GIPFELRUF
Folge 43: Michael Sailer

Michael Sailer (*1963)

  • Schriftsteller und Musiker aus München
  • www.michaelsailer.de

In loser Folge stellt Franziska Röchter für dasgedichtblog die Teilnehmer des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« am 23.10.2012 in München vor. Sie sprach mit Gipfelteilnehmer Michael Sailer über Entwurzelung, Lebenspläne und gesellschaftliche Utopien.

Michael Sailer. Foto: privat

»Ich habe weder Zeit noch Lust, in der Zukunft zu leben, die Gegenwart ist dafür zu wichtig.«
Michael Sailer

dasgedichtblog: Michael Sailer, Sie haben sich kaum verändert. Wenn man Kinder- und selbst Babyfotos von Ihnen sieht, sind da schon die gleichen Gesichtszüge. Freut Sie das?

Michael Sailer: Dass das mehr oder weniger bei jedem Menschen so ist, hat wohl genetische Gründe, aber da bin ich kein Fachmann. Seitdem die Erfindung der Photographie alt genug ist, um ganze Lebensläufe zu dokumentieren, wissen wir, dass man sich in hohem Alter wieder in den verwandelt oder ihm ähnlich wird, der man als Neugeborener war. Ob ich mich darauf freue … weiß ich noch nicht so recht.

dasgedichtblog: Seit den 70er Jahren spielten Sie in etlichen Bands, zum Beispiel von 1977 bis 1982 als Sänger und Gitarrist in der Punkrockband »Tollwut«, von 1983 bis 1991 waren Sie Mitglied der Band »Marionetz«, andere Bands hatten solche aussagekräftigen Namen wie »The Comics«, »Born Bavarian«, »Dead City Radio«, »Narcotic Brothers« und »Hundert Nutten«. Träumten Sie heimlich von einer großen Rockstar-Karriere?

Michael Sailer: Ich war und bin Gitarrist und Sänger, bei »Marionetz« Bassist, bei anderen manchmal Schlagzeuger. Rockstars wollten wir selbstverständlich werden, immer mal wieder, aber ganz sicher nicht heimlich. Von Karrieren träumt man nicht, die strebt man an. Das liegt mir nicht.

dasgedichtblog: Was genau haben Sie studiert?

Michael Sailer: Zwei Semester Kunstgeschichte und Psychologie, viel später dann Neuere deutsche Literatur am Lehrstuhl für Bayerische Literaturgeschichte und Geschichte, zwischendurch auch mal Mediävistik und Linguistik, nachträglich aus anderen Gründen etwas Psycholinguistik. Meine Magisterarbeit bei Herbert Rosendorfer trug den Titel »Verlorene Gegenwart: Die (scheinbar) naive Erzählweise als Ausdruck des Scheiterns des Helden (des Autors?) an der Welt, insbesondere unter Berücksichtigung der Romane Ödön Horváths, aber auch der Erzähl- und Denkhaltung bei Franz Kafka und Karl Valentin«. Eine der Vorarbeiten war, Kafkas möglicherweise unvollendeten Roman »Das Schloß« zu Ende zu schreiben.

dasgedichtblog: Man sagt Ihnen nach, Sie seien ein Multitalent. Selbst im Fernsehen konnte man Sie bewundern.

Michael Sailer: Das kann und mag ich nicht beurteilen. Ich denke, was ich tue, hat mehr mit Lust zu tun als mit Talent. Die einzige Begabung, die ich nicht abstreiten kann, ist die zum Müßiggang, das heißt: zur Faulenzerei. Um im Fernsehen zu sehen zu sein, braucht es jedoch kein Talent, sondern eine Einladung.

dasgedichtblog: Sie sind ja irgendwie so ein richtiges Münchner ›Urgestein‹. Haben Sie jemals woanders gelebt? Was bedeutet Ihnen München?

