GIPFELRUF
Folge 25: Beat Brechbühl

Beat Brechbühl (*1939)

  • Lyriker aus Frauenfeld (Schweiz)

In loser Folge stellt Franziska Röchter für dasgedichtblog die Teilnehmer des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« am 23.10.2012 in München vor. Sie sprach mit Gipfelteilnehmer Beat Brechbühl, dem wir heute ganz herzlich zum Geburtstag gratulieren, über Papiermenschen und die Kunst der Langsamkeit.

Beat Brechbühl. Foto: Amanda Gächter

»Ich war für mich immer zuerst Dichter.«
Beat Brechbühl

dasgedichtblog: Beat Brechbühl, wie sind Sie als gelernter Schriftsetzer von Ihrem Ursprungsberuf zum Schreiben und Verlegen gekommen?

Beat Brechbühl: Mit 16 drängten mich meine Eltern zu einer Entscheidung, was ich lernen will. Reisen war mein Traum, aber ich konnte ihnen nicht sagen: »Ich will Schriftsteller werden, weil ich dazu reisen muss. Reisen & Schreiben.« Also sagte ich: »Hab bis jetzt immer für mich ein Haus gebaut, also Schreiner.« Vater schleppte mich zum Berufsberater, der mich mit einem Spiel testen wollte. Ich sagte: »Ich habe in meinem Leben nur arbeiten gelernt, spielen nicht.« Der ältere Mann stellte fest: »Der junge Mann hat keine Geduld zum exakten Arbeiten.« Er griff ein Heft, auf dem stand »Mangelberufe«, glitt mit dem Daumen über die Ohren des Heftes, hielt bei Schriftsetzer an und meinte: »Das wär was für dich.« Das war’s dann auch – Volltreffer!

Schon als Jugendlicher hatte ich bei den Hin- und Rückfahrten zu Junioren-Fußballspielen quer durch die Schweiz immer mindestens einen Gedichtband von García Lorca in der Tasche. Und während die andern Karten spielten oder ›über Frauen redeten‹, übersetzte ich Lorca ins Deutsche. Meinen ersten Gedichtband gab ich dann vor genau 50 Jahren heraus. Das war auch mein ›Geburtsjahr‹ als Verleger: Mir gefielen Gedichte anderer so gut, dass ich sie einfach von Hand setzen, drucken und herausgeben musste.

Als ich später meinen Traum vom Typografischen Atelier in Berlin nicht verwirklichen konnte, weil meine Frau aus familiären Gründen nicht nach Berlin kam, kehrte ich nach Zürich zurück und arbeitete wieder als Schriftsetzer. Dort ließ ich mich von einer Buchhändlerin als »junge Dichterbegabung« zu einer Lesung verführen, bei der ich dann von Diogenes-Gründer Daniel Keel entdeckt wurde. Mit dem Kommentar »Ihre Gedichte gefallen mir sehr gut, ich habe nur leider nichts verstanden…« wurde ich von ihm in »Dichtung & Verlag« aufgenommen.

»Ich bleibe ein Papiermensch.«

dasgedichtblog: Eng mit Ihrem Werk verbunden sind ja Ihr Waldgut Verlag sowie die legendären Bodoni Blätter in Bleisatz und im Handdruckverfahren. Können Sie kurz erklären, was genau die Bodoni Blätter sind und welchen Stellenwert bibliophile Druckerzeugnisse in Zeiten des Digitaldrucks haben können?

Beat Brechbühl: Grundsätzlich sind der Waldgut Verlag und das Atelier Bodoni zusammen die erste Schizophrenie meiner Arbeit. Bleisatz, Druck, zum Teil auch der Einband sind alles Handarbeit, langsame, exakte, ›fleißige‹ Produktion, die vom Können der HandwerkerInnen geprägt ist. Im Waldgut Verlag dagegen läuft alles digital, schnell, überall soll man Zeit und Geld sparen können.

Bodoni Blätter sind Einblattdrucke; das waren zu Beginn des Buchdrucks im 15. und 16. Jahrhundert die ›Wandzeitungen‹ mit der Veröffentlichung von Erlassen der Obrigkeit an das Volk und zum Beispiel ›Werbeplakate‹ für den kirchlichen Ablasshandel. Ich habe mit der Gründung des Atelier Bodoni dann einen meiner frühen Kalauer umgesetzt: »Besser ein guter an Text an der Wand als ein schlechtes Bild im Schrank.«

Bleisatz und Handpressendruck erfüllen für mich ganz wichtige Grundbedürfnisse: Haptik, Sinnlichkeit, Nähe zu dem, was uns umgibt. Das alles bringt uns das digitale Leben allein nicht. Auf unsere Druckerzeugnisse übertragen: Die muss man fühlen, spüren, riechen, quasi ›materiell‹ sehen und lesen können. Was ich auch gerne mache: altes und neustes Handwerk kombinieren – wie zum Beispiel in unserer Reihe »lektur«, mit Digitaldruck für den Innenteil sowie Blei-Handsatz und Handpressendruck für den Umschlag. Ich bleibe ein Papiermensch.

