Wiedergelesen – Folge 5: »Der Orgelspieler« und »Das Schnarchen Gottes und andere Gedichte« von Jakob Haringer

Literatur ist vergänglich, auch wenn sie sich, wie jede Kunst, gegen ihre Vergänglichkeit zur Wehr setzt. Trotzdem entschwinden Bücher in Archivbibliotheken. Auf einmal gehören sie nicht mehr zu unserem Erfahrungshorizont. Erich Jooß stellt an jedem 15. des Monats vergessene Lyrikveröffentlichungen in seiner Rubrik »Wiedergelesen« vor, die bewusst unsystematisch angelegt ist. Entdeckerfreude und persönliche Vorlieben sind ihm als Kolumnist von DAS GEDICHT blog wichtiger als literaturhistorische Zensuren.

 

Ich weiß nicht mehr, wann ich das kleine, graue Bändchen im Reclamformat zum ersten Mal in der Hand hielt. Es muss wohl während der sechziger Jahre gewesen sein, als ich nach der Schule die Bücherkisten auf der Auer Dult durchstöberte. Damals fiel mir das Bändchen auf, weil es, ungewöhnlich genug, gleich zwei sehr unterschiedliche Titel trug – und weil ich mit den Namen der Autoren so gar nichts anfangen konnte. Für den ersten Teil des Heftes, überschrieben mit »Jakob Haringer IN MEMORIAM«, zeichnete Paul Heinzelmann verantwortlich, der selbst, wie ich später entdeckte, unter vielen Pseudonymen, beispielsweise Heinz Elm, schrieb und eine bewegte, reformpädagogisch-sozialistische Vergangenheit aufwies. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ er von Fürstenfeldbruck aus den Steinklopfer Verlag wieder aufleben, den die Nazis zerschlagen hatten. Das unscheinbare Bändchen von der Auer Dult trug im Impressum den Jahrgangsvermerk 1963. Meine Recherchen ergaben irgendwann, dass die Erstauflage des Heftes vermutlich aus dem Jahr 1955 stammte. Blieb die Frage: Wer war Jakob Haringer? Dass sie überhaupt gestellt werden muss, hat mit der fehlenden Bereitschaft der Nachkriegszeit zur kulturellen Anamnese zu tun. Künstler, die vor dem Naziterror geflüchtet sind oder sich, wie Haringer, in den Nachbarländern gleichsam unsichtbar machten, starben nach dem Tausendjährigen Reich einen zweiten literarischen Tod.

Paul Heinzelmann schildert das Leben seines Kollegen und Freundes mit Empathie und dem Pathos eines Mannes, der einen letzten, verzweifelten Versuch unternimmt, das Werk des radikal Vergessenen für die Nachwelt zu retten. Natürlich tauchen auch in seinem Erinnerungstext viele Mystifikationen auf, denen wir bei Haringer von Anfang an begegnen. Dieser war anscheinend ständig auf der Flucht vor seinen Gläubigern und seinen Frauen, ein Verantwortungsscheuer, der seine gefühlte Mondschein-Existenz mit Inbrunst besang. Von den Nationalsozialisten wurden seine Lieder als »lyrische Irrsinnspoesie des verflossenen Dadaismus« denunziert, obwohl sie vom Dadaismus meilenweit entfernt waren. Die Freunde und Bewunderer dagegen hofierten ihn als einen wiedererstandenen Villon und gaben ihm den Ehrentitel des Vaganten. Zu diesen Bewunderern zählten so große Autoren wie Alfred Döblin, der 1925 bei Kiepenheuer die Gedichte Haringers mit einem Vorwort versah, und Hermann Hesse. Zwischen 1925 und 1928 war Haringer auf dem Höhepunkt seines Erfolges. Damals räumte er mit dem Gerhart-Hauptmann-Preis und dem Kleist-Preis die höchsten literarischen Auszeichnungen ab. Danach verschwand er wieder auf eine fast gespenstische Weise aus dem Fokus der Öffentlichkeit. Im zweiten Teil des Bändchens vom Steinklopfer-Verlag sind, ohne Herkunftsvermerk, 13 Gedichte von Haringer enthalten, allesamt Verse »wie süße Pflaster und mütterliche Arznein«, so hat der Autor den sentimentalen Bereich seiner Produktion einmal selbstkritisch beschrieben. Da besingt Haringer einen kleinen Stern auf dem Rummelplatz oder schildert im Gedicht »Hoffnung« die Träume einer Naiven, falls sie einmal über »tausend Märker« verfügt: »Dann sitz ich im Pelz im Cafe‘, / Und lächle wie eine Prinzessin, / Dann wird’s für mich auch mal schön. / Dann kauf ich mir Marzipan / Und fang in den schönen Kleidern dann / Ein besseres Leben an.« Viele dieser Gedichte stehen unverkennbar dem Chanson der Zeit nahe und spielen ein bisschen (aber nicht zu viel!) mit der Verruchtheit. Der Hintergrund der Armut gibt ihnen jedoch gleichzeitig eine bittere Note. Unübersehbar ist auch die Larmoyanz des Verseschreibers, der seine Texte an »einem idiotischen Sausonntag« in der Kneipe aufs Papier wirft: »Jeder Dichter ist ein blindes Kind.«

