»Bitterleichte Lyrik« von Volker Maaßen

rezensiert von Paul-Henri Campbell

»Bitterleichte Lyrik« von Volker Maaßen Volker Maaßen »Bitterleichte Lyrik«

Volker Maaßen ist ein praktizierender Arzt, der auch Gedichte verfasst. Als dichtender Mediziner steht er damit in einer langen Tradition, die bereits einige berühmte Lyriker hervorgebracht hat. Doch dieser medizinische Dichter scheint ein Doctor mellifluus zu sein. Man liest die Texte, die er in einem Band mit dem Titel »Bitterleichte Lyrik« versammelt hat, auch mit nicht wenig Vergnügen: »Ihr Herz war stark / doch was am Morgen / als ich ging, zerbrach / am Ende eines Weines / war meines«, lautet die Schlussstrophe des Gedichts Ihr Herz so zart.

Welcher Welt entspringen diese Verse? Es scheint mir, einer im Kern romantischen Welt. Gestus und Motiv dieser Gedichte ähneln der englischen Gentry des 19. Jahrhunderts. Immerfort wälzen die Verse Stimmungen und Sorgen hin und her, die typisch sind für das urbane Leben in all seinen mondänen Ausprägungen: Beziehungen, Liebe, Brüchigkeit der Beziehungen und Liebe, Herkunft und Bestimmung usf.

Bemerkenswert ist, dass Maaßen diese atmosphärischen Koordinaten häufig in sentenzartigen Texten zusammenfasst: »Du wolltest / darüber reden, / ob ich / die nächsten Stunden / oder mein ganzes Leben / bei dir bleibe / ob ich dich liebe. / Ich wusste es, / bis du mich fragtest.« Der nüchternen, zurückgenommenen Sprache in all ihrer Schmucklosigkeit gelingt es Zweifel wie Hin- und Hergerissenheit eines Gefühls zu beschreiben, das sich durch seinen Bindecharakter definiert. Das Paradox der flüchtenden und doch unablässig gebannten Liebenden, das in hundert Mythologien ausbuchstabiert ist, findet sich hier wieder im Kontext einer privaten bzw. intimen Notiz. Und oft, wie in dem Gedicht Vergessene Erinnerung, begegnen wir bei dem Autor diesem schwankenden Moment, das von Flucht und Hingabe durchflutet ist und doch immer wieder in Formulierungen, wie etwa »Doch sie selbst, Sophie / habe ich vergessen«, zu kapitulieren scheint. Später begegnet der Leser auch noch Gedichten, die in diesem Zusammenhang den freien Willen verhandeln oder in diesem Kontext auch die Liebe als eine Sorge um Andere verstehen.

Das menschliche Dasein in unzähligen Beziehungsgefügen

Im Vorwort hält die freie Publizistin Barbara Sichtermann einige Aspekte der Poetologie von Volker Maaßen fest: »Das Gedicht, das schön anzuhören ist, das eine Stimmung heraufbeschwört, das verständlich ist, das Spaß macht oder sogar zum Lachen reizt, das wieder Reime kennt, das man vor Freunden zitiert oder auch alleine mit einem Lächeln liest, das hat überlebt.« Man mag solche emphatischen Bekundungen der Tatsächlichkeit und der Diesseitigkeit, auch der Bodenständigkeit der Poesie belächeln, aber, wie man auch dazu steht, wird man nicht leugnen können, dass – entgegen vieler Trends im Literaturbetrieb – ebensolche Lyrik auf breiter Ebene geschrieben und gelesen wird.

Die Akzeptanz eines Stils, obwohl dies noch zu belegen wäre, ist freilich keineswegs ein Beweis für seine Qualität. Diese erweist sich vielmehr in der Ausführung. Und einige Belege für die Möglichkeit des »verständlichen« Stils finden sich gewiss in dem Band »Bitterleichte Lyrik« (2013) von Volker Maaßen. Da ist beispielsweise der rasante Schöpfungshymnus mit raschen, kurzen Zeilen: »[…] das irgendwann / gerann / und seit / seine Zeit / im All / melodisch schwingt / verzweifelt / halleluja singt […] gleich diesem Ton / der sanft / in meiner neuen Welt / wie roter Mohn / aus deinen Lippen fällt«. Auch hier übrigens wieder die Rückbindung des Motivs der Herkünftigkeit an die Relationalität des menschlichen Daseins, das sich in unzähligen Beziehungsgefügen, hier als »Lippen« inszeniert, erzählt und erzählend zeugt.

Vibrierende Freude an der Kreatur

Die Gedichte von Volker Maaßen sind begleitet von mehreren farbigen Illustrationen, die seine Tochter Lisa Maaßen dem väterlichen Projekt beigesteuert hat. Die Gemälde, die im Band als Repros jedem Kapitel vorangestellt sind, zeigen eine ansprechende Melange an stilistischen Anleihen. Da ist beispielsweise das an Karl Schmidt-Rottluf erinnernde Bild in Kapitel V (das Kapitel heißt »Man darf doch fragen«) mit seiner explosiven Rotgrundierung und den nur schematisch ausgeführten Figuren im kühlen Orangeton; und da ist das reizende Porträt einer Frau mit Hut vor einem hellgrünen Hintergrund, die in ihren unebenen Proportionen sowohl hypnotisch wie auch irritierend wirkt mit ihrem ruhigen, direkt an den Betrachter gerichteten Blick; und schließlich sind da – dem Kapitel »Wortspiele« vorsitzend – noch die beiden Gestalten in den Schnabelmasken, dem La Zanni-Typus, die grob nur ausgeführt sind und an eine psychedelische Variante von Giovanni Battista Tiepolos Punchinelli-Fresken erinnern. Die Bilder sind, ähnlich wie die Gedichte voller Lebendigkeit und vibrierender Freude an der Kreatur.