Den Begriff »bibliophil« mag ich nicht. Da ist mir zu viel Formalismus drin, die meisten bibliophilen Sammler interessiert der Inhalt eines Buches nicht. Ich mache Bücher und Blätter, um Inhalte, Literatur, unter Menschen zu bringen. Dass die Form meinetwegen bibliophil ist, ist die Folge meiner Ästhetik und meines gelernten Handwerks.

»Ich will nicht über Lyrik schreiben, ich will Lyrik schreiben.«

dasgedichtblog: Irène Bourquin, Vorstandsmitglied des Bodoni-Clubs, bezeichnete das Handwerk des Schriftsetzens einmal als »Aufstand der Originalität gegen die Massenproduktion«. Finden sich denn genug junge Leute, um diesen »Aufstand« fortzuführen? Muss man nicht sehr viel Idealismus mitbringen, um die Zukunft solcher Projekte auf Dauer sichern zu können?

Beat Brechbühl: Ich mag auch den Begriff Idealismus nicht besonders. Ich will Sachen machen: Bücher, setzen, drucken, Linol schneiden. Ich bin ein schwacher Philosoph; ich will Lebensformen leben. Ich will nicht über Lyrik schreiben und wie sie auszusehen hätte, ich will Lyrik schreiben oder lesen, hören, sehen. Ich will nicht missionieren, ich will Ereignisse schreiben und unter Leute bringen. Eben: Sachen machen und nicht nur darüber theoretisieren.

Bis vor etwa 10 Jahren habe ich den Verlag im Prinzip mit meinen literarischen Arbeiten und Lesungen und Druckkostenzuschüssen finanziert. Aber: Je mehr Verlagsarbeit, desto weniger eigene Literatur. Seit ungefähr zwei Jahren mache ich mir intensiv Gedanken um den Fortbestand des Verlags. Das Atelier Bodoni möchte ich unbedingt weiter führen und dabei junge Leute einarbeiten. Über das Konzept stelle ich viele Überlegungen an, die von Sponsoring über eine attraktive Mischung von Buchdruck-Aufträgen und interessanten Herausgaben reichen. Es braucht dazu aber Leute, die anderweitig ein sicheres finanzielles Standbein haben.

dasgedichtblog: Machen Sie sich auch Gedanken, wohin uns die Konzentration und Oligopolbildung auf dem Buch-Markt führen wird?

Beat Brechbühl: Marktveränderungen haben mich noch nie begeistert. Als wir etwa vor sieben Jahren begannen, unsere Website mit Shop-Funktion aufzubauen, war ich skeptisch. Ich habe damals auch noch tapfer behauptet: »Das Buch wird vorläufig nicht verschwinden.« Jetzt bin ich schon lange nicht mehr WWW-skeptisch, aber unsere Riesenarbeit an der Website und unsere Website selber haben den damals für uns noch funktionierenden Buchhandel noch nicht ersetzt.

Gegenwärtig veranstalte ich Feuerwehrübungen, Durchhalte-Aktionen, Überbrückungsübungen, werde langsam wundergläubig, suche nach den Noch-Lesenden – und hoffe inbrünstig, dass die derzeitige Abwärtswelle demnächst, wenn auch kleiner als früher, wieder aufwärts schwingt.

dasgedichtblog: Sie gelten als einer der wichtigsten Schriftsteller in der Schweiz. Wie sehen Sie Ihre Stellung als Künstler?

Beat Brechbühl: Ich sehe mich nicht als solcher und habe mich auch nie ›berühmt‹ gefühlt. Wie schon gesagt: Je mehr Verlag, desto weniger Selber-Schreiben. Aber ich habe schon als junger Dichter geschrieben: »Wenn ich dereinst keine Gedichte mehr schreibe, bin ich tot oder eine sich noch bewegende Leiche.« Diesen Satz lebe ich heute genauso intensiv wie damals. Ich war für mich immer zuerst Dichter, meine Gedichte waren und sind für mich das Beste, was es von mir zumindest ›für nach Außen‹ gibt.

»Ein Dichter sollte nie einen Verlag machen.«

dasgedichtblog: Sie erwähnten anfangs die »erste Schizophrenie« Ihrer Arbeit. Worum handelt es sich denn bei der zweiten?

Beat Brechbühl: Ein Dichter sollte nie einen Verlag machen. Ich hab das vor Urzeiten mit Michael Krüger diskutiert – wir mögen gegenseitig unsere Gedichte sehr. Er hat den Vorteil, dass er mit seiner Verlagscrew relativ geschützt ist. Ich muss alles mit meinen Dichter-Kollegen direkt machen, vom Anfragen und Absagen über Herstellung, Werbung bis zur Buch-Vernissage. Dass praktisch keiner von unseren Dichtern meine Gedichte liest, macht mir gar nichts aus. Aber dass einige mich als ihren Konkurrenten sehen – und zwar nicht in der Qualität der Gedichte, sondern in allem andern –, macht mir zunehmend Schwierigkeiten.

dasgedichtblog: Herr Brechbühl, zum Abschluss: Was macht ein Buchmensch wie Sie eigentlich in seiner Freizeit?

