GIPFELRUF
Folge 53: Sabine Zaplin

Sabine Zaplin (*1964)

  • Schriftstellerin und Journalistin aus München

In loser Folge stellt Franziska Röchter für dasgedichtblog die Beteiligten am »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« am 23.10.2012 in München vor. Sie sprach mit Gipfel-Moderatorin Sabine Zaplin über ihre schriftstellerische Arbeit und ihre Erfahrung als Ostwestfälin in Bayern.

Sabine Zaplin. Foto: Philipp Röchter

»Der München-Kulturschock macht hart fürs Leben.«
Sabine Zaplin

dasgedichtblog: Liebe Sabine Zaplin, Sie wurden 1964 in Herford geboren, haben 1983 Abitur in Bielefeld-Brackwede abgelegt. Dann kennen Sie Ostwestfalen ja ganz gut? Ist das nicht der totale Kulturschock, von Ostwestfalen in die bayrische Hauptstadt zu kommen?

Sabine Zaplin: Ich möchte das mit einer kleine Geschichte verdeutlichen: Als ich in meinem ersten München-Jahr einen Biergarten im beschaulichen Würmtal im Münchner Speckgürtel besuchte und etwas unschlüssig vor der Tafel mit den Speiseangeboten stand, raunzte mich der Wirt an: »Wannst net woast, wast wuist, dann schleich di.« Daraufhin habe ich mir angewöhnt, immer zu wissen, was ich will. Der München-Kulturschock macht hart fürs Leben.

dasgedichtblog: Wie oft im Jahr besuchen Sie Bielefeld oder Herford?

Sabine Zaplin: Oft genug, um immer noch glaubwürdig »Pömpel« sagen zu können, Doktor-Oetker-Pizza zu verteidigen und ein bisschen auch mit Arminia zu leiden.

dasgedichtblog: Sie haben an verschiedenen Theatern gearbeitet. Was war dort Ihre Aufgabe?

Sabine Zaplin: Ich habe als Regieassistentin gearbeitet, da mein Berufsziel für viele Jahre das der Regisseurin war. Bei einer Regieassistenz lernte ich die inzwischen verstorbene, großartige Regisseurin Jutta Wachsmann kennen, die selber aus einer Theaterfamilie stammt. Jutta erzählte mir einmal, wie sie sich an einem Theater als Regisseurin beworben habe und zur Antwort bekam: »Wir schätzen Ihre Arbeit wirklich sehr, Frau Wachsmann, aber in der nächsten Spielzeit inszeniert bei uns schon eine Frau.« Ich habe in den sechs Jahren, in denen ich als Assistentin, später auch als Regisseurin an verschiedenen Häusern tätig war, ähnliche Erfahrungen gemacht. Die entscheidende, die dann auch zu meinem ›Abschied‹ vom Theater führte, war die, dass es ein sehr familienunfreundliches Berufsumfeld ist, mit problematischen Arbeitszeiten und prekären Beschäftigungsverhältnissen. Nach dem Theater habe ich dann für mich das Schreiben wiederentdeckt, mit dem ich mich während der Schulzeit eigentlich immer schon beschäftigt hatte und zu dem ich im Theateralltag gar nicht mehr kam.

dasgedichtblog: Was sehen Sie als Ihr Spezialgebiet in Ihrer Arbeit mit und an Texten?

Sabine Zaplin: Mein Spezialgebiet ist, meine journalistische Erfahrung – ich arbeite unter anderem als freie Kulturjournalistin für die Süddeutsche Zeitung und den Bayerischen Rundfunk – einzubringen sowie meine literarische Arbeit ebenfalls einfließen zu lassen. Ich stehe für jene Homepage- oder Pressetexte, die kleine Geschichten sind. Little stories of everybody’s life – in Neudeutsch.

»Manchmal holt eben die Wirklichkeit die Phantasie schneller ein, als man sich träumen lässt.«

dasgedichtblog: 2008 haben Sie »Königskinder« (LangenMüller) veröffentlicht, sozusagen einen Lokalkrimi, der am Starnberger See spielt und durch sehr detaillierte Ortsbeschreibungen des Fünfseenlandes besticht. Wurde es Ihnen nicht selbst unheimlich, als Sie dann nach Veröffentlichung ein anonymes Dankesschreiben der Guglmänner erhielten?

Sabine Zaplin: Es war mir sogar sehr unheimlich. Nach einer Lesung fand ich ein mit Siegel versehenes, aufgerolltes Papyrosschreiben in meinem Briefkasten und stellte mir vor, dass es ein Mitglied jenes Geheimbundes Guglmänner möglicherweise in vollem Ornat – also in Kutte und mit schwarzer Kapuze über dem Kopf – in meinen Briefkasten gesteckt hat. Und es blieb bei Vermutungen, Ahnungen, Möglichkeiten, so wie ich es in meinem Roman geschrieben habe. Manchmal holt eben die Wirklichkeit die Phantasie schneller ein, als man sich träumen lässt.

dasgedichtblog: Glauben Sie, dass die Wahrheit um den Tod Ludwig II. jemals aufgedeckt werden wird?

