Zum 100. Geburtstag von Mario Luzi (1914 – 2005)

Zum 100. Geburtstag des großen italienischen Dichters Mario Luzi (1914–2005) zitieren wir ein Gedicht aus seinem poetischen Tagebuch »Und ein Lächeln, das alles verwirrt. Ein Dichter in China«. Der Florentiner Dichter galt lange Zeit als die poetische Stimme Italiens. 2001 verlegten wir in der Edition DAS GEDICHT sein poetisches Tagebuch (Italienisch – Deutsch). Dieses kritische Reisedokument über das Reich der Mitte ist bis heute über unseren Internetshop zu beziehen.
 

Mario Luzi
 

Wem gehört die Sprache, wer hat das Wort?
Mir, mir gehört sie –
so zwitschert sie in den Zweigen
ihrer Chinesenart
andere miauen
ihren Auftritt
oder gewisse andere sniffeln laut
zwischen Schritt und Schritt
auf den Stelzen der zur Schau gestellten Macht.
Das Spiel mit dem Knäuel setzt sich fort
und weiter geht die Schelte
zwischen Mann und Frau, Kraft und Schläue,
hin und her,
von Vorstellung zu Vorstellung, aber unbeweglich,
unbeweglich wie ein Nagel,
in die Wirbel der Welt geschlagen.
 

***
 

Und da bricht in seiner Mitte der hypnotische und lange Tag aus
in eine Flamme von Lächeln und Gesichtern,
unzählig sind die Augen, die Irisfarben, die ihn sprenkeln.
»Lasset die Kinder zu mir kommen«
In welchem Hort des Herzens, unzugänglich,
treibt dieser Schößling Blätter, Blüten –
jedoch nicht Blumen der Erinnerung, sondern der Verkündigung…
Und genau schau ich sie mir an, die Kinder Pekings, mandschurische, mongolische,
ihre Köpfchen in Kapuzen, gerötet die Backen, ich bewundere
das lebhafte Licht des Blickes aus jenen Samtoliven.
Die Quelle. Die Quelle sprudelt, kann sie anders?
Das Leben – es jubelt, ist unversehrt, ist immer Ursprung: und
nicht einmal dies bleibt
dem Schmerz der Lebenden unbekannt. Glaubt aber nicht, dass ich es denke,
mit allen meinen fünf Sinnen nehme ich es auf – als Rätsel oder Wunder.

(übersetzt von Karl. A. Kühne†)

© für die deutsche Ausgabe: Anton G. Leitner Verlag, Weßling 2001
 

Mario Luzi: Und ein Lächeln, das alles verwirrtAus: »Und ein Lächeln, das alles verwirrt. Ein Dichter in China«
edition DAS GEDICHT im Anton G. Leitner Verlag, Weßling 2001

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.