Wiedergelesen – Folge 35: Ernst Günther Bleisch – Ein »Luftgeborener«, der die Kunst des Intimen und Genauen beherrschte

Literatur ist vergänglich, auch wenn sie sich, wie jede Kunst, gegen ihre Vergänglichkeit zur Wehr setzt. Trotzdem entschwinden Bücher in Archivbibliotheken. Auf einmal gehören sie nicht mehr zu unserem Erfahrungshorizont. Erich Jooß stellt an jedem 15. des Monats vergessene Lyrikveröffentlichungen in seiner Rubrik »Wiedergelesen« vor, die bewusst unsystematisch angelegt ist. Entdeckerfreude und persönliche Vorlieben sind ihm als Kolumnist von DAS GEDICHT blog wichtiger als literaturhistorische Zensuren.

 

Zum 70sten Geburtstag von Ernst Günther Bleisch am 14. Januar 1984 hatte Heinz Piontek im Feuilleton der Neuen Zürcher Zeitung einen Artikel veröffentlicht, der schon im Titel den großen Respekt vor der literarischen Leistung des wesentlich älteren Kollegen bezeugt. Als »Liebhaber der Sprache« wird Bleisch hier charakterisiert, und es heißt bewundernd: »Das tägliche Erstaunen bleibt ihm treu.« Nun gibt es nicht viele Belege dafür, dass sich die Zeitgenossen oder auch die Nachgeborenen intensiv mit dem Werk dieses Autors auseinandergesetzt hätten. Wer dem Dichter näherkommen möchte, sollte neben seinen Gedichten die wenigen, schriftlich niedergelegten Reflexionen lesen, in denen er sich mit dem eigenen Schaffen befasst, so vor allem den kleinen Aufsatz »Gibt es keine Nachtigallen mehr?«, erschienen in dem Bändchen »Begegnungen an der Neiße« (Marburger Bogendrucke, Folge 81, 1984). »Wo bin ich zu Hause?«, steht da mit Fragezeichen. »Im Gedicht? Ich bin vierzig geworden, bis ich ein paar Handvoll davon auf den Weg gebracht habe.« Den genuinen Lyriker, so Bleisch, erkenne man an seinen bitteren Früchten wie überhaupt das Gedicht »die Kunst des Intimen – und des Genauen« sei. Die Mischung aus bewusst gepflegter Zurückhaltung und melancholischer Selbstvergewisserung dürfte wesentlich dazu beigetragen haben, dass Bleisch in der Lyrikszene seiner Zeit kaum wahrgenommen wurde und seine Text nur selten Aufnahme fanden in die maßgeblichen Anthologien. Dabei war er zumindest im Münchner Umkreis als Leiter des Seerosenkreises und Mitglied des Tukan-Kreises durchaus geschätzt und erhielt viele Auszeichnungen, so den Schwabinger Kunstpreis und den Ernst-Hoferichter-Preis, aber auch den Andreas-Gryphius-Preis. Die so unterschiedlichen Ehrungen machen freilich auf ihre Weise die existentielle Zerrissenheit von Bleisch deutlich, der sich zeitlebens als ein Münchner Autor aus Schlesien verstand, ein Rundfunkmann, in Schwabing zuhause und doch nicht zuhause, ein Vertriebener, dem die revanchistische Grundstimmung der frühen Bundesrepublik fernlag, der jedoch die Erinnerung an seine Kindheit und Jugend in Breslau nie abschütteln konnte und wollte, der sein heimatliches Idiom verlor und stattdessen in einem langen Prozess zur Sprache der Lyrik fand.