Sabine Zaplin: Erlauben Sie mir hier ein vornehmes Schweigen, dem Thema angemessen.

»Ich habe für eine gewisse Zeit meines Lebens in diesem Buch gelebt.«

dasgedichtblog: Zusammen mit Solly Ganor, einem Überlebenden des Todesmarsches von Dachau, haben Sie sich mit der Aufarbeitung jüngerer deutscher Geschichte auseinandergesetzt. Sie haben auch Ganors Werke übersetzt, unter anderem »Aufleben. 1945« (Kirchheim Verlag, 2010) und »Das andere Leben. Kindheit im Holocaust« (Fischer TB, 2011). Wie lange dauert die Übersetzung eines solchen Buches?

Sabine Zaplin: Für »Aufleben. 1945« bin ich sogar nach Israel gereist, um dort ein paar Wochen bei Solly Ganor zu leben und mit ihm gemeinsam über meine Übersetzung nachzudenken, denn diese hatte die besondere Schwierigkeit, dass ich das Original auch noch um etwa ein Drittel kürzen musste. In der Regel arbeite ich etwa ein Jahr an einer Übersetzung.

dasgedichtblog: Wie sehr verändert oder beeinflusst Sie die sicher intensive Arbeit an so einer Übersetzung?

Sabine Zaplin: Ich habe für eine gewisse Zeit meines Lebens in diesem Buch gelebt, was – vorsichtig ausgedrückt – eine sich unter die Haut grabende Erfahrung ist. Wer »Das andere Leben. Kindheit im Holocaust« gelesen hat, weiß, was ich meine.

dasgedichtclip: Sie arbeiten auch als Moderatorin, unter anderem für den Rundfunk. Welche Moderationsarbeit hat Sie selbst am stärksten und nachhaltigsten beeindruckt?

Sabine Zaplin: Ganz besonders beeindruckend war ein Interview mit dem israelischen Schriftsteller Amos Oz, den ich in München traf. Er ist ein sehr bescheidener Mann, der sein Gegenüber ernst nimmt und von ganzem Herzen etwas mitteilen möchte. Damals erwartete ich mein erstes Kind, und die Begegnung mit Amos Oz führte dazu, dass unser Sohn den Namen Amos bekommen hat.

dasgedichtblog: Sabine Zaplin, wie ist Ihre Beziehung zur Lyrik? Schreiben Sie eigentlich auch Gedichte?

Sabine Zaplin: Ich habe früher sehr viel mehr Gedichte geschrieben, inzwischen lese ich sie lieber. Meine literarische Heimat ist die Prosa, was natürlich nicht heißt, dass ich nicht manchmal einen Urlaub auf der wilden Insel Lyrik buche.

dasgedichtblog: Wenn Sie den Auftrag hätten, in einer Werbeaussage, quasi in einer Image-Werbeanzeige, die über eine Buchseite geht, das Gedicht als solches anpreisen zu müssen, also die Poesie, wie könnte da bei Ihnen die Werbebotschaft lauten? Wie würden Sie das optisch darstellen?

Sabine Zaplin: Zusammen mit meinem Sohn Amos habe ich hier mal einen kleinen Werbespot gedreht:

 
Audiodatei: Jungregisseur Amos Ostermeier über seine Ambitionen, Sabine Zaplin über den Kulturschock München-Bielefeld und interessante literarische Aussichten

Audiodatei: Der Anfang vor dem Anfang: Die Initative Junger Autoren in München und der Zettel

Audiodatei: Gipfelmoderatorin Sabine Zaplin über den Poesiegipfel und eine spannende Hörprobe

 
Sabine Zaplin
Alle auf Anfang. Roman

LangenMüller Verlag, 2011
208 Seiten
ISBN 978-3-7844-3254-0
EUR 17,99 [D]





Das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München und dem Literaturhaus München. Hugendubel.de unterstützt das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« als Förderpartner. Die Veranstaltung wird vom BR für sein Fernsehprogramm BR-alpha aufgezeichnet (geplante Erstsendung: Samstag, 12. Januar 2013, 22.30 Uhr, Reihe »Denkzeit«, BR-alpha). Das Aus- und Fortbildungsradio München afk M94.5 und dasgedichtclip – lyrik tv sind weitere Medienpartner.


Ein Kommentar

  • Habe mir gerade den wirklich ‚großen‘ „Zettel“, der in der 2. Audio-Datei erwähnt wird, noch einmal angeschaut und muss mich selbst korrigieren: er hat 4 Seiten und nicht 8, wirkte aber an dem Morgen des Interviews in meiner Erinnerung viel größer, da er auch die Signalfarbe Rot hat und DIN-A 4- Größe. Es stehen Autoren wie Friedrich Ani und Axel Kutsch und andere darauf, und auf der Rückseite wird anlässlich der „Inter-Aktionen : Tage junger Literatur“ in München vom 16. – 18. Dezember 1988 auf sehr interessante Veranstaltungen aufmerksam gemacht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *