GIPFELRUF
Folge 44: Said

Said (*1947)

  • Lyriker aus München
  • www.said.at

In loser Folge stellt Franziska Röchter für dasgedichtblog die Teilnehmer des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« am 23.10.2012 in München vor. In dieser Folge porträtiert sie Gipfelteilnehmer Said.

Said im Gespräch mit Franziska Röchter. Foto: Franziska Röchter

»Erfolg ersetzt nie die Wärme.«
Said

Die Schwierigkeit bei Autorengesprächen besteht darin, dass jeder bekannte Dichter alles Wesentliche bereits in anderen Interviews gesagt hat, oft mehr als einmal. Viele Dinge, die den Leser losgelöst vom Werk eines Schriftstellers interessieren könnten, sind nicht unbedingt erfragbar. Es besteht die Gefahr, unter Umständen unbemerkt eine Schwelle zu überschreiten. Daher stelle ich SAID zunächst eine Frage, deren Antwort ich der Lektüre eines seiner Bücher bereits selbst entnommen hatte. In seinen »Notizen aus meinem Exil« (C. H. Beck, München 1993) heißt es: »Die Heimat ist die Zeit, die wir verloren haben.« Was Heimat heute für ihn bedeute, möchte ich wissen. Die Antwort ist nicht allzu ausschweifend, SAID verweist mich auf meine Frage, welche die Antwort ja in sich berge. Als ich ihn daraufhin nach dem Deutschen als seiner Sprache der Freiheit frage, entgegnet er: »Freiheit ist wichtiger.« Wichtiger, als sich zu Hause zu fühlen …

In seinem Buch »Landschaften einer fernen Mutter« (dtv, München 2001) schildert SAID eine Begegnung mit seiner Mutter, die er 1990 als 41-jähriger Exil-Iraner erst zum zweiten Mal in seinem Leben traf, nachdem er als Neugeborenes von ihr getrennt worden war. Nur einmal noch hatte er als Zwölfjähriger einen kurzen Nachmittag mit ihr verbracht. In dem Band wird das Innerste des Ich-Erzählers nach außen gekehrt. Ob er dieses Buch jemals bereut habe? »Nein«, antwortet SAID, und dafür habe er oft Prügel bezogen, für das Nichtbereuen.

Ein Jahrzehnt nach dem Treffen mit der Mutter, im Jahr 2000, schreibt er den Epilog zu diesem Manuskript und bezeichnet das Buch als ein Abschiednehmen von seinem Vaterland. Es schwingen starke Ressentiments in der abschließenden Bewertung dieser zehn Jahre zurückliegenden dreiwöchigen Begegnung mit. Das Buch wird als ein »Rapport an sich selbst« aufgefasst, damit die Erinnerung nicht verblasst. Ob sein Leben in München nicht dazu beigetragen habe, die als »amorph« beschriebene Kindheit ohne Mutter in den Hintergrund rücken zu lassen? Ob er jemals das Bedürfnis gehabt habe, in einer anderen Stadt als München zu wohnen? »Ja«, antwortet er, natürlich, »in Teheran«. Nein, seine Mutter habe er nie wiedergesehen, auch nie wieder mit ihr gesprochen.

»Wirklich wichtig sind nur Freiheit und Liebe.«

Im Jahr 2000 schreibt SAID auch, dass das Heimweh immer noch da sei und dass Deutschland Kälte absondere. Deutschland sei seine Art, fremd zu sein. Ob sich auch in den letzten zwölf Jahren nichts mehr daran geändert habe, dass er sich als »Kompositum« empfindet, das nirgendwo hingehört, möchte ich wissen. Und ob ihm denn sein Erfolg als Schriftsteller nicht so etwas wie ein »Bei sich selbst zuhause sein« gebe. »Es ist vielmehr so«, entgegnet SAID, »dass Erfolg nie die Wärme ersetzt.« Ich frage weiter: »Sie bezeichnen in Ihrem Buch ›Landschaften einer fernen Mutter‹ Gott, Geld und Politik als belanglose Dinge. Was halten Sie dann für wirklich wichtig?« SAID überlegt nicht lange: »Wirklich wichtig, wirklich von Belang sind nur Freiheit und Liebe.«

SAIDs Buch »In Deutschland leben« (C. H. Beck, München 2004) thematisiert seine erste Reise nach Deutschland mit siebzehn Jahren. Es erzählt zum Beispiel von der Freiheit, nun endlich öffentlich rauchen zu können. SAID schreibt über die Unterschiede der Sprachen, über seine Adaption an die deutsche Sprache. »Macht einen der dauerhafte Gebrauch einer Fremdsprache, die im Gestus so grundverschieden von der Muttersprache ist, zu einem anderen Menschen?« frage ich den Autor. »Sicher«, so SAID. »Die andere Sprache verändert innerlich – stark sogar. Dafür muss man ja auch dankbar sein.«