Bleibt die Frage, ob es daneben auch noch den anderen Haringer gibt, keinen »Ach und Weh« – Dichter, sondern einen nie ganz domestizierten, großen Außenseiter der deutschen Lyrik. Wer darauf eine Antwort sucht, kann nicht an dem Buch »Die verbrannte Dichter« von Jürgen Serke vorübergehen, das – basierend auf einer Reihe im »stern-Magazin« – 1977 beim Beltz Verlag herauskam. Darin wird, für viele Autoren zum ersten Mal, in Wort und Bild an die verfemten Literaten erinnert, die von den Nationalsozialisten vertrieben, ermordet und vor allem in die Erinnerungslosigkeit geschickt worden waren. Im Kapitel »Ein Schandmaul betet zu Gott« erzählt Serke bis dahin unbekannte Details aus der Biographie von Haringer, die man durchaus unter dem Zweizeiler des Dichters subsumieren könnte: »Das ganze Leben war ein Fieber, / Mir blieb nicht mal ein treuer Hund.« Serke, der versierte Journalist, liebt die großen Formeln. Bei ihm wird Haringer zum »unvergleichlichen Herrgottsdichter«, ohne dass die problematischen Konnotationen dieses Begriffs reflektiert würden. Haringer, der Zerrissene, hat seinen Glauben in der Schlusszeile des Gedichts »Stündlich warten wir auf unser Todesurteil« ungleich moderner und radikaler ins Bild gebracht: »Gott ist ein leerer Teller für die Hungernden«. 1979 veröffentlichte Serke dann bei Hanser noch einen Auswahlband mit Gedichten Haringers, dessen Nachwort (leider) weitgehend identisch ist mit dem Beitrag in den »verbrannten Dichtern«. Eine Offenbarung aber sind die Gedichte. Sie wurden vielen verschollenen Büchern Haringers entnommen, vom ersten, noch sehr expressionistisch eingefärbten Lyrikband »Hain des Vergessens« (1919) bis zu den letzten »Liedern eines Lumpen« (1962). Der Titel des Buches »Das Schnarchen Gottes und andere Gedichte« nimmt ein Anleihe bei dem 1931 erschienen, dreiteiligen Privatdruck »Das Schnarchen Gottes«, erschienen im fiktiven Christof Brundel Verlag in Amsterdam. Solche Fiktionen literarischen Versteck- und Vexierspiele sind Haringer zeitlebens ein Bedürfnis gewesen. In den Texten des Bandes zeigt sich ein anderer, viel härterer Dichter als der Vagant, der keinem wehgetan hat. Hier tritt ein gar nicht zartbesaiteter Grobian auf, ein Meister des Schimpfens, ein Wüterich, der an die Kapuziner des Barock erinnert oder noch eher an den Verbaltäter Hanswurst, der im 18. Jahrhundert die Jahrmärkte unsicher machte. Hier wird eine ganz andere, sehr böse Seite der bayrisch-österreichischen Literatur angeschlagen. Keiner hat das »Münchner Hofbräuhaus« gnadenloser angeschaut: »Mir wird so weh, wenn ich unter zufriednen Lumpen bin.« Gnadenlos auch das Fazit des »Kasperl im Leichenhaus«: »Und das Leben / Wird schlicht, dumm alltäglich, berechnet / Wie eine Erzählung des greisen Fontane.« Haringer starb am 3. April 1948 in Zürich. Nach der Ausgabe im Hanser Verlag ist 1982 noch eine Auswahl seiner Gedichte im Aufbau Verlag herausgekommen und schließlich 1988 eine Zusammenstellung der Lyrik, Prosa und Briefe, die Hildemar Holl unter dem Titel »Aber des Herzens verbrannte Mühle tröstet ein Vers« im Residenz Verlag besorgte. Seitdem: Schweigen.

 

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

»Wiedergelesen« wird Ihnen von Erich Jooß präsentiert. Der Schriftsteller aus Höhenkirchen veröffentlicht neben eigenen Lyrikbänden auch Lyrikanthologien, Bilderbücher und Erzählbände. Jooß ist Vorsitzender des Medienrats in Bayern und Vizepräsident der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Zuletzt erschien von ihm »Am Ende der sichtbaren Welt« (Verlag St. Michaelsbund, München 2011).

Alle bereits erschienenen Folgen von »Wiedergelesen« finden Sie hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.