GIPFELRUF
Folge 36: Hardy Scharf

Hardy Scharf (*1939)

  • Lyriker aus München

In loser Folge stellt Franziska Röchter für dasgedichtblog die Teilnehmer des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« am 23.10.2012 in München vor. In dieser Folge stellt sie den aktuellen Lyrikband von Gipfelteilnehmer Hardy Scharf vor.

Hardy Scharf. Foto: privat


Ein erster Blick auf »Ich kitzelte ein Krokodil«, den aktuellen Gedichtband von Hardy Scharf, könnte suggerieren, dieser sei für Kinder geschrieben. Auf den zweiten Blick lassen die witzigen Illustrationen im Innenteil und auch das böse-komische Coverbild von Florian Mitgutsch den Schluss zu, dass es sich bei Hardy Scharf um einen Autor handelt, der den Pannen, Peinlichkeiten und absonderlichen Zwischenfällen des Lebens äußerst gelassen gegenübersteht, ja, der diese sogar herausfordert. Denn wer ist schon so wagemutig, einem Krokodil so nahe zu treten, dass man es kitzeln kann?

Umso interessanter zu erfahren, dass Hardy Scharf in seinem Berufsleben unter anderem Gymnasiallehrer und zuletzt Studiendirektor war. Wer den Autor einmal live erlebt hat, bemerkt schnell, dass ihm der Schalk im Nacken sitzt: Scharfs satirischer Blick auf die Welt und sein pointierter Sprachwitz unterstreichen diesen Eindruck. Auch der berühmte ›schwarze Humor‹, den man sonst vor allem den Briten nachsagt, ist bei Hardy Scharf an der Tagesordnung. Er bringt die kleinen und großen Absurditäten des Lebens und der Gesellschaft auf den Punkt. Wer sich selbst ein Bild machen möchte, kann sich folgendes Video des Lyrikers anschauen:

An Hardy Scharfs Lyrikband muss man nicht stundenlang herumdeuteln. Man muss ihn auch nicht einer bestimmten ›Schule‹ zuschreiben oder ihn in eine Tradition stellen. Es ist einfach ein Band, der Spaß macht beim Lesen, etwa wenn man zwischendurch etwas zum Schmunzeln benötigt oder einmal nur noch den Kopf schütteln kann über den Zustand der modernen Gesellschaft und nach einer aufmunternden Bestätigung sucht. Hardy Scharf hat immer Recht. Dabei tritt er in keinster Weise als Rechthaber auf – er hält uns nur einen Spiegel vor. Und seine meist kurzen Gedichte rufen auch bei mehrmaligem Lesen den Schmunzeleffekt hervor.

Der Leser gewinnt mit Hardy Scharf die Einsicht, dass die Realität oft eine Farce ist. Das Doppelbödige in Scharfs Texten ist manchmal einfach unglaublich, weil unglaublich einfach. Man muss erst mal darauf kommen, dass es sich beim Beugen des Verbs »kommen« um eine »Kommjugation« handelt und dass das neudeutsche Pendant zu »kapieren« schlicht »kopieren« ist. Köstlich ist auch die Persiflage auf Goethes »Wanderers Nachtlied«. Zeitgeistiges und Melancholisches, Kinder, Küche, Kirche, Papst, Atomkraft, Börse, Menschliches und Allzumenschliches: es gibt nichts, was Hardy Scharf nicht eine Erkenntnis wert ist. Sein Aufspüren und Festhalten gesellschaftlicher ›Ungereimtheiten‹ – auch wenn sich viele seiner Texte reimen – geschieht so unprätentiös und ohne moralischen Zeigefinger, dass dem Leser die Wahrheiten geradezu ins Auge und dann wie Schuppen von denselben fallen. Von solchen Gedichten wünscht man sich einfach mehr.

Hardy Scharf
Ich kitzelte ein Krokodil. Gedichte

Verlag Sankt Michaelsbund, München, 2009
152 Seiten
ISBN 978-3-939905-32-5
Euro 16,90 [D]





Das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München und dem Literaturhaus München. Die Veranstaltung wird vom BR für sein Fernsehprogramm BR-alpha aufgezeichnet (geplante Erstsendung: Samstag, 12. Januar 2013, 22.30 Uhr, Reihe »Denkzeit«, BR-alpha). Hugendubel.de unterstützt das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« als Förderpartner.


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