Nur derjenige habe vor »überfremdung angst, der seine eigene kultur nicht kennt und nicht schätzt«, schreibt SAID im gleichen Band. Da möchte ich nachhaken: »Glauben Sie, es sollte ein Schulfach Kultur geben?« »Bloß nicht«, winkt SAID ab, »denn dann ist Kultur ja erst recht gefährdet.«

»Sowohl … als auch« statt »Entweder … oder«

Im Epilog seines Buches »In Deutschland leben« heißt es: »seither weilt nun das kind in einem zwischenland – zwischen zwei flüssen … das stumme denken findet auf persisch statt; das dialogische auf deutsch … und die flüsse verwandeln das kind in ein chamäleon, ohne eigene farbe«. Sollten wir alle nicht einfach jenes »Sowohl … als auch« akzeptieren, da beispielsweise die Beschränkung auf eine Staatsbürgerschaft oder Sprache letztendlich auch etwas mit Schubladendenken und dem allgemeinen Bedürfnis nach Ordnung zu tun habe, frage ich SAID. Ob es nicht viel vorteilhafter sei, nirgendwo anzukommen, sondern in erster Linie Mensch zu sein? Dem pflichtet der Autor bei: »Eines ist jedenfalls schädlich: dieses ›Entweder … oder‹. Und das ist im Moment das bestimmende Element. Leider.«

Von Tieren lernen

In SAIDs jüngstem Gedichtband »Ruf zurück die Vögel« (C. H. Beck, München 2010) sind die Gedichte kapitelweise thematisch gebündelt. In einer Art Inventur geht es zunächst um Schuhe, Hände, Füße, Augen, um Verfall, Zeit und Tod. Danach folgt eine Hommage an jene, für die das Wort ergriffen werden muss, weil sie am Leben verzweifeln, verfolgt werden oder im Exil leben. Die Gedichte halten ihre Einzelschicksale lebendig. Das dritte Kapitel ist mythologischen oder berühmten Gestalten wie Ikarus, Hölderlin, Feuchtwanger, Robinson Crusoe gewidmet, also Inspirationsfiguren, die oftmals selbst zu Opfern wurden. Kapitel IV beschäftigt sich mit der Sprache, dem Wort oder dem Gedicht als solchem, und immer wieder kommen Tiere vor. Seien es Lemminge, eine Muschel, Würmer, Fische, Amphibien (»ich glaube an die zärtlichkeit der amphibien«), »taubstumme möwen«, der »verspätete maulwurf« oder ein assimilierter Wolf. SAID, dessen Name »der Glückliche« bedeutet, hat einmal in einem Interview mit einem Schweizer Radiosender gesagt, der Mensch müsse das »Verhältnis zum Tier neu orten und von Tieren lernen«, er müsse »tiere in freiheit lassen«.

Dass die Ratio nicht alles ist und Vernunft nicht immer die Oberhand haben muss, wird deutlich, wenn man erfährt, dass SAID laut eigenem Bekunden hauptsächlich immer dann in seine Muttersprache Persisch fällt, wenn die rationale Kontrolle ausgeschaltet ist, so zum Beispiel im Traum. Das Verlassen auf die Vernunft habe Dinge wie Auschwitz erst ermöglicht, meinte SAID im oben genannten Interview, und seine Aussage findet auch Niederschlag in Versen wie »die sprache schaute zu als chemie lavendel ersetzte« (aus: »Ruf zurück die Vögel«, C. H. Beck, München 2010). Die Gräueltaten der Geschichte seien eine Folge mangelnder Liebe.

Gern hätte ich SAID, der mir von seinen fünf verschiedenen Pässen berichtete, auch nach solch profanen Dingen wie seinen kulinarischen Vorlieben in Deutschland gefragt, ob er gern persisch koche oder was er vom deutschen Bier halte. Aber das Überschreiten weiterer Schwellen verschiebe ich aufs nächste Mal.

Said
Ruf zurück die Vögel. Neue Gedichte

C. H. Beck, München, 2010
109 Seiten
ISBN 978-3-406-59842-5
Euro 16,95





Das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München und dem Literaturhaus München. Hugendubel.de unterstützt das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« als Förderpartner. Die Veranstaltung wird vom BR für sein Fernsehprogramm BR-alpha aufgezeichnet (geplante Erstsendung: Samstag, 12. Januar 2013, 22.30 Uhr, Reihe »Denkzeit«, BR-alpha). Das Aus- und Fortbildungsradio München afk M94.5 und dasgedichtclip – lyrik tv sind weitere Medienpartner.


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