Wiedergelesen – Folge 34: »In der Gewalt der Häuser bin ich zu Haus« – Die Gedichte von Alfred Wolfenstein

Literatur ist vergänglich, auch wenn sie sich, wie jede Kunst, gegen ihre Vergänglichkeit zur Wehr setzt. Trotzdem entschwinden Bücher in Archivbibliotheken. Auf einmal gehören sie nicht mehr zu unserem Erfahrungshorizont. Erich Jooß stellt an jedem 15. des Monats vergessene Lyrikveröffentlichungen in seiner Rubrik »Wiedergelesen« vor, die bewusst unsystematisch angelegt ist. Entdeckerfreude und persönliche Vorlieben sind ihm als Kolumnist von DAS GEDICHT blog wichtiger als literaturhistorische Zensuren.

 

Kein Zweifel, Alfred Wolfenstein zählte nie zu den Hauptfiguren des Expressionismus. Er war eher eine Nebenfigur voller Selbstzweifel, unstet, mit einer weitgespannten Korrespondenz, die bis heute nicht erschlossen ist. Sein Schaffen blieb ohne Nachhall und die Erinnerungen der Zeitgenossen an ihn wirken merkwürdig unscharf. Irgendwie lässt er sich mit seinem literarischen Schaffen nur schwer einordnen. Alfred Wolfenstein gehörte dazu und doch nicht dazu! Die Konfusion beginnt bereits mit seinem Lebenslauf, den er mehrfach umgeschminkt hat, immer auf der Suche nach Erfolg oder wenigstens nach einer öffentlichen Geltung, die ihn wirtschaftlich hätte absichern können. Stattdessen blieb er ein respektierter, manchmal auch nur geduldeter Außenseiter: ein Berliner Großstadtdichter, der aus der Halleschen Provinz kam, ein Dramatiker, der abstrakte Lesedramen geschrieben hat, ein Erzähler, dem seine visionären, pazifistischen Absichten das Erzählen verdarben, und ganz zuletzt ein »Europäer auf der Flucht durch Europa« (Bernhard Spring).

Wolfenstein, der sich zeitweise fünf Jahre jünger machte, wurde am 2ß.12.1883 geboren und setzte, erschöpft vom Leben im Untergrund und schwer krank, seinem Leben am 22.Januar 1945 im Pariser Rothschild-Krankenhaus ein Ende, als das Ende der Naziherrschaft in Europa unmittelbar bevorstand. Sein Werk ist in einer fünfbändigen Ausgabe dokumentiert, die zwischen 1982 und 1993 bei Hase & Koehler in Mainz verlegt wurde, herausgegeben und bearbeitet von Hermann Haarman und Günter Holtz. In meiner Lyrikbibliothek stieß ich auf das »Lesebuch«, das 2011 im Mitteldeutschen Verlag herauskam und von Bernhard Spring besorgt wurde, sowie auf die großformatige Gedichtausgabe »Ein Gefangener« mit zwölf zweifarbigen Original-Linolschnitten von Wolfgang Jörg und Erich Schönig, die in ihrer ästhetischen Gewalttätigkeit nur sehr bedingt zu den dort versammelten, eher melancholisch-resignativen späten Gedichte von Alfred Wolkenstein passen. 500 Exemplare wurden von diesem Band 1972 bei der Berliner Handpresse (Propyläen) gedruckt. Das sagt alles über das kaum noch vorhandene Interesse an einem einst im Exil darbenden Dichter, der sein Publikum, wenn er es überhaupt je besaß, längst verloren hatte.

Im Jahr 1914, auf dem Höhepunkt des Expressionismus, war der erste Lyrikband des Autors »Die gottlosen Jahre« beim S. Fischer-Verlag erschienen, einer der besten Adressen im damaligen literarischen Deutschland. Wolfenstein hatte viele Fürsprecher, die sich beim Verleger für den noch weithin unbekannten Dichter einsetzten, der dann 1917 und 1919 noch zwei weitere Gedichtbände publizierte und danach als Lyriker für lange Zeit verstummte. Diese frühen Gedichte haben – genauso wie die späten – einen stark biographischen Einschlag. Die steilen Bilder darin wirken heute eher fremd und rätselhaft, als hätte sie der Dichter, der als Expressionist gleichzeitig für George und Rilke schwärmte, bei anderen aufgefunden und sich gewaltsam angeeignet. Trotzdem bleiben starke Verse wie in dem Gedicht »Spät im Jahr« die Schlusszeilen: »Durch das schief dem Tag geschminkte Lächeln / Schreit es auf die irre Erde: Frier!«. Berlin, der erste Stadtmoloch in Deutschland, hinterlässt unübersehbar seine Spuren in den Texten: »Dicht wie Löcher eines Siebes stehn / Fenster beieinander«. Oder schmerzhaft deutlich und sehr programmatisch: »In der Gewalt der Häuser bin ich zu Haus.« Unter diesen frühen Gedichten findet sich auch das »Mädchen«, eine harte, fast mitleidlose Skizzierung der Verelendung im Straßenstrich. Mit solchen Texten arbeitete Wolfenstein die Verlorenheit in der großen Stadt kompromissloser als viele andere expressionistische Dichter heraus: »Sie steht an der Ecke, schmal / Wie ein Tier, / Das den Schlächter braucht, / Es steht ein Laternenpfahl / Vor ihr, / Der singt und raucht – / Gas bleicht ihr Gesicht, / Das müd mit der roten / Schminke ringt / Und zur leeren Straße spricht / Und mit toten / Lippen winkt«.

Nach 1919 war Alfred Wolfenstein im kulturellen Leben der Weimarer Republik vor allem als Übersetzer aus dem Französischen und Englischen präsent, auch als Essayist, der immer wieder den Außenseitern der Literatur nachspürt und sich zunehmend mit seiner jüdischen Herkunft identifiziert. Wie kaum ein anderer Dichter dieser Zeit schärft er sein Bewusstsein an der faschistischen Herausforderung, die ihn ins Exil zwingt, zuerst nach Prag, später nach Paris. Bitterkeit spricht jetzt aus vielen Zeilen von Wolfenstein. »Gibt es etwas Ohmächtigeres als die lyrische Dichtung?«, so fragt er. Gleichzeitig rechnet er mit der nationalsozialistischen Bücherverbrennung ab: »Der zehnte Mai ist ein Ehrentag für das Buch. An diesem Tag der Verbrennung des Buches hat ein Propagandaministerium zu Berlin ihm eine ewige Lichtreklame geschaffen.« Und weiter: »Im Jubel der Buchhenker« verrät sich »die unermeßliche Dummheit, die da glaubt, man könne das Licht mit Feuer bekämpfen.« Daneben gelingt dem leidenschaftlichen Poesiesammler eine gegen den totalitären Zeitgeist rebellierende Anthologie, die er 1938 im Amsterdamer Querido-Verlag veröffentlichen konnte und die Gedichte der Welt von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart enthält. »Stimmen der Völker« nannte er die einzigartige Sammlung unter Rückgriff auf Herder und eine idealistische Literaturepoche, die sich dem Geist der Tyrannei widersetzte. Jetzt, verfolgt von der Gestapo und zeitweise in Haft, gelingen ihm wieder Gedichte, die weit mehr sind als ergreifende Dokumente der Exilliteratur. Die wichtigsten enthält der Propyläen Band »Ein Gefangener«. »Es ist die Zeit der Monster, der Erpresser«, die ihm trotz mancher Formulierungsschwächen einen der großen, bleibenden Lyrikzyklen der deutschen Literatur abnötigt. In acht weit ausladenden Gedichten schreibt er sich sein Elend von der Seele: »Trink aus der rostigen Kanne / Wasser der Geduld. Sei still, nicht feig.« Die neue Zeit, den Frieden nach dem Krieg, erlebte Alfred Wolfenstein nicht mehr.

 

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

»Wiedergelesen« wird Ihnen von Erich Jooß präsentiert. Der Schriftsteller aus Höhenkirchen veröffentlicht neben eigenen Lyrikbänden auch Lyrikanthologien, Bilderbücher und Erzählbände. Jooß ist Vorsitzender des Medienrats in Bayern und Vizepräsident der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Zuletzt erschien von ihm »blues in der früh« (Ed. Toni Pongratz, Hauzenberg 2015).

Alle bereits erschienenen Folgen von »Wiedergelesen« finden Sie hier.

Kommentar verfassen