Anti Avanti: »Fünfzigtausend Anschläge« – das Schwarzbuch der Lyrik 2016

rezensiert von Hellmuth Opitz

Positionierungen erfordern eine klare Programmatik. Von Anfang an, noch in der ersten Projektphase, hatte sich das Schwarzbuch der Lyrik bewusst als Gegenentwurf zum Jahrbuch der Lyrik 2015 verstanden. Denn jenes war bei der Kritik weitgehend durchgefallen. »Ich finde, es ist alles nicht gelungen,« konstatierte André Hatting im Deutschlandradio Kultur (seine Kritik wird auf dem Schwarzbuch als Klappentext abgedruckt) und Heike Kunert bemängelte in der ZEIT, dass sich »überdies… so gut wie kein politisches, zumindest gesellschaftskritisches Gedicht im Jahrbuch findet«. André Hatting wiederum vermutete den Grund für die mangelnde Nachhaltigkeit in der Qualität der Einsendungen: »Vielleicht haben die Herausgeber ja Pech gehabt mit dem, was sie da bekommen haben, oder vielleicht haben sie einfach danebengegriffen.« Die Ko-Herausgeberin Nora Gomringer lieferte schon im Nachwort des Jahrbuchs eine vorbeugende Erklärung: »Und mancher wird in der Auswahl dieses Bandes natürlich Dinge vermissen, die die Herausgeber bei den Einsendungen nicht finden konnten.« Die politische bzw. gesellschaftskritische Relevanz scheint also nicht da gewesen zu sein. Daraus ergibt sich eine offene Flanke, die einem Gegenentwurf exzellente Positionierungsmöglichkeiten bietet. Und die nutzt das Schwarzbuch der Lyrik 2016 weidlich aus. Das Problem ist nur: Wer seine Abgrenzung programmatisch begründet, muss reichlich Kommunikation betreiben – und hat gleichzeitig das Objekt seiner Abgrenzung immer als feste Referenzgröße dabei: Papst : Gegenpapst, Reformation : Gegenreformation, Materie : Antimaterie. Die Adhäsionskräfte des Gegensatzes.

Das Schwarzbuch bezieht sich in einer Weise auf das Jahrbuch, dass man fast von einem Fetisch sprechen könnte. Da werden die Gedichte daraus einem Titel-Remix unterzogen, da gibt es ein ganzes Kapitel mit dem Titel »Jahrbuch der Einfalt«, das von der Einsendungsaufforderung über den gesamten E-Mail-Verkehr bis hin zu Social Media-Eintragungen (auch der Verfasser dieser Rezension fand zu seinem Erstaunen sein Facebook-Geplänkel wieder) dokumentiert, dass das Jahrbuch der Lyrik die eigentliche Initialzündung dieser Anthologie ist. Im Juli 2015 hatten die Herausgeber – die Epidemie der Künste in Gestalt der Redakteure Katja Horn, Kai Pohl, Clemens Schittko und Kristin Schulz – folgende Anfrage an potentielle Interessenten gestartet: »Gehörst Du zu den Einsenderinnen und Einsendern des heutigen Jahrbuchs der Lyrik, deren Gedichte nicht im Band vertreten sind? Dann könnte Dich Folgendes interessieren…« Daraufhin kamen reichlich Gedichte und zwar in erklecklicher Anzahl auch von denen, die in ihren Begleitmails ausdrücklich darauf hinwiesen, dass die mitgeschickten Gedichte bei der Einsendung fürs Jahrbuch bei den Herausgebern keine Beachtung gefunden hätten. Nun könnte man süffisant anführen, dass Nichtbeachtung und Ablehnung eine exzellente Räucherkammer bilden, in der beleidigte Leberwürste zur vollen Reife gelangen, aber das ist gar nicht der Punkt. Der Punkt ist: Wenn diese PoetInnen ihre Gedichte tatsächlich ans Jahrbuch geschickt haben, wie kann Nora Gomringer dann behaupten, dass die Herausgeber die vermissten Qualitäten »bei den Einsendungen nicht finden konnten«?

