GIPFELRUF
Folge 51: Josef Brustmann

Josef Brustmann (*1954)

  • Lyriker und Kabarettist aus München
  • www.josef-brustmann.de

In loser Folge stellt Franziska Röchter für dasgedichtblog die Teilnehmer des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« am 23.10.2012 in München vor. Sie sprach mit Gipfelteilnehmer Josef Brustmann über die Freiheit als poetischer Kabarettist.

Josef Brustmann. Foto: Thomas Dashuber

»Beim Gedichtschreiben bin ich völlig frei.«
Josef Brustmann

Wenn man Josef Brustmann kennenlernen möchte, sollte man sich zunächst seine erste Solo-Audio-CD »Leben hinterm Mond« (Audio-CD, Eigenverlag, 2009) anhören. Brustmann, der das achte von neun Kindern einer mährischen Flüchtlingsfamilie ist, erzählt darin auf fast poetische Weise von einer »bitter-harten« Kindheit, die dennoch voller Wärme war.

Die CD ist ein idealer Einstieg in die Welt des bayrischen Schriftstellers, Kabarettisten und Musikers, die sich in Erzählungen und Liedern entfaltet, zum großen Teil selbst geschrieben von Josef Brustmann, in jedem Fall aber gesungen und größtenteils selbst begleitet.

Audiodatei: »Packen«, aus: Josef Brustmann, »Leben hinterm Mond« (Audio-CD, Eigenverlag, 2009), © Josef Brustmann

dasgedichtblog: Lieber Josef Brustmann, wie viele Instrumente spielen Sie eigentlich?

Josef Brustmann: neun und wenn man das dichten, das ja auch musikmachen ist, dazuzählt, sind es zehn.

dasgedichtblog: Haben Sie eine klassische Musikerausbildung durchlaufen?

Josef Brustmann: alle meine 6 geschwister haben tag und nacht gesungen und musik gemacht, da ist mir als kleinstem ja auch nichts anderes übriggeblieben.
später habe ich dann in münchen an der musikhochschule cello und klavier studiert.

dasgedichtblog: Stimmt es, dass Sie Ihren über zehn Jahre ausgeübten Beruf als Lehrer an einem Münchner Gymnasium nach einer ausführlichen Psychoanalyse sofort niederlegten und seither einem neuen Lebensentwurf folgen?

Josef Brustmann: jetzt werden sie aber richtig intim, aber es stimmt.
allerdings hat mir das unterrichten von kindern immer auch großen spaß gemacht, aber die vorstellung, vom 6ten bis zum 66ten lebensjahr immer nur in schulhäusern herumzukriechen, hat mich dann doch aus dem sicheren, warmen schulnest flüchten und davonfliegen lassen.

dasgedichtblog: Sie entwerfen und arrangieren auch Kunstobjekte. Wo kann man diese sehen?

Josef Brustmann: meine kleinen kunsterschaffungen lagern auf dem dachboden eines alten bauernhauses und führen dort ein schatten- und eigenleben.
schon etwas kümmerlich ehrlich gesagt, aber manchmal stell ich sie aus und dann blühen sie wieder auf, wie gedichte, die man aus einer schublade holt nach jahren, um sie in einem schönen buch ans öffentlichkeitslicht zu tragen; und erst dann werden sie ja richtig lebendig.

Josef Brustmann: »feder«. Foto: Jens Heilmann

Josef Brustmann: »käfig«. Foto: Jens Heilmann

Josef Brustmann: »schuh«. Foto: Jens Heilmann



»der dialekt ist so unglaublich vielfarbig und nuancenreich.«

dasgedichtblog: Seit 2004 sind Sie als Solokabarettist unterwegs. Ottfried Fischer bezeichnete Sie in Ottis Schlachthof als »genialistischen« Musiker und das, was Sie machen, als »sarkastische Poesie« und »rustikalen Unfug«. Bei einigen Aufnahmen kamen mir die Worte »Bayern-Rap« in den Sinn. Eignen sich Dialektsprachen wie Bayrisch, Österreichisch oder auch Schwiizerdütsch besonders gut für Kabarett oder Musik-Kabarett?

TV-Auftritt von Josef Brustmann, 2012 (YouTube)
Beitrag zur Programm-Premiere von »Ich bin so frei« von Josef Brustmann (YouTube)

Josef Brustmann: ich schreibe meine kabaretttexte im hochdeutschen, da bin ich irgendwie besser strukturiert, übersetze sie dann aber in meinen dialekt und da kriegen sie erst den richtigen drive, da der dialekt so unglaublich vielfarbig und nuancenreich ist und sehr komprimieren und verkürzen kann.