Es war wohl Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre, als mich Bleisch mehrfach besuchte. Er brachte jedes Mal einen seiner schmalen Gedichtbände, eher Gedichthefte, mit, die ich aufmerksam las und die mir damals trotzdem fremd geblieben sind. Auch nachdem ich von ihm zur Lesung im Seerosenkreis eingeladen worden war, kam kein dauerhafter Kontakt zustande. Mag sein, dass mir, der zur gleichen Zeit von Brinkmanns Gedichten eingefangen wurde, diese »Lyrik der Nuancen«, diese »poetische Wasserfarbenkunst«, wie sie Karl Krolow nannte, einfach zu virtuos-unverbindlich erschien. Das begann sich erst zu ändern, als ich viel später den einzigen Sammelband, den es von Bleisch gibt, zur Hand nahm. »Zeit ohne Uhr« erschien 1983 beim Limes Verlag und umfasst den Zeitraum zwischen 1952 und 1982, also noch nicht die Alterslyrik, die dann ab 1989 in vier weiteren Bändchen herauskam. Die Texte in »Zeit ohne Uhr« hatte Bleisch eigenhändig ausgesucht; sein Buch sollte so etwas wie ein vorläufiges lyrisches Resumee sein. Bei der Lektüre der Gedichte im zeitlichen Nacheinander wird der Bruch deutlich, der sich irgendwann während der 60iger Jahren im Schaffen des Autors ereignet haben muss. Danach wandte sich Bleisch immer öfter vom Reim ab und wählte stattdessen eine reimlose, prosanahe und damit viel offenere Gedichtform, die auch eine alltäglichere Sprache zuließ. Nun tritt die Zeit mit ihren Verheerungen in diese Lyrik ein; gleichzeitig zeigt sich Bleisch in den Reisegedichten als ein scharfsinniger Beobachter, der fremde Welten fremd lassen kann. Dagegen verraten die früher veröffentlichten Texte noch überdeutlich die Nähe zu den bewunderten Kollegen Britting und Vring, so in dem Schlussvers des Gedichts »Später Februar«: »Den Tümpel fegt ein trockener Süd / und würgt, was starr und störrisch war. / Tupft Blau hin über Rohr und Ried – / der Fön fetzt den Februar.« Vom Dichter werden der »Hahnenmorgen« und das »Hornissengewitter« aufgerufen und »Durch die blauen Asterngärten / geht der Tod als schwarzer Riß.« Nur selten mischen sich die Gegenwart oder die nahe Vergangenheit in diese Gedichte ein, die sich eher zwischen »Kuckukruf« und »Juliblau« ihren Weg suchen. Solche Poesie ist nicht bloß der Verdrängung geschuldet, das wäre eine zu einfache Erklärung. Wir haben es hier, so darf man vermuten, mit einer hochartifiziellen Art der »Sprachlosigkeit« zu tun, die aus dem Entsetzen von Krieg und Vertreibung erwuchs. Dagegen die Natur zu zitieren, ihre Schönheit und Sinnlichkeit zu preisen, kann auch eine Form der lyrischen Notwehr sein: ein verzweifelter Versuch der Selbstheilung.

Die späteren Gedichte von Ernst Günther Bleisch bringen dann Farbe und Temperament in die bis dahin meist streng durchkomponierte Naturlyrik. Jetzt bekommt der Dichter auch einen Blick für seine neue Heimat, für Land und Leute in Bayern, und scheut dabei nicht einmal den deftig-sarkastischen Ton. Das Gedicht »Bayrischbeuern«, das in keiner repräsentativen Anthologie bayrischer Lyrik (wenn es sie denn gäbe) fehlen dürfte, beginnt idyllisch-warmherzig »Aus allen Poren riecht / das Dorf / nach Zwetschgendatschi« und endet umso abgründiger: »Der Abt preist laut / was das Kloster braut // Das Dorf säuft ab / oktoberblau«. Mit den Themen wechseln das Personal und vor allem die Bilder, die bisher fast ausschließlich aus der Natur stammten. Nun ist vom »Don Juan aus Niederdingolfing« die Rede und vom »Land, das Ludwig liebte«, darin eingeschlossen das »Wirtshaus zur Kuhflucht«. Weniger satirisch, dafür erinnerungssouverän widmet sich ein Gedichtzyklus über Breslau der in der alten Bundesrepublik so dominanten Thematik von Hüben und Drüben. Der Dichter forscht in Wroclaw, wie die Stadt seit 1945 heißt, nach der verschwundenen Kindheit. Er sucht sein Geburtshaus, die Nummer 1 der ehemaligen Lehmgrubenstraße, und findet eine Wiese. Hier, wo er zur Welt kam, erkennt er plötzlich, dass er ein »Luftgeborener« ist. Zu meinen Lieblingsbüchern zählt inzwischen auch das schmale Bändchen mit den 1992 geschriebenen Gedichten aus der Villa Massimo »Das ungeliebte Paradies« (Folge 112 der Marburger Bogendrucke), dessen klare Bilder sezieren, warum wir immer »Hinterbliebene« der Vergangenheit sind. In diesem Sinne war Ernst Günther Bleisch ebenfalls ein »Hinterbliebener«, der in seinem Leben – ein Lieblingswort von ihm – wieder und wieder »abheuern« musste und trotzdem die Kraft fand auch zu ganz einfachen und umso nachhaltigeren Gedichten: »EINEN Lidschlag lang / hörst du dein Herz – / eh‘ du ertaubst. // Einen Lidschlag lang / bist du / der Liebe Gehäuse. // Einen Lidschlag lang / nistet auf deiner Schulter / das Glück.«

 

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

»Wiedergelesen« wird Ihnen von Erich Jooß präsentiert. Der Schriftsteller aus Höhenkirchen veröffentlicht neben eigenen Lyrikbänden auch Lyrikanthologien, Bilderbücher und Erzählbände. Jooß ist Vorsitzender des Medienrats in Bayern und Vizepräsident der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Zuletzt erschien von ihm »blues in der früh« (Ed. Toni Pongratz, Hauzenberg 2015).

Alle bereits erschienenen Folgen von »Wiedergelesen« finden Sie hier.

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