Beat Brechbühl: ›Nichts tun‹ geht nicht. Freizeit geht für mich auch nicht, geschweige denn ein sogenanntes Hobby. Ich arbeite wirklich immer, wenn ich nicht meine vier Stunden schlafe. Natürlich arbeite ich nicht immer auf 200 oder 100. Wenn ich eine Besprechung, ein Essen mit Autoren habe, oder wenn ich für meine Freundin und mich oder für Autoren, Freunde, Mitarbeite koche, wenn ich am Abend im Büro mein Brötchen esse und dabei eine Stunde lang Zeitung lese, wenn ich Manusse lese, wenn ich telefoniere, wenn ich jemandem eine Geschichte erzähle, wenn ich reise, etwa nach München fahre oder zu Lesungen, wenn ich seit zweieinhalb Jahren wegen eines Unfalls jeden Werktag um Mittag anderthalb Stunden zur Therapie ins Spital fahre – das sind meine Freizeiten.

Vor besagtem Unfall bin ich über zehn Jahre lang jeden Morgen früh in die Thur-Auen walken gegangen. Das war die wertvollste Freizeit, da konnte ich nämlich etwas: Denken. Ich denke, ich kann nur beim Gehen denken – wenn überhaupt.

dasgedichtblog: Lieber Herr Brechbühl, vielen Dank für das Gespräch!

Beat Brechbühl
Gedichte für Frauen und Balsaminen

Waldgut Verlag, Frauenfeld, 2006
52 Seiten
ISBN 978-3-03740-357-0
Euro 19,00 [D]





Das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München und dem Literaturhaus München. Die Veranstaltung wird vom BR für sein Fernsehprogramm BR-alpha aufgezeichnet (geplante Erstsendung: Samstag, 12. Januar 2013, 22.30 Uhr, Reihe »Denkzeit«, BR-alpha). Hugendubel.de unterstützt das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« als Förderpartner.



Weil ich nicht…

von Beat Brechbühl

Weil ich nicht öffentlich reden kann
und im Live-Interview nicht viel tauge,
bin ich Schriftsteller geworden.

Weil ich nicht singen kann,
bin ich Lyriker geworden.

Weil ich nicht zeichnen und malen kann,
bin ich Gestalter geworden.

Weil ich eine charakterlose Handschrift habe,
bin ich Typograf geworden.

Weil ich nicht lügen kann,
bin ich Dichter geworden.

Weil ich nicht die Geduld habe,
dürftige Gedichte von andern zu lesen,
habe ich Lieblings-Dichterinnen und -Dichter;
nach dem Umzug nur noch ca. 4 Laufmeter.

Weil ich nicht immer höllisch aufpasse
und deshalb oft das wuchernde Leben verpasse,
habe ich Lücken in meiner elften Biografie;
in diesen Lücken wohnen meine Poetischen Tiere
und das himmlische Flugvolk. Alle machen sie
Kinder; es sind die letzten.

Anders gelaufen –
Weil ich nicht Englisch kann, geriet
ich gleich aus dem Kindergarten nach Italien, dort flog mir
ein Buchverlag entgegen, den ich später gründete,
und nun laufen mir seit 30 Jahren die Bücher anderer so hartnäckig
nach und davon, dass ich meine eigenen Bücher schreiben möchte und
ich möchte laufen auf meinen Füßen, und mit
dem Körper und Hirn. Trotzdem war ich noch nie
in Paris.

30.6.2012
© Beat Brechbühl, Frauenfeld

3 Kommentare

  • Michael Augustin

    Gratulation aus Bremen, lieber Beat. Freue mich aufs Wiedersehen in Muenchen. Schoenes Autobiogedicht! Echt Brechbuehl.

  • Herzliche Gratulation, lieber Beat, zum Deinem Geburtstag. Ich wünsche Dir Mut & Tapferkeit für die nächsten Jahre. Es gibt noch viel zu tun! Das BUCH hat uns nötig.

    Vielleicht gibt’s ein Wiedersehen in SG? (Aber auf die Kletterei in und aus dem
    den Keller von Leonie Schwendimann möchte ich verzichten. Mein Kollege „Parkinson“ macht Fortschritte, leider). Dabei möchte ich gerne schreiben habe ein paar spannende Ideen im Kopf. Aber: wem sag‘ ich das?

    Uebrigens: 75 ist eine schöne Zahl, gibt doch seine Quersumme 12, und zwölf oist eine noch bessere, vielleicht die beste aller Zahlen; ich habe 84, und auch dies gibt 12!
    Liebe Grüsse & Wünsche
    Dein Louis

  • schon oben geschrieben Louis

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