Josef Brustmann und Marianne Sägebrecht. Foto: Thomas Dashuber

dasgedichtblog: 2010 brachten Sie zusammen mit Marianne Sägebrecht die CD »sterbelieder fürs leben« (Verlag Antje Kunstmann) heraus. Auf dieser CD singen und sprechen Sie beide eigene Texte sowie Werke großer Dichter wie Eichendorff, Gernhardt, Rilke, Brentano. Die musikalische Umsetzung stammt größtenteils von Ihnen selbst. Wie ist es zu der Zusammenarbeit gekommen?

Josef Brustmann: ich habe für marianne sägebrecht eine laudatio für einen filmpreis geschrieben und zur strafe musste sie mir für die »sterbelieder«-cd die texte lesen, ein glücksfall für mich und alle, die die cd anhören. übrigens ist es das einzige gesangsdokument von der sägebrecht, niemand singt die »königskinder« unschuldiger als sie.

Audiodatei: »Großvater« (Sprecherin Marianne Sägebrecht, Text Josef Brustmann), aus: Josef Brustmann / Marianne Sägebrecht, »sterbelieder fürs leben« (Audio-CD, Verlag Antje Kunstmann, 2010), © Verlag Antje Kunstmann

auf dasgedichtblog.de publiziert mit freundlicher Genehmigung von Verlag Antje Kunstmann

dasgedichtblog: Seit wann schreiben Sie Gedichte?

Josef Brustmann: seit etwa 20 jahren.

»die guten gedichte halten lange, lange, manche für immer.«

dasgedichtblog: Möchten auch Kabarettisten irgendwann ›ernst genommen‹ werden?

Josef Brustmann: auch als kabarettist kann man ernstgenommen werden und ernst sein, aber kabarett ist ein unterhaltungsformat, das publikum will nicht nur informiert, angeregt und berührt werden, sondern will auch spaß haben und richtig lachen können, das schränkt einen natürlich etwas ein.
zudem fordert das kabarett auch immer politische aktualität und so kratzt man schon viel an der lebensoberfläche umeinander.
die nachhaltigkeit von kabaretttexten ist oft eine atemberaubend kurze und schon nach ein bis zwei jahren bleibt häufig nichts mehr übrig, alles wie weggeblasen.
beim gedichteschreiben bin ich völlig frei, ganz bei mir zuhause und tauche in die schönsten und spannendsten innenräume meiner seele hinab.
und die guten gedichte halten dann auch lange, lange, manche für immer.

dasgedichtblog: 2005 erhielten Sie für Ihr erstes Soloprogramm »Leben hinterm Mond« den Paulaner Solo Kabarett-Preis. Worin, glauben Sie, liegt Ihr großer Erfolg auf den Bühnen?

Josef Brustmann: das weiß ich nicht ganz genau.
man kann sich nicht selber sehen, die eigene ausstrahlung, die aura sozusage , ist einem selber nicht zugänglich.

dasgedichtblog: Die Presse schreibt über Sie, dass Ihr Kabarett bisweilen Brecht’sche Theaterluft atme. Ist Brecht Ihr Vorbild?

Josef Brustmann: im nichttrennen von hoher und tiefer sprache war brecht gigantisch, das ist auch für das kabarett ein wunderbarer weg, das leben in seiner ganzen breite auf die bühne zu stellen, mit aller komik, absurdität, poesie, melancholie.

dasgedichtblog: Lieber Josef Brustmann, ganz herzlichen Dank!

Josef Brustmann / Marianne Sägebrecht
Sterbelieder fürs Leben

Verlag Antje Kunstmann, München, 2010
Hörbuch
ISBN 978-3-88897-695-7
Euro 14,90 [D]





Das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München und dem Literaturhaus München. Hugendubel.de unterstützt das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« als Förderpartner. Die Veranstaltung wird vom BR für sein Fernsehprogramm BR-alpha aufgezeichnet (geplante Erstsendung: Samstag, 12. Januar 2013, 22.30 Uhr, Reihe »Denkzeit«, BR-alpha). Das Aus- und Fortbildungsradio München afk M94.5 und dasgedichtclip – lyrik tv sind weitere Medienpartner.


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