GIPFELRUF
Folge 60: Joachim Sartorius

Joachim Sartorius (*1946)

  • Lyriker aus Berlin

In loser Folge stellt Franziska Röchter für dasgedichtblog die Teilnehmer des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« am 23.10.2012 in München vor. Sie sprach mit Gipfelteilnehmer Joachim Sartorius über weltabgewandte Lyriker und den Glauben an die Macht der Poesie.

Joachim Sartorius. Foto: David Baltzer

»Die Pluralität des lyrischen Sprechens war schon immer enorm.«
Joachim Sartorius

dasgedichtblog: Herr Sartorius, als einer der besten Kenner der Poesie des 20. Jahrhunderts haben Sie unzählige Anthologien herausgegeben, unter anderem den »Atlas der neuen Poesie« 1996 bei Rowohlt. Können Sie kurz schildern, was das Besondere an diesem ›Poesieatlas‹ ist?

Joachim Sartorius: Der Atlas ist eine Fortsetzung des »Museums der modernen Poesie« von Hans Magnus Enzensberger und bricht zugleich mit dieser Tradition, indem er einer verbindlichen Poetik Adieu sagt und die Existenz einer einheitlichen (eurozentrischen) Moderne der Poesie am Ende des 20.Jahrhunderts leugnet. Stattdessen holt er ein Gewirr poetischer Stimmen aus allen Ecken des Globus und setzt auf Offenheit. Das ist das Besondere am »Atlas«.

dasgedichtblog: Im Vorwort von Ihnen heißt es, dieser Atlas versteht sich als Auftakt eines viel umfangreicheren Atlas. Wird es diesen bald geben?

Joachim Sartorius: Ich hoffte – und hoffe immer noch, dass sich da ein Leidenschaftlicher dran setzt. In einem gewissen Sinn hat es Verzweigungen gegeben. Die Dichter, die ich im »Atlas« vorstellte, waren hier zum größten Teil nicht bekannt. Sie mussten entdeckt werden. Die meisten von ihnen – von Allen Curnow bis zu Idea Vilarino – bekamen dann in den Folgejahren eigene Gedichtbände in Deutschland. Das hat mich sehr gefreut. Nur auf die ›Mappe‹ mit den afrikanischen Dichtern trifft das nicht zu. Das ist schade und gibt zu denken.

»Es gibt überall Schund und überall großartige neue lyrische Sprechweisen.«

dasgedichtblog: Sie sprechen in Ihrer Einleitung zum »Atlas der Neuen Poesie« an, dass gegen Ende des letzten Jahrhunderts das Selbstreferentielle in der Poesie zugenommen habe und dass es keine verbindliche Poetik mehr gebe. Inzwischen sind siebzehn Jahre vergangen. Ist die Poesie mittlerweile auf dem Weg, den Sie ihr damals gewünscht haben, nämlich das Belanglose auszusortieren und das zu bewahren, was uns betrifft?

Joachim Sartorius: Die Pluralität des lyrischen Sprechens war schon immer enorm. Jetzt, mit dem Internet und mit Blogs, ist die Vielfalt zugänglicher und dadurch noch größer geworden. Man kann das gar nicht über einen Kamm scheren. Es gibt überall Schund und überall großartige neue lyrische Sprechweisen, in Osteuropa, in Indien, in China.

dasgedichtblog: »Gäbe es eine Schule der Literatur, müsste man in ihr vor allem die Beschreibung der Gegenstände üben und nicht die der Träume…« spricht Imke Wallefeld die Worte des Lyrikers Zbigniew Herbert auf der von Ihnen herausgegebenen CD »Nachrichten von der Poesie« (WDR Köln und Random House, 2005). »Sehr früh … wurde mir klar, dass ich meinen Gegenstand außerhalb der Literatur zu suchen hatte… Ich musste aus mir und aus der Literatur ausbrechen… andere Wirklichkeiten erobern«, stellt Zbigniew Herbert weiter fest. Was machen wir, Herr Sartorius, wenn wir alle Wirklichkeiten erobert haben? Kehren wir dann wieder zur Romantik zurück?

