es gibt keinen übergeordneten »Sinn« mehr, das Nebensächliche ist das Hauptsächliche. Oder sarkastischer: »Stochern Sie einfach im Gerümpel herum, vielleicht finden Sie da die Antwort.« Manche Bücher von Brinkmann sind auf diese Weise zu »Materialbüchern« geworden, zu Fundgruben für Leser, die sich in die »verrückte« Welt der sechziger und siebziger Jahre zurückbeamen wollen. Doch das ist nur ein Aspekt im überbordenden Werk von Brinkmann, das neben Gedichten auch wild gemischte Notizen, Essays, Erzählungen, Hörspiele, Fotos und Fotocollagen, Briefe, Übersetzungen und vieles mehr umfasst. Im Rückblick scheint es fast, als hätte er seinen frühen Tod am 23. April 1975 in London geahnt, als ihn ein Auto überfuhr.

Es wäre freilich grundverkehrt, wenn man in Brinkmann nur einen popliterarischen Wellenreiter sehen würde. Was damals an seinen Texten gleichermaßen bewundert und geschmäht wurde, fasziniert bis heute. Wer den Autor auf dem Höhepunkt seines lyrischen Schaffens erleben will, greift am besten zu »Westwärts 1 & 2« (1975, in erweiterter Fassung 2005). Aber auch in den davor erschienen Bänden gelangen dem Underground-Lyriker, wie er oft in Verkennung seiner Bedeutung apostrophiert wurde, immer wieder vollkommene Gedichte. Es sind Texte von einer verblüffenden Einfachheit – so sachlich genau und auf das Wesentlichste reduziert, dass sie selbst beim mehrmaligen Lesen in langen Zeitabständen nicht altern wollen. Die zugrundeliegende Schreibmethode – von vielen vergeblich imitiert – hat Brinkmann in einer »Notiz« erläutert, die er dem Band »Die Piloten« (1968) voranstellte: »Ich bin keineswegs der gängigen Ansicht, daß das Gedicht heute nur noch ein Abfallprodukt sein kann, wenn es auch meiner Ansicht nach nur das an Material aufnehmen kann, was wirklich alltäglich abfällt. Ich denke, dass das Gedicht die geeignetste Form ist, spontan erfaßte Vorgänge und Bewegungen, eine nur in einem Augenblick sich deutlich zeigende Empfindlichkeit konkret als snap-shot festzuhalten.« Das ist die pure Essenz der Brinkmannschen Poetik, die fortdauernde Wirkung bis heute hat.

Die deutschsprachigen Lyrikautoren nach 1945 haben sich, in einer Situation des geistigen Vakuums, zunächst am Expressionismus und an der (sogenannten) Naturlyrik orientiert, die ihrerseits bei sehr unterschiedlichen, gelegentlich auch zweifelhaften Traditionen Anleihen nahm. Weithin unbeachtet blieben dagegen die Entwicklungen außerhalb des eigenen Sprachraums. Mit dem »Museum der modernen Poesie« (1960), »eingerichtet« von Hans Magnus Enzensberger, rückte dann allmählich in den Blickpunkt, was sich international getan hatte. Die aufmüpfige, kompromisslose amerikanische Poesie musste freilich noch einige Jahre warten, bis sie durch die 68iger entdeckt wurde. Das alles lässt sich auch am Frühwerk von Rolf Dieter Brinkmann ablesen. 2010 wurden seine ersten lyrischen Versuche, die schon eine bemerkenswerte Reife zeigen, unter dem Titel »Vorstellung meiner Hände« bei Rowohlt publiziert. Bis dahin galt der Band »Ihr nennt es Sprache«, 1962 im Leverkusener Klaus Willbrand Verlag herausgekommen, als maßgeblich für das Brinkmansche Frühwerk. Die achtzehn, von Brinkmann-Lesern kaum beachtete Gedichte sind in einer dunkelroten Broschur gebunden; mein eigenes Exemplar trägt – bei einer Erstauflage von fünfhundert Exemplaren – die Nummer 136. Anscheinend ist das Büchlein, obwohl der Autor die Auslieferung verhindert hat, trotzdem in die Öffentlichkeit gelangt. Bei der Lektüre erging es mir ähnlich, wie es Brinkmann ergangen sein dürfte: Die unsinnigerweise auf den linken Seiten rechtsbündig (also von rechts nach links) abgedruckten Gedichte, sind in ihrem Layout mehr als nur gewöhnungsbedürftig. Die spätere Sammelausgabe »Standphotos« (Gedichte 2962-1970) hat diesen störenden Fehler korrigiert.