Michael Sailer: Eine der grundlegenden Techniken, mit denen die leider immer noch herrschende Ideologie den Menschen für ihre Zwecke zurechtrichtet, ist die Entwurzelung. Diesem Entfremdungsprozess bin ich aus unklaren Gründen – unter denen die erwähnte Faulheit sicher eine Rolle spielte – immer instinktiv ausgewichen. Gelebt habe ich für jeweils sehr kurze Zeit – einige Stunden bis Wochen – an sehr vielen Orten und hatte dabei den Eindruck, dass sich – auch durch den dressurbedingten Migrationszwang – die meisten davon immer ähnlicher werden. München, das heißt: Giesing und Schwabing mit unklaren Rändern, ist zufällig der Ort, an dem ich lebe.

»Strukturen habe ich im Verdacht, Strategien zur Lebensvermeidung zu sein.«

dasgedichtblog: Sie sind ja angeblich kein Freund eines durchgeplanten oder durchstrukturierten Lebens. Planen Sie zumindest den aktuellen Tag oder überlassen Sie alles dem Zufall?

Michael Sailer: Für den aktuellen Tag: gibt es keine Pläne außer dem, abends bei »Blickpunkt Spot« aufzutreten und einen Text zu lesen, den ich vorher noch aussuchen muss. Weil mein Wecker manchmal etwas seltsame Dinge tut, offenbar auch ohne aufgezogen zu werden, bin ich um halb acht aufgewacht und dachte, es sei zwölf, was mich jetzt leicht verwirrt. Bei Terminen bin ich meistens sehr pünktlich und zuverlässig; Essen und Schlafen richten sich nach Appetit und Müdigkeit. Ansonsten habe ich weder Zeit noch Lust, in der ›Zukunft‹ zu ›leben‹, weil die Gegenwart dafür zu wichtig ist, und Strukturen habe ich im Verdacht, Strategien zur Lebensvermeidung zu sein.

dasgedichtblog: Also kompromisslos eine Künstlernatur, die sich aber auch nicht zu schade ist, Putztätigkeiten zu verrichten, ganz nach dem Motto: Erst das Brot und dann die Kunst. Können Sie sich eine Gesellschaft vorstellen, in der man sich um das Brot keine Gedanken mehr zu machen braucht?

Michael Sailer: Selbstverständlich: Wir leben in einer solchen Gesellschaft – leider meistensteils ohne es zu bemerken.

dasgedichtblog: Eine andere Lesebuchreihe von Ihnen heißt »Schwabinger Krawall«. Mit den darin enthaltenen Kolumnen begeisterten Sie jahrelang die Leser der Sonntagsausgabe der FAZ sowie der taz. In diesen Geschichten nehmen Sie alles Mögliche aufs Korn, mit dem ein moderner Schwabinger konfrontiert werden kann. Ist der Titel Ihrer Bücher angelehnt an die Schwabinger Krawalle vom 21. Juni 1962, als zwischen 22.35 Uhr und 1.40 Uhr Polizeieinsätze ein nächtliches Gitarrenkonzert verhindern sollten? Zu dem Zeitpunkt waren Sie ja noch gar nicht geboren?

Michael Sailer: Der Reihentitel ist ein auf diese Ereignisse bezogenes Wortspiel. Ich vermute, solche rhetorischen Figuren sind auch in Bezug auf Dinge erlaubt, die vor der eigenen Geburt liegen. Ein inhaltlicher Zusammenhang ist jedoch nicht beabsichtigt.

»Man kann als Autor nur von dem erzählen, was man kennt.«

dasgedichtblog: In Band 3 Ihres »Schwabinger Krawall« geht es auch um allerhand Beziehungstechnisches zwischen einem Jackie und einer Jaqueline. Steckt darin auch etwas Autobiographisches? Und was in aller Welt bedeutet »den Schuh aufblasen«?