Joachim Sartorius: Herbert fordert ja auf, keine Nabelschau zu betreiben, das inzestuöse Hamsterrad der auf Lyrik Fixierten zu verlassen. »Die Wirklichkeiten zu erobern«, das ist Sisyphus-Arbeit und findet nie einen Abschluss. Aber weil Sie »Romantik« erwähnen – da gibt es tatsächlich interessante Entwicklungen. Die sehr junge Preisträgerin des diesjährigen Pulitzer Price for Poetry, die afroamerikanische Lyrikerin Tracy K. Smith schreibt Gedichte, die total gegenwärtig und geistesgegenwärtig sind, also von Wirklichkeit durchtränkt, und doch gibt es da einen Schuss Romantik, eine wehmütige Frechheit ab und zu, die mir wahnsinnig gut gefällt.

»Heute scheint mir, dass der Lyriker nicht mehr nur mit sich spricht, oder mit seiner Muse, sondern der Welt wieder viel zugewandter ist.«

dasgedichtblog: Herr Sartorius, in Ihrer Einleitung zur »Minima Poetica – Für eine Poetik des zeitgenössischen Gedichts« (Kiepenheuer & Witsch, 1999) schreiben Sie: Die Poesie »ist, zweitens, abstrahiertes Sprechen, das vom Bedürfnis nach Mitteilung zunächst nicht wesentlich bestimmt ist.« Könnte dieses »abstrahierte Sprechen« nicht doch von einer gewissen Kommunikationslust bestimmt sein, die Wenigsten möchten doch für die Schublade schreiben?

Joachim Sartorius: Das hermetische, das absolute Gedicht – von Mallarmé bis Celan – hatte die Kommunikation mit dem Leser gesprengt. Ich habe das immer bedauert. Heute – soweit solche schrecklichen Verallgemeinerungen überhaupt zulässig sind – scheint mir, dass der Lyriker nicht mehr nur mit sich spricht, oder mit seiner Muse, sondern der Welt wieder viel zugewandter ist.

»Übersetzung – das scheint mir überhaupt die schönste Form der Liebe unter Dichtern zu sein.«

dasgedichtblog: Herr Sartorius, als Teilnehmer internationaler Poesie Festivals sind Sie maßgeblich am interkulturellen Dialog beteiligt. Von 1996 bis 2000 waren Sie Generalsekretär des Goethe-Instituts, der personell größten Mittlerorganisation der deutschen Auswärtigen Kulturpolitik. Welche Rolle spielte und spielt die Poesie dabei?

Joachim Sartorius: Die Poesie ist ein Mosaikstein in dem großen Tableau dessen, was das Goethe-Institut präsentiert. Aber es ist ein wichtiger, ein farbenprächtiger Mosaikstein. Fragen Sie einmal Dichter wie Lutz Seiler, Durs Grünbein, Gerhard Falkner und viele andere – sie sind mit ›Goethe‹ um die ganze Welt gereist. Diese Lesungen haben zu dauerhaften Kontakten mit den Dichtern ›vor Ort‹ geführt. Es sind Freundschaften entstanden, oft auch Übersetzungsarbeiten. Übersetzung – das scheint mir überhaupt die schönste Form der Liebe unter Dichtern zu sein.

dasgedichtblog: Während Ihrer Jahre als Intendant der Berliner Festspiele haben Sie große Dinge angestoßen und sich über Jahrzehnte in die Köpfe anderer Künstler gedacht. Das kann sicher sehr anstrengend sein, in einer Stadt, die nicht gerade im monetären Überfluss schwimmt, und in Zeiten allgemeiner Kultureinsparungen. Sind Sie erleichtert, diese schwierige Aufgabe nicht mehr bewältigen zu müssen?

