Wiedergelesen – Folge 38: Kristiane Schäffer – »Die Welt trägt keinen Namen mehr«

Literatur ist vergänglich, auch wenn sie sich, wie jede Kunst, gegen ihre Vergänglichkeit zur Wehr setzt. Trotzdem entschwinden Bücher in Archivbibliotheken. Auf einmal gehören sie nicht mehr zu unserem Erfahrungshorizont. Erich Jooß stellt an jedem 15. des Monats vergessene Lyrikveröffentlichungen in seiner Rubrik »Wiedergelesen« vor, die bewusst unsystematisch angelegt ist. Entdeckerfreude und persönliche Vorlieben sind ihm als Kolumnist von DAS GEDICHT blog wichtiger als literaturhistorische Zensuren.

 

Vor einigen Monaten machte mich ein Leser dieses Blogs auf seine Mutter, eine Lyrikerin, aufmerksam, deren Namen mir bis dahin völlig unbekannt gewesen ist: Kristiane Schäffer. Der Sohn der Dichterin half mir auch bei der Suche nach Materialien und konnte mir vor allem die Lebensdaten von Kristiane Schäffer geben. Geboren wurde sie am 22.10.1936 in Köln. Ihr Vater war Geiger, sie selbst eine Pianistin mit weitgefächerten journalistisch-literarischen Interessen, über die ein Nachruf im »Kölner Stadtanzeiger« Auskunft gibt. Sie schrieb für Kulturzeitschriften wie »Der Monat« und »Neues Rheinland« und arbeitete für die »westdeutschen« Rundfunkanstalten und das gerade im Entstehen begriffene Fernsehen. Kristiane Schäffer starb nach schwerer Krankheit, noch nicht dreißigjährig, am 1. März 1965. Sie hinterließ drei Kinder – und drei Gedichtbände, die nach dem Tod der Autorin offenbar rasch vergessen wurden. Jedenfalls lassen sich kaum noch Spuren der Dichterin finden, keine Einträge in den einschlägigen Lyrikforen und nur vereinzelt Nachweise in Antiquariaten und Archiven. Fest steht, dass Kristiane Schäffer noch kurz vor ihrem Tod der Förderungspreis zum Kunstpreis der Stadt Köln zuerkannt wurde (Verleihung posthum) und dass sie in brieflichem Kontakt mit Hermann Kesten stand, der ihr im Juli 1961 aus Korfu schrieb (siehe Nachlass in der Monacensia). Wer hoffentlich irgendwann die verstreut erschienenen journalistischen Arbeiten von Kristiane Schäffer recherchiert, wird das Bild der Autorin sicherlich noch um wichtige Züge ergänzen können. Trotzdem dürften offene Fragen bleiben …

Als Zwanzigjährige publizierte Kristiane Schäffer 1956 ihren ersten Gedichtband im Verlag Eremiten-Presse, der damals im »Schloss Sanssouris«, so der beziehungsreiche Spielname, in Stierstadt im Taunus, eine zeitweilige Heimat fand. Der Verleger Victor Otto Stomps war ein unruhiger, entdeckungsfreudiger Geist. Schon 1926 hatte er »Die Rabenpresse« gegründet und bis 1937 dem Druck der Nationalsozialisten Stand gehalten mit respektablen Autoren wie Peter Huchel oder Werner Bergengruen, wobei die unvermeidlichen literarischen Zugeständnisse Ausnahmen blieben. Angekommen in der Bundesrepublik, war sein Verlag dann so etwas wie eine ›Zukunftswerkstatt‹ mit vielversprechenden jungen Dichtern, unter ihnen Christa Reinig und Wolfgang Bächler, Ernst Meister und Christoph Meckel. Gleichzeitig ging Stomps ganz eigene buchkünstlerische Wege, sodass fast jedes seiner Bücher ein bis heute gesuchtes Unikat ist. Das trifft nur bedingt auf die Erstveröffentlichung von Kristiane Schäffer zu: »Der Wind legt sein Ohr an mein Herz«. Die Gedichte des schmalen Bändchens suchen erkennbar noch nach einem eigenen Ton. Viele Bilder erinnern in ihrer Schwermut an Georg Trakl, dessen Werk nach dem Krieg eine Renaissance erlebte. Ein sanfter, elegischer Grundzug prägt diese Texte und macht sie sentimental anfällig. Aber bei manchen Gedichten ließ den Verleger wohl ein Ton aufhorchen, der deutlich härter ist: »Die Welt ist eingeschlafen … / die Welt trägt keinen Namen mehr.« Oder: »Niemand wird kommen, / den Krug deiner Trauer / zu leeren bis auf den Grund.« Immer wieder leuchten ungewöhnliche Bilder auf, die den Talententwickler Stomps dazu gebracht haben dürften, der noch unfertigen Dichterin eine literarische Plattform zu geben: »dann tauchen die Weiden leise / ihr feuchtes Haar in die Flut / und schwanken und fischen / das Helle vom Grund.«