Der eigentliche Differenzierungsansatz für das Schwarzbuch ist der Vorwurf ans Jahrbuch, über keinerlei politische und gesellschaftskritische Relevanz zu verfügen. Deshalb werden Differenzierungsmerkmale gleich auf den ersten Blick betont. Da ist erstmal das andere, sperrigere Format, der magentafarbene Umschlag, der von einer sehr schönen Illustration von Joerg Waehner gekrönt wird: dem Porträt einer wie erstarrt in Embryonalstellung daliegenden Frau. Und dann der Titel! »Fünfzigtausend Anschläge« – das schiebt eine solide Bugwelle verbalradikaler Subversion vor sich her, da schwingen gleich Bilder von poetischen Attentaten auf die Konsenslyrik des Jahrbuchs mit. Auch der Untertitel »Schwarzbuch der Lyrik« lässt den Duktus des Gegenentwurfs, der kritischen Bestandsaufnahme deutlich hervortreten. Die Kapitel-Überschriften sind sämtlich musikalischen Gattungen entlehnt: »Heavy Metal«, »Rock‚n’Roll«, »Blues«, »Doom Shanties« etc. – auch diese Titel sollen signalisieren, dass darin Gedichte enthalten sind, die das Haus der Lyrik rocken. Aber oft sind die Überschriften rotzig-rebellischer als die dann folgenden Gedichte. Um im musikalischen Bild zu bleiben: Es ist, als würden Napalm Death angekündigt und auf der Bühne ständen dann Die Toten Hosen. Vielleicht sind sich die Herausgeber dieses Defizits bewusst und stellen deshalb oft plakative Gedichte an den Anfang der Kapitel. So beginnt »Heavy Metal« mit dem Gedicht »Ich und mein Job« von Katrin Heinau: »Frühmorgens aufwachen im Kapitalismus/ der einmal Geschichte sein wird/…« Das sind natürlich programmatische Verse, sie haben fast etwas bannerträgerhaftes. Wenig später wird der Reinigungsprozess kreativer Destruktion beschworen: »…die Zerstörer könnten die Retter sein/«. Hier schreiten Revolution und Pathos wie so oft Seit’ an Seit’.

Aber wie ist die Qualität der Gedichte eigentlich insgesamt? Es gibt – wie in jeder Anthologie – starke und schwache Gedichte, summasummarum aber bleibt ein durchaus positiver Eindruck. Es hätte dem Jahrbuch der Lyrik gut angestanden, einige dieser Gedichte aufzunehmen und die Gründe der Nichtbeachtung bleiben unverständlich. Gerade die scheinbar einfachen, klaren Gedichte sind hier die überzeugendsten, wie z.B. das Gedicht »Broterwerbslos« des Dichters Hermann Jan Ooster, das aus der Kraft bzw. Kraftlosigkeit eines arbeitslosen Steinmetzes seine poetischen Funken schlägt: »sie wollen mir keinen lohn mehr geben/ dafür wenn ich mit meinem werkzeug im stein bete.// was soll ich tun wenn fäustel & eisen/ meine hände nicht mehr sättigen mit schwielen?// was nur soll ich tun wenn mein sinn & mein verstand/ keinen granit mehr bekommen als brot?// sinn & verstand verstummen/ die hände verhungern.//« Hier wird die als nutzlos empfundene Existenz eines Arbeitslosen handgreiflich erfahrbar. Mit geradezu anarchischer Freude liest man auch das vergnügliche Gedicht »Einer blickt noch durch« von Gerd Adloff, in dem ein Trinker in der U-Bahn die Anzugträger mit ihren Handys parodiert, indem er mit gleicher Intensität in seine Bierflasche spricht. HEL Touissant verhandelt in dem Gedicht »ISIS« ganz konkret die irren und wirren Frontverläufe des Syrienkonflikts – hochaktuell und dennoch an keiner Stelle platter Agitprop. Thematisch ganz anders und dennoch einfach wunderbar liest sich Bertram Reineckes sentimental-melancholisches »Schellacksonett« Lesenswert auch die prosaischen Gedichtblöcke »one of us cannot be wrong« und »nachsichten« von Kristin Schulz. Man kann wirklich einige lohnende Entdeckungen in diesem Schwarzbuch machen. Schade ist, das man über die beitragenden Dichter und Dichterinnen (von denen ich einige bislang noch nicht kannte) nichts weiter erfährt. Was bleibt sonst zu sagen? Mehr Gedichte, weniger Programmatik hätte dem Band gut getan. Die Anthologie verschwendet einfach zuviel Energie darauf, ein Gegenentwurf sein zu wollen, lenkt so aber gleichzeitig viel Aufmerksamkeit auf das doch so kritisierte Jahrbuch der Lyrik. Wahrscheinlich brauchte man den publizistischen Hallraum eines angekündigten »Anti-Jahrbuchs«, um genügend Feuilleton-Echo zu erzielen.
 

»Fünfzigtausend Anschläge. Schwarzbuch der Lyrik 2016«Epidemie der Künste zu Berlin am See (Hrsg.)
Fünfzigtausend Anschläge. Schwarzbuch der Lyrik 2016

Distillery, Berlin 2016
Softcover, 132 S.
€ 16,00 (D)

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Hellmuth Opitz (Foto: Isabel Opitz)

Hellmuth Opitz (Foto: Isabel Opitz)

Hellmuth Opitz wurde 1959 in Bielefeld geboren, wo er auch heute lebt. Er gilt inzwischen als einer der besten deutschen Liebeslyriker. Nach seinen Anfängen als Rock- und Folkmusiker interviewte er für überregionale Musik-Magazine wie »Musikexpress« oder »Rolling Stone« u. a. Aerosmith, Bad Religion und Wim Wenders. Zusammen mit Matthias Politycki und Steffen Jacobs tourte er mit dem Poesieprogramm »Frauen. Naja. Schwierig«, das auch auf CD vorliegt, durch Deutschland. Bislang erschienen von ihm neun Gedichtbände, zuletzt »Die Dunkelheit knistert wie Kandis« (2011) sowie »Aufgegebene Plätze. Verlorene Posten« (Künstlerbuch, 2013).

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