GIPFELRUF
Folge 46: Ingrid und Anton Leitner sen.

Anton Leitner (*1938)

Ingrid Leitner (*1939)

In loser Folge stellt Franziska Röchter für dasgedichtblog die Teilnehmer des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« am 23.10.2012 in München vor. Sie sprach mit Ingrid und Anton Leitner sen. – insbesondere über ihren Sohn Anton G. Leitner.

Ingrid und Anton Leitner sen.

dasgedichtblog: Herr und Frau Leitner, wie war Ihr Sohn als Kind? Neugierig, lebhaft, extrovertiert oder eher verträumt, kontemplativ, verspielt?

Ingrid Leitner: Anton war äußerst lebhaft, wissbegierig, kreativ, neugierig, voller Tatendrang und sehr phantasievoll. Mit sechs Monaten begann er zu sprechen, wobei er sich nach meiner Erinnerung fast nie einer ›Babysprache‹ bediente. Nur zu oft hat er mich in dieser frühen Phase im Freundes- oder Familienkreis blamiert. Als ich einmal mit Anton im Kinderwagen spazieren fuhr, schoss plötzlich ein großer Hund um die Ecke und sprang laut bellend am Wagen hoch. Ich war so erschrocken, dass ich brüllte. »Hau ab, Du blöder Hund«. Einige Tage später wartete ich beim Metzger – Anton hatte ich auf dem Arm, laufen konnte er ja noch nicht – als er auf einmal laut und deutlich rief: »Schau, da ist der blöde Hund!« Alle Leute im Laden schauten verwundert, wer da gesprochen hatte – keiner glaubte, dass so ein kleines Kind schon sprechen kann. Später, im Alter von vier und fünf Jahren, diktierte er mir schon seine ersten Räubergeschichten. Kaum hatte er das Lesen gelernt, wurde die Zeitung seine tägliche Morgenlektüre.

dasgedichtblog: Hatten Sie je eine Vorstellung davon, was er später einmal werden würde?

Ingrid Leitner: Da sich schon früh sein Interesse für ›Wörter‹ in allen Facetten zeigte, war für mich klar, dass diese Vorliebe auch sicher sein Berufsleben bestimmen würde.

dasgedichtblog: Was haben Sie mit dem Klein- und Schulkind Anton G. unternommen, um etwas von der Sprachbegeisterung an ihn weiterzugeben?

Ingrid Leitner: Wir hatten immer ein offenes Haus für Freunde und Bekannte aus dem In- und Ausland. So lernte Anton von klein auf andere Kulturen und Sprachen kennen. Bei so einer Gelegenheit bekam er mit, wie Indios in Peru Feuerwerkskörper bauen. In der Silvesternacht überraschte er uns dann mit einem selbstgebastelten Feuerwerk und hätte uns um ein Haar beinahe alle in die Luft gesprengt. Langweilig war es bei uns nie.

dasgedichtblog: Herr und Frau Leitner, waren Sie strenge Eltern?

Ingrid Leitner: Ich glaube nicht, dass wir besonders strenge Eltern gewesen sind. Natürlich war eine gute Schulbildung für uns sehr wichtig. Anton musste feste ›Studienzeiten‹ einhalten, danach konnte er seinen Lieblingsbeschäftigungen nachgehen. Wenn es Schulprobleme gab, suchten wir gemeinsam nach Lösungen. Schlechte Noten waren für uns kein Angstthema. Anton konnte mit all seinen kleinen und großen Problemen jederzeit zu uns kommen.

dasgedichtblog: Haben Sie selbst eine strenge Schulbildung durchlaufen?

Ingrid Leitner: Ich besuchte selbst die Salvatorschule in München, die später zum Literaturhaus München umgebaut worden ist. Das war damals eine reine Mädchenschule. Ich bin gerne in diese Schule gegangen, habe mich dort wohlgefühlt und habe diese Zeit in guter Erinnerung.

Anton Leitner sen.: Ich musste das Karlsgymnasium in München während der ersten Klasse verlassen, weil ich schlechte Noten hatte und außerdem auch den Chef im Direktorat eingesperrt hatte. Nach einem Zwischenaufenthalt in der Weßlinger Volksschule kam ich zunächst für sechs Jahre in das Progymnasium der Benediktiner nach Schäftlarn. Anschließend wechselte ich an das Wittelsbacher Gymnasium in München. Beides waren reine Bubenschulen und strenge humanistische Gymnasien, an denen ich aber dann als sehr guter Schüler keinen Ärger mehr mit Lehrern hatte.

dasgedichtblog: Herr Leitner, Sie haben in der Stadt Germering (Stadtteil Unterpfaffenhofen) ein Gymnasium mitgegründet und es als Oberstudiendirektor geleitet. Fühlten Sie sich durch die anfänglichen schriftstellerischen Gehversuche Ihres jugendlichen Sohnes unter Druck gesetzt? Schließlich weiß man ja nie, was so ein Autor ans Licht der Öffentlichkeit bringt.