Joachim Sartorius: Es war mein eigener Entschluss, nach elf Jahren die Leitung der Berliner Festspiele abzugeben. Es war eine aufregende, ungemein reiche Zeit. Aber ich hatte wenig Zeit für das eigene Schreiben. Mein Hirn war zu 40% von Geldsuche besetzt, größere Projekte konnten nur mit Hilfe von Sponsoren realisiert werden. Jetzt fühle ich mich wunderbar leicht und verantwortungslos. Ich hoffe, dass dieses Gefühl mich nicht so schnell wieder verlassen wird.

»Ich glaube nach wie vor an die Macht der Poesie.«

dasgedichtblog: Sie sagten einmal, dass Sie in den 60er Jahren eine persönliche Utopie hatten, nämlich den Glauben an die Poesie und an die verändernde Macht der Poesie. Sie räumten dann ein, dass das wahrscheinlich eine Illusion war. Herr Sartorius, können wir mit Poesie die Welt verändern?

Joachim Sartorius: Ich glaube nach wie vor an die Macht der Poesie – an die verändernde Macht der Kunst überhaupt. Den, der dafür empfänglich ist, reißt sie aus dem Alltag und macht seine Augen groß.

dasgedichtblog: Am 06.12.2011 wurden Sie für Ihre Verdienste um den Kulturaustausch mit Frankreich und für Ihre grenzüberschreitenden Impulse im Namen des französischen Kulturministers Frédéric Mitterand zum Chevalier dans l’ordre des Arts et des Lettres ernannt. Herr Sartorius, was wäre Ihre absolute kulturell-utopische Welt-Vision?

Joachim Sartorius: Ach, ich tue mir schwer mit Visionen. Das liegt ja nahe an Prophezeiungen, und da kenne ich mich auch nicht aus. Ich schaue lieber auf das Aktuelle, das Nächstliegende. Es hat mich zutiefst bestürzt, als ich von den Zerstörungen der Schreine in Timbuktu durch fanatische Islamisten las. Die Ankündigung der Salafisten in Ägypten, dass sie figürliche Darstellungen nicht tolerieren werden und Pharaone, Sphinxe, die ganze altägyptische Kultur vernichten oder unkenntlich machen wollen – auch das hat mich empört und wütend gemacht. Ich fürchte, ich könnte zum Mörder werden, wenn solche Vernichtungsaktionen vor meinen Augen passierten. Dass der Reichtum der Welt erhalten bleibt – vielleicht ist das mein utopischer Wunsch.

dasgedichtblog: Ihr 2008 erschienener 6. Lyrikband »Hôtel des Étrangers. Gedichte« (Kiepenheuer& Witsch) wurde als ein »typischer Sartorius« bezeichnet , die Verse »geprägt von der Welt- und Weitsicht des Reisenden«. Sie haben längere Zeit in verschiedenen Ländern und Kontinenten zugebracht. Der Typus des Diplomaten-Dichters würde in Deutschland wohl nur von Joachim Sartorius verkörpert, schrieb die FAZ. Wo empfinden Sie für sich persönlich Heimat?

Joachim Sartorius: Der englische Dichter Christopher Middleton hat in dem Nachwort zu »Ice Memory«, der englischen Ausgabe meiner Gedichte geschrieben, dass meine Muse ihren Wohnsitz im östlichen Mittelmeer habe. Das ist richtig. Es ist meine emotionale Heimat, seit meiner Kindheit in Tunis. So schreibe ich gerade an einem poetischen Reisebuch über Zypern und die Levante, das im nächsten Frühjahr erscheinen wird.

dasgedichtblog: Lieber Herr Sartorius, ganz herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Gespräch genommen haben.

Joachim Sartorius
Hôtel des Étrangers. Gedichte

Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2008
80 Seiten
ISBN 978-3-462-04032-6
Euro 16,95 [D]





Das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München und dem Literaturhaus München. Hugendubel.de unterstützt das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« als Förderpartner. Die Veranstaltung wird vom BR für sein Fernsehprogramm BR-alpha aufgezeichnet (geplante Erstsendung: Samstag, 12. Januar 2013, 22.30 Uhr, Reihe »Denkzeit«, BR-alpha). Das Aus- und Fortbildungsradio München afk M94.5 und dasgedichtclip – lyrik tv sind weitere Medienpartner.


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