Wiedergelesen – Folge 8: »Türen aus Rauch« von Wolfgang Bächler

Literatur ist vergänglich, auch wenn sie sich, wie jede Kunst, gegen ihre Vergänglichkeit zur Wehr setzt. Trotzdem entschwinden Bücher in Archivbibliotheken. Auf einmal gehören sie nicht mehr zu unserem Erfahrungshorizont. Erich Jooß stellt an jedem 15. des Monats vergessene Lyrikveröffentlichungen in seiner Rubrik »Wiedergelesen« vor, die bewusst unsystematisch angelegt ist. Entdeckerfreude und persönliche Vorlieben sind ihm als Kolumnist von DAS GEDICHT blog wichtiger als literaturhistorische Zensuren.

 

Wolfgang Bächler, das hebt jeder Artikel über den Schriftsteller hervor, wurde 1947 als jüngster Autor zum Gründungstreffen der Gruppe 47 eingeladen. Zwanzig Jahre später hat er seine Mitwirkung an diesem Treffen in einer ironischen Legende eher zwiespältig kommentiert. Den Text »Wie die Gruppe 47 entstand« kann man in dem 1979 publizierten Band »Stadtbesetzung« nachlesen, der sehr unterschiedliche Prosaskizzen, Selbstbekenntnisse, Satiren und Fragmente enthält – ein auf den ersten Blick ziemlich merkwürdiges, für heutige, von ihren Vertriebsabteilungen dressierte Verlage nur noch schwer vorstellbares Sammelsurium. Wer freilich den Autor näher kennenlernen will, sollte sich dieses chaotische Buch zumuten. In kaum einem anderen wird die Welt der 50iger und 60iger Jahre so störrisch-präzis, so verletzlich und trotzdem enthusiastisch eingefangen. Ein Buch, das auch von seinen starken Bildern und der ungebändigten Phantasie des Autors lebt! Am Anfang des Bandes steht die Selbstbeschreibung »Zwischen den Stühlen«. Die entscheidende Passage daraus wird zwar häufig zitiert, aber fast immer in einer stark verkürzten Fassung. Weil diese Passage viel verrät über die geistige Physiognomie der Zeit und mehr noch über Bächler selbst, möchte ich sie hier ausführlicher als sonst üblich wiedergeben: »Ich führte ein schweifendes Leben, schlug meine Zelte häufig auf und ab, ein unsteter Einzimmerbewohner, ein Wanderer zwischen zwei Welten, ein Publizist zwischen zwei Stühlen, bald vom Osten und bald vom Westen beschimpft oder belobt, ein Sozialist ohne Parteibuch, ein Deutscher ohne Deutschland, ein Lyriker ohne viel Publikum, ein Erzähler ohne Sitzfleisch, ein schlecht honorierter Buchkritiker, ohne die Konzentrationsfähigkeit schnell und die Lust viel zu lesen, ein Funkautor ohne den ›funkischen‹ Funken, ein Sonntagsmaler ohne Zeichentalent, ein Linkshänder, dem auch das Schreiben mit der Rechten schon von der ersten Volksschulklasse an schwerfiel, kurzum ein unbrauchbarer, unsolider,
unordentlicher Mensch, der keine Termine einhalten und keine Examina durchhalten kann und Redakteure, Verleger und Frauen durch seine Unpünktlichkeit zur Verzweiflung bringt. Daß ich trotzdem nicht alle Freunde verliere, immer wieder neue gewinne und sogar geheiratet wurde, ist mein unverdientes Glück. Es mußte freilich eine Französin sein.«

Kindheit und Jugend hat Bächler in Bayern verbracht: in Augsburg, Bamberg, München und Memmingen, wobei München später zu seinem ständigen Lebensmittelpunkt wurde. Ich scheue mich, das Wort »Heimat« zu verwenden bei einem Autor, der eher – um es im Jargon der Zeit zu sagen – ein Unbehauster gewesen ist und zudem ein leidenschaftlich Reisender. Die ersten Gedichtbände von Bächler kamen beim Esslinger Bechtle Verlag heraus: schmale, kartonierte Hefte, denen man die materielle Dürftigkeit der Zeit ansah und die trotzdem mit einer anspruchsvollen künstlerischen Ausstattung aufwarteten. So hatte zum Beispiel HAP Grieshaber die Umschlaggestaltung von »lichtwechsel« (1955) übernommen. Das Bändchen enthielt zusätzlich noch Holzschnitte des damals schon berühmten Künstlers. Kurz danach wechselte Bächler zu größeren Häusern wie dem Insel-Verlag. Dort erschien 1963 der von der Kritik gefeierte Band »Türen aus Rauch« (wiederaufgelegt bei Buch&Media), mit dem sich Bächler endgültig unter die maßgeblichen zeitgenössischen Lyrikern einreihte. Jedenfalls wurde er fortan in literarischen Kartographien der Nachkriegszeit gleichwertig mit Namen wie Paul Celan, Günter Eich oder Ingeborg Bachmann genannt, ohne dass sich dies nennenswert auf die Auflagenhöhe seiner Bücher ausgewirkt hätte.