Vier Jahre später erschien, erneut im Verlag Eremiten-Presse, der Band »Aschenbaum« mit drei Zeichnungen von Charlotte Strech-Ballot. Die einmalige Auflage betrug 300 Exemplare; mein Exemplar trägt die Nummer 167. Schon damals war die Lyrik eine Nischengattung, wenn sie nicht von prominenten Autoren stammte. Die Kleinstauflagen bewirkten (und bewirken noch heute), dass die Gedichtbände, kaum erschienen, schon wieder dem literarischen Gedächtnis entfallen. Kristiane Schäffer hatte als Kind den Krieg erlebt und die Armutszeit nach dem Krieg. Das alles scheint in ihre Lyrik keinen Eingang gefunden zu haben. Oder doch? Einmal notiert sie in einem Selbstporträt: »Gedichte waren für mich immer Erinnerungen, mit denen sich Erfahrungen widerlegen ließen. Aus diesem Grund kann ich mich kaum einer Landschaft oder eines Menschen entsinnen, durch die meine Arbeit signiert worden wäre.« Sie schreibt jetzt wie eine späte Surrealistin, nichts gemahnt an die reale Welt draußen vor der Tür – und trotzdem alles. Manche Zeilen, manche Gedichte dürften von Yvan Goll beeinflusst sein, vieles von den französischen Surrealisten, mit einem deutlich magischen Einschlag und mit expressionistischen Nachklängen. Das Thema des Schlafes und der Schlaflosigkeit kehrt immer wieder – so wie wenige Jahre später bei Wolfgang Hildesheimer. Die Bilder sind nun erwachsen geworden. »In den verwilderten Fenstern« sammeln die Raben »die Körner des Lichts« auf und der Herbst »kontrolliert« die Blätter, während der Bahnhof im November »leer steht von Wolken«. Das Ich, sich selbst fremd geworden, aber liegt »unter dem Gras, / ein blinder Passagier, / mit dem Fell der Katze / und dem Auge eines erdrosselten Vogels.«

Der dritte Gedichtband von Kristiane Schäffer »Maulwurfslied« erschien im September 1966, eineinhalb Jahre nach ihrem Tod, als zwölfter Druck der Berliner Handpresse, Die Auswahl und das Nachwort besorgte Klaus Sauer. Der großformatige Band in einer Auflage von 350 Exemplaren enthält sechs farbige Original-Linolschnitte von Wolfgang Jörg und Erich Schönig, die in ihrer wuchtig-abstrakten Verschlossenheit so gar nicht zu den Gedichten passen wollen. Die Bezeichnung »Auswahl« verweist darauf, dass es bei der Konzeption des Buches noch zusätzliche unveröffentlichte Gedichte gegeben haben muss. Tatsächlich enthält die Dritte Folge der Anthologie »Lyrik aus dieser Zeit 1965/1966«, herausgegeben von Wolfgang Weyrauch und Johannes Poethen im Bechtle Verlag, drei weitere, nirgendwo sonst publizierte Gedichte der Autorin. Was macht nun das »Maulwurfslied« zu einem bis heute übersehenen, in seiner Zeit jedoch singulären Lyrikband? Die Gedichte sind gegenüber den bisherigen thematisch enger und gleichzeitig weiter gespannt, dunkler in ihren Beschwörungen des Todes, der alles verschlingenden Natur, und gleichzeitig offener und heller. Der Widerspruch macht ihre Ambivalenz und ihre Faszination aus. Viele Texte haben einen geradezu rhapsodischen Charakter. Oder mit den Worten von Klaus Sauer: Die »diskontinuierliche Reihung, die Bedeutungen nicht festlegt, Mehrdeutigkeiten provoziert, Assoziationen freigibt, mit der Sprache spielt, Konkretes verzaubert, Verzaubertes in Reales zurückverwandelt, stellt nicht nur das Stilprinzip dieser Gedichte dar, sondern ist zugleich auch ihr zentrales Thema.« Fast alle Gedichte bestehen aus Sätzen, die jäh abbrechen und so Leerräume entstehen lassen. Das Wort »aber« bestimmt den Diskurs, der groß, fremd und oft atemlos daherkommt: »Obszön ist der Wirbel des Regens / Wenn die Fliegen sich paaren / Was treibt den Tod / Auf den Vogel zu starren / Wenn er im Zeugungsakt / Die Vorsicht aufgibt / Die seinen Rückflug / Allein garantiert / Die Wiese ist schon / Zerstückt / Von ineinanderversunkenen / Insektenskeletten / Aber der Regen / Aber der schön gefärbte / Nebelhimmel / Heben die Landschaft / Auf die anmutige / Schaukel der Dämmerung / Vergessen ist / Der zuckende Froschschenkel / Den nun die Erde / Verspeist / Mit der Wollust des Tötens / Die sie fruchtbar macht / Für immer«. Das ist ein Ton, wie man ihn seither vergeblich sucht in der deutschen Lyrik.

 

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

»Wiedergelesen« wird Ihnen von Erich Jooß präsentiert. Der Schriftsteller aus Höhenkirchen veröffentlicht neben eigenen Lyrikbänden auch Lyrikanthologien, Bilderbücher und Erzählbände. Jooß ist Vorsitzender des Medienrats in Bayern und Vizepräsident der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Zuletzt erschien von ihm »blues in der früh« (Ed. Toni Pongratz, Hauzenberg 2015).

Alle bereits erschienenen Folgen von »Wiedergelesen« finden Sie hier.

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