Michael Sailer: Das ist eine in München gebräuchliche Phrase, grob deckungsgleich mit »den Buckel hinunterrutschen«, »im Mondschein begegnen«, »am Arsch lecken«, »auf den Hut steigen« und so weiter. Da eine Autobiographie den Zweck verfolgt, über das eigene Leben Rechenschaft abzulegen, würde ich sagen: nein. Aber sicherlich kann man als Autor nur von dem erzählen, was man kennt, und – je nach Talent – daraus heraus- und weiterdichtet.

dasgedichtblog: Ihr erster Roman »Die Verrückten stehen in der Sonne« sei eine »Studie« über Wahrnehmung und die Geschichte einer Wahrnehmungsverschiebung und wurde 1998 mit einem Literaturstipendium ausgezeichnet. Warum gestaltete sich die Verlagssuche schwierig?

Michael Sailer: Weil zehn Jahre lang kein Verlag auffindbar war, der das Buch veröffentlichen wollte.

dasgedichtblog: Warum stellen Sie Ihren zweiten Roman »Wegerichs Heft« komplett kostenfrei ins Internet? Und Ihren ersten noch dazu?

Michael Sailer: Um zu ermöglichen, dass sie gelesen werden.

»Was Utopien anbelangt, möchte ich lieber auf die verweisen, die hierfür zuständig sind.«

dasgedichtblog: Was ist Ihre persönliche gesellschaftliche Utopie?

Michael Sailer: Was Utopien anbelangt, möchte ich lieber auf die verweisen, die hierfür zuständig beziehungsweise begabt sind.

dasgedichtblog: Welcher Künstler oder Mensch ist Ihr großes Vorbild oder hat Sie am meisten beeinflusst?

Michael Sailer: Vorbilder gibt es viele, die meisten davon sind mir wahrscheinlich nicht bewusst; mein Lieblingsschriftsteller ist Vladimir Nabokov. Ob das, was er geschrieben hat, mich beeinflusst hat, weiß ich jedoch nicht.

dasgedichtblog: Herzlichen Dank für dieses Gespräch, Michael Sailer.

Michael Sailer
Schwabinger Krawall 3. Neue irrwitzige Geschichten aus der Münchner Vorstadt. Kolumnen

Lagrev Verlag, München, 2011
156 Seiten
ISBN 978-3-929879-81-0
Euro 12,00





Das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München und dem Literaturhaus München. Hugendubel.de unterstützt das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« als Förderpartner. Die Veranstaltung wird vom BR für sein Fernsehprogramm BR-alpha aufgezeichnet (geplante Erstsendung: Samstag, 12. Januar 2013, 22.30 Uhr, Reihe »Denkzeit«, BR-alpha). Das Aus- und Fortbildungsradio München afk M94.5 und dasgedichtclip – lyrik tv sind weitere Medienpartner.


2 Kommentare

  • Servus Michael,
    jetzt muss ich endlich mal schreiben, weil ich durch Zufall auf diese Seite gekommen bin…
    herzlichen Gruss erstmal vom ANDEREN V2 Schneider – der OHNE Bindestrich!
    Wir waren schon mal zusammen auf der Bühne – Vorgruppe von Marionetz, wohnen genau 100 Meter voneinander entfernt und werden immer wieder verwechselt, vor allem was auch das Mir san Dageng Projekt betrifft, da sind wir ja auch beide drauf…
    Vielleicht trifft man sich mal auf einen Kaffee,
    Servus vom V2 Jürgen

  • heute früh in der U-Bahn via GIESING 6.ooUhr früh…?? hast ausgschaut wie der sailer, aber aufgeführt wie ein Buchhalter fritzi v.MVV-Zeigefinger statt Mittelfinger..18.03.16- frühe ostern-ich bin 65 Jahre und 3 Monate und lass mir von so einen schnösi nicht sagen dass ich meine zeitung aufheben soll! DEPP-schöne ostern für Katholiken, die Astrologin.

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