Anton Leitner sen.: Ich habe in Germering-Unterpfaffenhofen das Carl-Spitzweg-Gymnasium aufgebaut und 23 Jahre lang geleitet. Es ist ein naturwissenschaftlich-technisches und neusprachliches Gymnasium, das nach Carl-Spitzweg benannt ist, dessen Familie viele Jahrhunderte in Unterpfaffenhofen-Germering ansässig war und es auch noch bis heute ist. Durch die ersten schriftstellerischen Gehversuche fühlte ich mich in keiner Weise unter Druck gesetzt. Wieso auch?

Kindheitsfoto von Anton G. Leitner

dasgedichtblog: Wie war Ihre erste Reaktion, als Sie mit der Tatsache konfrontiert wurden, dass Ihr Sohn Anton G. Leitner seine juristische Laufbahn zugunsten der Lyrik aufgeben würde?

Anton Leitner sen.: Wie sich denken lässt, erfüllte mich die Sorge, ob sich mit der Schreiberei genug Geld verdienen lassen würde, um einigermaßen vernünftig zu leben. Beruhigt hat mich die Tatsache, dass mein Sohn sein juristisches Examen erfolgreich absolvierte und somit im Falle eines Falles eine weitere berufliche Option gehabt hätte.

dasgedichtblog: Herr Leitner, Sie sprechen nicht gerade wenige Sprachen. Wie viele sind es genau und wie hat sich bei Ihnen dieses große Interesse herausgebildet?

Anton Leitner sen.: Neben den beiden alten Sprachen, die mich immer schon in ihren Bann zogen, weil sie mir die Welt der griechischen und römischen Literatur erschlossen, lernte ich parallel zu den Schulsprachen Englisch und Französisch aus purer Neugierde Italienisch, Spanisch und Russisch. Da ich während des Studiums der altgriechischen Philologie mit vielen Griechen in Berührung kam, habe ich auch noch Neugriechisch gelernt. Der Hauptgrund für dieses Erlernen fremder Sprachen lag einfach darin, dass ich – als Klosterschüler durch die Benediktinermönche in dieser Hinsicht sensibilisiert – früh erkannte, dass sich mir mit jeder Sprache eine neue Welt erschloss.

dasgedichtblog: Unlängst brachte unsere Tageszeitung schon auf dem Mantel den Teaser: »Latein ist noch nicht am Ende«. Der Bericht war dann überschrieben mit »Schüler finden Latein wieder cool«. Freut Sie das?

Anton Leitner sen.: Es freut mich ganz ungemein, dass immer mehr Menschen und darunter viele Entscheidungsträger die Bedeutung dieser grundlegenden Sprache wieder erkennen. Latein ist nicht nur die Mutter fast aller europäischer Sprachen, sondern ihr Erlernen gewährt auch grundlegende Einsichten in die Struktur von allen Sprachen.

dasgedichtblog: Herr Leitner, Sie haben eine besondere Beziehung zu Rom? Worin besteht diese?

Anton Leitner sen.: Meine besondere Beziehung zu Rom beruht nicht zuletzt darauf, dass ich diese Stadt auf zahllosen Reisen immer besser kennenlerne und jedes Mal tiefer in ihre Geheimnisse eindringe.

Ingrid Leitner: Ich liebe Rom mit seinen antiken Denkmälern über alles. Mit meinem Mann habe ich viele Abiturklassen nach Rom begleitet, manchmal war auch schon der kleine Anton als Gast mit von der Partie. Es gibt viele lustige Erinnerungen an diese Klassenfahrten. Wir übernachteten dann meistens bei spanischen Schwestern, den Suore Ancelle Dell’Amore Misericordioso in der Via Casilina 323. Buben und Mädchen sind dort sofort getrennt worden. Im linken Flügel des Hauses wurden die Jungen untergebracht, im rechten Flügel die Mädchen. Als ich das erste Mal dabei war und neben meinem Mann stehen blieb, packte mich die Schwester Oberin und schubste mich zu den Mädchen. Erst nach langer Diskussion und dem Vorzeigen meines Passes durfte ich schließlich zu meinem Mann zurück.

dasgedichtblog: Herr und Frau Leitner, haben Sie auch eine besondere Beziehung zum Vatikan?

Ingrid Leitner: Natürlich ist der Vatikan mit dem Petersdom und seinen imposanten Anlagen ein Rom-Erlebnis der besonderen Art.

dasgedichtblog: Haben Sie, als Ihr Sohn zusammen mit Ludwig Steinherr 1993 die erste Ausgabe von DAS GEDICHT herausgab, gedacht, dass diese Jahresschrift einen solchen Erfolgskurs nehmen würde?