»Geboren 1940 in Vechta i. O. Volksschule und Gymnasium. Verwaltungsangestellter beim Finanzamt Oldenburg i. O. Aufenthalt in einem emsländischen Dorf. Buchhändlerlehre in Essen/Ruhr. Lebt in Köln.« So steht es in der biographischen Nachbemerkung zu dem Lyrikband. Brinkmann ist, als er diese Gedichte schrieb, noch kein Weitgereister: »Ich war nie in Amsterdam.« Er lebt von seinen Lektüreerfahrungen, der Heymsche Ton lässt sich an einigen Stellen kaum überhören, sogar »An Gryphius« adressiert er ein Gedicht: »Wie Plunder / brennt unsere Hoffnung / in die ausgezährte (sic!) / Nacht ein Irrlicht den Säuen / zum Trog.« Zugeeignet ist das Bändchen »Dem roten Rühmkorf« und nicht nur diese absichtsvolle Widmung an den Provokateur Rühmkorf, auch einige Text schlagen einen für die Zeit ganz neuen Ton an. Manchmal, wie in dem Gedicht »EINEM MÄDCHEN INS ALBUM GESCHRIEBEN«, klingt dieser Ton nur flapsig-frech: »sag Liebe / sag Tatar jawohl drei Pfund davon«. An anderer Stelle rechnet Brinkmann, der noch keinen literarischen Namen hat, selbstbewusst ab mit der zeitgenössischen, im Rückblick geradezu hermetisch organisierten Kulturszene: »Ohrenschmalz von Enzensberger/ die Lyrik Heißenbüttels / ein Fötus im Spiritus«. Dem späteren Brinkmann am nächsten kommt wohl ein Gedicht wie »BETON«, das Klage führt über die Einmauerung des Lebens (und der Literatur), noch mehr aber das Gedicht »VON DER GEGENSTÄNDLICHKEIT EINES GEDICHTS«. Hier wird der von der Lyrik der fünfziger und sechziger Jahre so hybrid verwendeten Metapher des »Vogelflugs« ihre Wirksamkeit, ihre »geheime Formel«, abgesprochen. Stattdessen setzt der Autor eine bewusst lapidare, wenn auch noch etwas pathetisch klingende Formel dagegen: »mit der Feder / aus Stahl schreibe ich / die Worte auf das weiße / Papier die Farbe / der Tinte ist / königsblau«. In den Jahren danach verschwindet auch noch der Rest eines solchen angelesenen Pathos und weicht der kühlen Sezierung der eigenen Erfahrungswelt, die jetzt tatsächlich sehr gegenständlich ist. Der Augenblick, von dem ein Gedicht lebt, wird ungleich wichtiger als jedes Danach.
 

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

»Wiedergelesen« wird Ihnen von Erich Jooß präsentiert. Der Schriftsteller aus Höhenkirchen veröffentlicht neben eigenen Lyrikbänden auch Lyrikanthologien, Bilderbücher und Erzählbände. Jooß ist Vorsitzender des Medienrats in Bayern und Vizepräsident der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Zuletzt erschien von ihm »Am Ende der sichtbaren Welt« (Verlag St. Michaelsbund, München 2011).

Alle bereits erschienenen Folgen von »Wiedergelesen« finden Sie hier.

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