»Türen aus Rauch« war damals, als gerade die ersten, noch vorsichtigen Schritte zu seiner Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich unternommen wurden, eine lyrische Einladung, das Nachbarland, die ferne Nähe, neu zu entdecken. Wolfgang Bächler führt seine Leser in die unterschiedlichsten Regionen Frankreichs, in die Provence, die Bretagne, an die normannische Küste; er lässt sie auch teilhaben am »HERBST IM VAUCLUSE«: »Der letzte Bauer / schließt seine Scheuer, / sattelt sein Maultier / und reitet den Himmel hinunter. / Über die Erde / gleitet sein Schatten.« Der genaue, einfühlende Blick des Beobachters macht diese Gedichte zu sinnlichen Ereignissen. Die Bilderfluten, oft in Substantivreihungen, zeugen von der Sprachgewalt des Dichters, der das Rätselhaft-Vertraute und zugleich Fremde einzufangen versucht. Im Schönen lauert häufig das Entsetzen; die Spuren des gerade überstandenen Krieges sind noch nicht zugeschaufelt, noch nicht vernarbt: Rinder und Lämmer stürzen in »tückisch verwachsene Schützengräben« – nur im Winter schließen sich die »aufgerissenen Augen der Erde«. Immer wieder beschwört Bächler die biblische Welt der Sintflut und der Arche mit ihren Topoi von Untergang und Neubeginn. Aber Bächler ist auch ein Porträtist des Alltagslebens in Paris, wenn er ein rauchendes Ehepaar beschreibt (»Sie sieht einen nassen Fleck an der Wand. // Er sieht im Fenster das schartige Grau / einer Hausfassade, das tiefe Grau / der Dächer, das hellere Grau des Himmels.«) oder seinen Lieblingsausguck »ÜBER DEN DÄCHERN DER RUE GERMAIN PILON« bezieht, wo er eine Zeitlang gewohnt hat. Manchmal sind die Gedichte sogar ungewohnt liedhaft und schlagen den Volksliedton an (»Gott sitzt im Kirschbaum / und entkernt die Kirschen.«). Selbst eine »ABENDSTROPHE FÜR KINDER« – märchenhaft-leichte Einschlafverse, die in keiner Sammlung mit modernen Kindergedichten fehlen dürfen – nahm Bächler ganz selbstverständlich auf in sein Buch.

Wolfgang Bächler hat die temperamentvolle Freiheit dieser Gedichte, ihre pathetische Klarheit, nicht wieder erreicht. Manches von dem, was er danach schrieb, ist nüchterner, prosaischer angelegt. Damit vollzog er die Entwicklung der deutschen Lyrik, die während der 60iger Jahre einsetzte, in seinem eigenen Werk. Vermutlich ging die Tendenz zum knappen Ausdruck auch auf die depressiven Schübe zurück, die ihn immer stärker schöpferisch lähmten: »Was aber gibt es Schlimmeres in unserer Wettbewerbs- und Leistungsgesellschaft als einen Schriftsteller, der nicht mehr oder auch nur zeitweise nicht mehr lesen und schreiben kann?« Die lyriknahen »Traumprotokolle« (1972) und der Band »Im Schlaf« (1988) sind schmerzliche literarische Dokumente der Verstörung. Da wehrt sich ein Dichter mit der Sprache, die ihm verblieben ist, gegen den psychischen Untergang. Ein letzter Hinweis noch: Seit 2012 ist die Lyrik Bächlers unter dem Titel »Gesammelte Gedichte« bei S. Fischer vollständig greifbar in einer sorgfältig edierten, »bestechend schönen Kleinoktav-Ausgabe« (Albert von Schirnding).
 

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

Dr. Erich Jooß. Foto: Volker Derlath

»Wiedergelesen« wird Ihnen von Erich Jooß präsentiert. Der Schriftsteller aus Höhenkirchen veröffentlicht neben eigenen Lyrikbänden auch Lyrikanthologien, Bilderbücher und Erzählbände. Jooß ist Vorsitzender des Medienrats in Bayern und Vizepräsident der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur. Zuletzt erschien von ihm »Am Ende der sichtbaren Welt« (Verlag St. Michaelsbund, München 2011).

Alle bereits erschienenen Folgen von »Wiedergelesen« finden Sie hier.

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