GIPFELRUF
Folge 48: Rudolf Kraus

Rudolf Kraus (*1961)

  • Schriftsteller und Bibliothekar aus Wien
  • www.rudolfkraus.at

In loser Folge stellt Franziska Röchter für dasgedichtblog die Teilnehmer des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« am 23.10.2012 in München vor. Sie sprach mit Gipfelteilnehmer Rudolf Kraus über Ghazelen und Holzpyjamas.

Rudolf Kraus. Foto: Verena Brunner

»Die Entscheidung, mit Büchern und in der Literaturvermittlung tätig zu sein, war absolut richtig.«
Rudolf Kraus

dasgedichtblog: Rudolf Kraus, was fällt Ihnen spontan zum Thema ›Sabotage im Literaturwesen‹ ein?

Rudolf Kraus: Erst vor kurzem hat ein Mitarbeiter in einem österreichischen Verlag Geld unterschlagen, im Casino verspielt und gleichzeitig sämtliche Strukturen, also Vertrieb, Homepage und Mail, lahmgelegt. So etwas hinterlässt Spuren, die bis zum Konkurs führen können. Ich habe schon einmal die leidvolle Erfahrung gemacht, dass mein damaliger Verlag aus finanziellen Gründen aufgeben musste und nach kurzer Zeit sämtliche Bücher vergriffen, also aus der Literaturlandschaft verschwunden waren. Das ist tragisch.

dasgedichtblog: Ihre Biografie klingt für mich ein wenig nach amerikanischem Traum: vom Tellerwäscher zum Millionär – oder sagen wir hier: vom LKW-Fahrer zum Leiter der Wiener Hauptbibliothek. Wie geht das?

Rudolf Kraus: Das ist eher eine ideelle Karriere und ich bin ja ›nur‹ stellvertretender Leiter der Hauptbücherei, also die Nummer zwei. Das Gehalt als Bibliothekar, auch in leitender Funktion, ist außerdem nicht weltbewegend. In der Privatwirtschaft, wo ich 10 Jahre lang tätig war, verdiente ich besser. Aber die Entscheidung, mit Büchern und in der Literaturvermittlung tätig zu sein, war absolut richtig. Und dann bin ich ja auch als Schriftsteller tätig – oder besser: als Dichter.

dasgedichtblog: Herr Kraus, in Ihrem Buch »Worte kennen kein Gefühl« (arovell Verlag, 2010) sowie auch schon in dem 2001 erschienenen »Hoamat Strange Homeland« (Edition Doppelpunkt, 2001) erfahren wir einiges aus Ihrer Zeit des Erwachsenwerdens: Kindergarten, Schule, Pubertät, erste Liebe, erster Sex, Beendigung eines jungmännlichen Traumas. Gehören solche autobiographischen Erzählungen zu jeder künstlerischen Entwicklung dazu?

Rudolf Kraus: Diese Erzählungen und Kurzgeschichten haben zwar – wie oft im Literaturbetrieb – einen autobiographischen Bezug, sind aber dennoch in erster Linie fiktive Geschichten. Rein thematisch sind Kinder- und Jugenderlebnisse ein wichtiger Teil einer literarischen Entwicklung. Aber da mein Schwerpunkt die Lyrik ist, würde ich es auch nicht überbewerten.

»Im großen Feld der Wahrheit ist viel Platz, sowohl für Kryptisches als auch für offen Ausgesprochenes.«

dasgedichtblog: In »Worte kennen kein Gefühl« gibt es etliche »Wahrheiten« und auch einige Halbwahrheiten zu lesen. Dabei erwähnen Sie die »Milchmädchenlyrik«. Was genau meinen Sie damit?

Rudolf Kraus: Dieser lyrische Zyklus, den ich »wahrheiten« genannt habe, subsummiert mehrere Richtungen und lässt daher auch Halbwahrheiten zu. Und im großen Feld der Wahrheit ist viel Platz, sowohl für Kryptisches als auch für offen Ausgesprochenes. Mit »Milchmädchenlyrik« meine ich in diesem Zusammenhang: ›einfach zu verstehen‹ oder ›für jeden verständlich‹.

dasgedichtblog: Sie sind ja ein großer Liebhaber des Kurzgedichtes. Ihr 2008 erschienener Band »tausend schritte neben mir. liebesgedichte & andere lyrische miniaturen« (Edition Roesner) sagt es ja schon im Untertitel. Wo genau hört eine lyrische Miniatur auf und wo fängt ein Gedicht an?

Rudolf Kraus: Das lief eigentlich anders: Ich habe von Anfang an meine lyrischen Texte »sprachminiaturen« genannt. Dieser selbstgewählte Begriff hat mir einfach besser gefallen, da er unter anderem zum Ausdruck bringt, dass in diesen »sprachminiaturen« auch kleine Geschichten enthalten sein können und nicht nur poetische Texte. Im Laufe der Jahre hat sich das eher vermischt, ich verwende beide Begriffe, also »Gedichte«, »sprachminiaturen« oder eben nur »Miniaturen«.

dasgedichtclip: Im letzten Kapitel von »tausend schritte neben mir« widmen Sie Ihre Texte bestimmten Dichterpersönlichkeiten, von Sappho über Samuel Beckett bis Pablo Neruda. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Rudolf Kraus: Das hat sich von selbst ergeben: Ich lese sehr viel Lyrik, und dadurch sind immer wieder gewidmete Gedichte für andere Dichter und Dichterinnen entstanden, die in diesem Buch ein eigenes Kapitel füllen. Und es gibt längst wieder neue ›Widmungsgedichte‹, das hört niemals auf.

dasgedichtblog: Schreiben Sie auch komplett in lautschriftlichem Österreichisch oder in echtem »Wianarisch« – was ja auf keinen Fall gleichzusetzen ist?