Ingrid Leitner: Ich selbst habe ja am Anfang im Verlag mitgeholfen und wir waren alle stolz, als die erste Ausgabe von DAS GEDICHT aus der Taufe gehoben wurde. Da sich Anton gegen alle Widerstände, sowohl in der Familie als auch außerhalb, durchgesetzt hat und im wahrsten Sinne des Wortes für die Lyrik ›brennt‹, hatte ich damals schon gehofft, dass Fortuna ihm gewogen sein möge.

dasgedichtblog: Sind Sie stolz auf Ihren Sohn?

Ingrid Leitner: Welche Frage! Ja, als Mutter bin ich natürlich stolz auf meinen Sohn.

Ingrid und Anton Leitner sen.

dasgedichtblog: Herr und Frau Leitner, wie ist das für Sie, wenn im Herbst eine neue Ausgabe von DAS GEDICHT herauskommt? Lesen Sie diese immer sofort und diskutieren darüber? Lesen Sie privat auch Gedichte?

Ingrid Leitner: Ich warte immer schon sehr gespannt auf die neue Ausgabe. Natürlich stecke ich meine Nase sofort hinein. Inzwischen sind mir viele Poeten schon gute Bekannte, die suche ich dann als Erste heraus. In den folgenden Tagen gibt es dann ausreichend Stoff zur Diskussion. Privat lese ich außer Gedichten auch gerne Prosa.

dasgedichtblog: Herr Leitner, was denken Sie als Pädagoge von all diesen zeitgeistigen Verhaltensauffälligkeiten in der gegenwärtigen Schülergeneration, allen voran ADHS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom bzw. Hyperaktivitätsstörung) oder auch die angeblich immer mehr zunehmende Hochbegabung?

Anton Leitner sen.: Ich betrachte all diese Dinge mit großer Gelassenheit, weil ich glaube, dass gute Pädagogen, die ihre Arbeit mit Zielstrebigkeit und liebevollem Einsatz für ihre Schützlinge leisten, diese dazu erziehen können, mit solchen Zeiterscheinungen fertig zu werden.

dasgedichtblog: Was würden Sie am bundesdeutschen Schulsystem ändern wollen, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten?

Anton Leitner sen.: Obwohl es mich sehr reizen würde, mich ausführlicher über dieses Thema zu äußern, biete ich hier nur zwei Vorschläge:
Erstens: Die Gymnasien sollten sich nicht so in einzelne Fächer zersplittern, sondern wieder Kernkompetenzen, die man am besten den klassischen Kernfächern (Latein, Griechisch, Deutsch, Mathe, Physik, Chemie) zuordnen kann, in den Mittelpunkt stellen.
Zweitens: 8 oder 9 Schuljahre sollten nicht zum Dogma erhoben werden. Man hat bei der überstürzten Einführung des G 8 auch nicht bedacht, dass vor allem die Buben das 9. Jahr zur geistigen Reifung in den meisten Fällen dringend brauchen.

dasgedichtblog: Herr und Frau Leitner, was wünschen Sie sich für die Zukunft für sich und für Anton G. Leitner?

Ingrid Leitner: Für die Zukunft wünsche ich Anton, dass er endlich einmal mehr Zeit für sich zum Atemholen finden möge. Ich mache mir ernstliche Sorgen um seine Gesundheit, da er seit Jahren ständig unter Dauerstress steht. Es ist ein Glück, dass seine Frau Felizitas Ärztin ist und sie ihn auch gesundheitlich betreuen kann. Den beiden wünsche ich für die Zukunft weiterhin viel Geduld und Verständnis füreinander. Für uns Eltern wünsche ich mir, dass wir geistig gesund bleiben und wir den weiteren Lebensweg unseres Sohnes noch einige Zeit verfolgen dürfen.

Anton Leitner sen.: Ich wünsche mir Gesundheit für meine Familie und mich.

dasgedichtblog: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Anton Leitner
LATEIN 1. Lernjahr

Anton G. Leitner Verlag, Weßling, 2009 (6. Aufl.)
144 Seiten
ISBN 978-3-929433-01-2
Euro 12,50

Alle Latein-Lernhilfen von Anton Leitner





Das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München und dem Literaturhaus München. Hugendubel.de unterstützt das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« als Förderpartner. Die Veranstaltung wird vom BR für sein Fernsehprogramm BR-alpha aufgezeichnet (geplante Erstsendung: Samstag, 12. Januar 2013, 22.30 Uhr, Reihe »Denkzeit«, BR-alpha). Das Aus- und Fortbildungsradio München afk M94.5 und dasgedichtclip – lyrik tv sind weitere Medienpartner.


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