Überhaupt hat Maaßen ein besonderes Augenmerk für alles, das gedeiht und wächst, also die lebendige Schöpfung. Gedichte, die die Jahreszeit aufgreifen; Gedichte, die Wildgänse besingen; Gedichte, die Nachtfaltern hinterherflattern – der Gedichtband lebt und schäumt von der Freude und dem Genuss am Leben. Das macht ihn charmant.

Hanseatischer Ethos und frivole Unbekümmertheit

Ebenfalls interessant ist der hanseatische Ethos in einigen Gedichten, die völlig frei von Selbstzweifel zu sein scheinen und einfachhin unverblümt Worte finden oder erzwingen, um das Leben am nördlichen Rand Europas zum Ausdruck zu bringen, inklusive der seltsamen, trockenen Ironie, die vielleicht in südlicheren Breitengraden als die Stimme eines Schalks verbucht werden würde: »Als hinter einer Sandbank / eine Wand stand, / ging er lang die Wand lang, / die er / viel zu lang fand. // Dennoch lief er weiter, / teils noch heiter, / teils schon dumm, / bei Leucht von oben / und bei Sturm / um einen Turm / herum.« Die frivole Unbekümmertheit dieser Verse verbürgt eine Leichtigkeit im Lebensstil, auch ein Selbstbewusstsein, das sich gerade so gewiss sein kann, da es sich immer mit einem Augenzwinkern begreift und sieht. Die freie Publizistin Barbara Sichtermann drängt ja auch darauf, dass diese Gedichte in der Tradition von Erich Kästner, Christian Morgenstern und Robert Gernhardt stünden und offenbar so verstanden sein wollen.

Das Gleichgewicht in der Polarität der alltäglichen Wahrnehmung

Und Volker Maaßen ist sicherlich auch ein dichterischer Humorist. Was aber seine Texte doch so berührend macht, ist der starke Ton des Engagements. Es ist dies ein sonderbares Wissen um die frappierende Ungerechtigkeit auf Erden, worüber der Autor seine Empörung ausdrücklich in Worte fasst: »Wer sieht, / wie auf dieser Welt / Kapital bestimmt / sich alles nimmt / und behält / und dann / in Blut und Scheiß ertrinkt / der merkt, / dass Geld / doch stinkt,« heißt es in dem Gedicht Pecunia olet. Freilich sind diese Verse getränkt von der professionellen Erfahrung des Mediziners. Doch sind sie als Dokumente des sozialen Bewusstseins nicht auch Poesie?

Wir können diesen Gedichtband ebenfalls als ein Zeugnis des Unbehagens über gesellschaftliche Umstände in der Gegenwart aus dem Blick von jemandem lesen, der täglichen Umgang mit Grenzsituationen des Lebens hat und mit ihnen umgehen muss, ohne den menschlichen Faktor seiner Professionalität zu vergessen oder überzubewerten. Volker Maaßen ist daher auch ein Dichter des rechten Maßes. Er scheint bemüht zu sein zwischen humoristischem Enthusiasmus, baccanalischem Genuss und abgründiger Einsicht in die schieflagige Verfassung moderner Zivilisation eine Balance zu finden. Es ist angenehm, dass die Gedichte nicht geschwätzig sind. Allerdings verschwimmen ihre durchaus geistreichen Pointen in handelsüblichen Bildern. Aber diese Gedichte feiern, wie auch immer man sie einstufen oder bewerten möchte, die Suche eines Freigeistes nach einer ihm gemäßen Form des Ausdrucks.

Das Gedicht verhandelt bei Volker Maaßen ein Gleichgewicht oder strebt danach es zu entdecken in der seltsamen Polarität, die die alltägliche Wahrnehmung so verzerrt. Dieses Gleichgewicht sucht er im Medium der Poesie und man wird hoffen, dass er noch viele Verse schreiben wird.

»Bitterleichte Lyrik« von Volker Maaßen Bitterleichte Lyrik
Volker Maaßen
elbaol Verlag, Hamburg 2013
148 S., mit 8 farbigen Illustrationen von Lisa Maaßen
€ 11,95 (Broschur)

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Diese Rezensionen werden Ihnen von Paul-Henri Campbell präsentiert. Campbell ist 1982 in Boston (USA) geboren und schreibt Lyrik sowie Prosa in englischer und deutscher Sprache. Gedichtbände: »duktus operandi« (2010), »Space Race. Gedichte:Poems« (2012). Er ist ebenfalls Übersetzer und Mitherausgeber der internationalen Ausgabe der Lyrikzeitschrift DAS GEDICHT (»DAS GEDICHT chapbook. German Poetry Now«). Soeben erschienen ist »Am Ende der Zeilen. Gedichte | At the End of Days. Gedicht:Poetry«.

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