Rudolf Kraus: Selten aber doch: Es gibt circa fünf Gedichte in Wienerisch oder Niederösterreichisch, alle unveröffentlicht. Österreichisch und Wienerisch gleichzusetzen geht auf keinen Fall, jedes Bundesland hat einen oder mehrere eigenständige Dialekte, wobei aber Salzburg, Oberösterreich und große Teile Niederösterreichs dem Bayrischen sehr ähnlich sind bzw. eigentliche bayrische Dialekte sind. In Niederösterreich gibt es noch die Vermischung mit dem Wienerischen und im Süden mit dem Steirischen. Die unterschiedlichen Dialekte sind vielfältig, wie auch in Deutschland, und manche sehr eng verwandt, meist mit dem Bayrischen, aber auch mit dem Schwäbischen in Vorarlberg.

»In jedem Wiener wohnen zwei Seelen.«

dasgedichtblog: Woher, glauben Sie, kommt der speziell dem Wiener nachgesagte Hang zum Makabren, zum schwarzen Humor und zum Morbiden?

Rudolf Kraus: Es ist vielmehr eine Mischung aus makaber, morbid, sarkastisch, melancholisch, boshaft, unfreundlich und ausgesprochen freundlich. In jedem Wiener wohnen zwei Seelen, sagt man, und der sogenannte Wiener Schmäh war bereits in frühen Zeiten eine Methodik des Widerstands, einer oppositionellen Denkweise oder einer Haltung. Das Morbide hängt damit unmittelbar zusammen, also mit Dialekt und Haltung. Im Wienerischen heißt der Selbstmord »sich heimdrehen«, der Sarg ist der »Holzpyjama« und das Begräbnis ist »a scheene Leich«, also eine schöne Leichenfeier.

dasgedichtblog: Rudolf Kraus, 2011 kamen zwei Bücher von Ihnen heraus. »Mein Haiku schmeckt gut« (Edition Roesner) beinhaltet verschiedene Formen japanischer Dichtung, von Haiku über Senryu und Nagauta (Langgedicht) bis zu Tanka (Kurzgedicht). Was fasziniert Sie an diesen Formen?

Rudolf Kraus: Am Haiku fasziniert mich vor allem die Einhaltung der Silbenform 5-7-5 und die Herausforderung, innerhalb dieses Rahmens poetische Verse zu kreieren. Ich bevorzuge aber den Senryu, um eine freie Themenwahl auszuschöpfen. An den älteren Versformen Tanka und Nagauta habe ich mich dagegen nur kurzzeitig versucht. Der Dreizeiler ist aber geblieben! Ich habe vor kurzem bei einer Veranstaltung in Wien vor vielen Japanern die deutsche Übersetzung klassischer japanischer Haikus gelesen, gemeinsam mit einer japanischen Germanistin, die das japanische Original gelesen hat. Das war sehr spannend, da Japaner ein sehr aufmerksames und höfliches Publikum sind.

dasgedichtblog: Ebenfalls 2011 entstand mit »Neun Gärten der Liebe« (Edition Roesner) ein sehr ambitioniertes bilinguales Projekt mit Übersetzungen und Nachdichtungen zeitgenössischer persischer Lyrik, das Sie gemeinsam mit Mehrzad Hamzelo und Gorji Marzban herausgegeben haben. Wie gestalten Sie Lesungen aus diesem Band?

Rudolf Kraus: Die Lesungen gestalten wir immer zweisprachig auf Farsi und Deutsch, wobei die Übersetzerin Mehrzad Hamzelo den persischen Part übernimmt und ich die deutschen Nachdichtungen lese. Wir haben circa drei Jahre an den Übersetzungen gearbeitet, Gedicht für Gedicht, immer zuerst die Rohübersetzung, dann meine Nachdichtung und danach oft noch viele Tage bis zur endgültigen Version. Persische Gedichte haben eine blumige, metaphernreiche Sprache und sind oftmals sehr lang.

dasgedichtblog: Welcher Lyriker oder welche Lyrikerin hat Sie am meisten beeinflusst und was lesen Sie gerade?

Rudolf Kraus: Es gibt viele Lyriker und Lyrikerinnen, die mich beeinflusst haben. Sie alle aufzuzählen, würde den Rahmen sprengen, aber Paul Celan, Erich Fried, William C. Williams, Charles Baudelaire, Giuseppe Ungaretti und Joseph von Eichendorff sind auf jeden Fall sehr wichtig für mich.
Ich lese gerade »Ganz Ohr« von Ludwig Steinherr und »Aufkommender Atem« von Christian Lehnert.

dasgedichtblog: Herzlichen Dank, Rudolf Kraus!

Rudolf Kraus
Worte kennen kein Gefühl. Prosa & Sprachminiaturen

arovell Verlag, Gosau, 2010
162 Seiten
ISBN 978-3-90254-702-6
Euro 12,90





Das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München und dem Literaturhaus München. Hugendubel.de unterstützt das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« als Förderpartner. Die Veranstaltung wird vom BR für sein Fernsehprogramm BR-alpha aufgezeichnet (geplante Erstsendung: Samstag, 12. Januar 2013, 22.30 Uhr, Reihe »Denkzeit«, BR-alpha). Das Aus- und Fortbildungsradio München afk M94.5 und dasgedichtclip – lyrik tv sind weitere Medienpartner.


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