GIPFELRUF
Folge 9: Paul Maar

Paul Maar (*1937)

  • Lyriker aus Bamberg

In loser Folge stellt Franziska Röchter für dasgedichtblog die Teilnehmer des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« am 23.10.2012 in München vor. Sie sprach mit Gipfelteilnehmer Paul Maar über sein Leben mit Versen.

Paul Maar. Foto: Fotostudio Barthel, Bamberg

»Die Freude an Sprachspielen und die Lust an Wortverdrehungen, Neuschöpfungen und Reimen teilt das Sams mit seinem Autor.«
Paul Maar

dasgedichtblog: Herr Maar, es gibt wahrscheinlich wesentlich mehr Paul-Maar-Schulen als bei Wikipedia unter Ihrem Namen aufgelistet. Im Kreis Gütersloh gibt es zum Beispiel die »Paul-Maar-Schule – Förderschule für den Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung im Grundschulbereich«. Manche Paul-Maar-Schulen haben den Schwerpunkt Sprache oder sonderpädagogische Förderung, manche nennen sich »verlässliche Grundschule«. Ist dies ein Hinweis darauf, dass Ihre Figuren und Charaktere Garanten für eine gesunde kindliche Entwicklung sind? Werden Sie zu jeder Namensgebung oder Taufe persönlich eingeladen?

Paul Maar: Es gibt inzwischen 14 Paul-Maar-Schulen. Nicht alle sind Förderschulen. Es überwiegen sogar die ›normalen‹ Grundschulen, und ich bin nicht so verwegen, zu behaupten, dass meine Figuren »Garanten für eine gesunde kindliche Entwicklung« sind. Vielleicht können sie aber ein bisschen dabei helfen.

Ich war – um den zweiten Teil der Frage zu beantworten – bis jetzt bei jeder Namensgebungs-Feier dabei und besuche ›meine Schulen‹ immer mal wieder, wenn es meine Zeit zulässt.

dasgedichtblog: Paul Maar, haben Sie das Sams auch aus kathartischen Gründen erfunden, also zur ›Selbstbefreiung‹?

Paul Maar: Vor Jahren hatte ich mal in einem Interview die Vermutung geäußert, dass in der Figur des schüchternen Herrn Taschenbier auch ein kleiner Teil Paul Maar stecke, weil ich als Kind recht schüchtern gewesen sei. Das wird nun immer wieder zitiert. Die Vermutung mag ja stimmen. Es war aber kein bewusster Prozess in dem Sinne, dass ich mir gesagt hätte: »Nun schreibe ich mir meine Schüchternheit von der Seele, indem ich diesen Herrn Taschenbier erfinde!« Ich hatte zudem ein anderes, viel stringenteres Beispiel vor Augen: einen Menschen aus meiner unmittelbaren Umgebung, den ich als Kind beobachtete und mir dabei vornahm, nie so zu werden wie er.

dasgedichtblog: Ich habe neulich »Sams im Glück« gesehen. Er hat mir außerordentlich gut gefallen, Ulrich Noethen spielt den Herrn Taschenbier grandios. Auch das Sams ist hervorragend besetzt. Warum wird mit Frechheit, kreativer Aufmüpfigkeit und dreistem Mut immer auch Rothaarigkeit assoziiert?

Paul Maar: Ich schätze, diese Assoziation verdanken wir Astrid Lindgren und ihrer Pippi Langstrumpf.

dasgedichtblog: Was bei Pippi Langstrumpf die Süßigkeiten sind, sind beim Sams die Würstchen. Hat Sie schon mal jemand mit der Frage konfrontiert, ob die Essgewohnheiten des Sams – haufenweise Würstchen, oftmals hastig heruntergeschlungen – nicht eine negative Vorbildfunktion haben könnten?

Paul Maar: Da haben Sie recht. Das ist eine Frage, die ich mir auch schon gestellt habe. Herr Taschenbier ist ja Vegetarier. Zum Frühstück isst er immer nur Müsli, wie man nachlesen kann. Sehr zum Ärger seines Sams wünscht er sich im Film auch nicht in eine Würstchenfabrik, sondern ausdrücklich in die Schokoladenfabrik. Das entspricht eher den Essgewohnheiten des Autors Maar.

Als ich den Würstchenhunger des Sams erfunden habe, schien dies die angemessene Nahrung für so ein ›wildes‹ Wesen zu sein, auch dem Unterbewusstsein näher. Denn nach meinem Ur-Konzept verkörpert der ängstliche, regelgläubige Herr Taschenbier das Über-Ich, während das Sams für das Es steht.

Ich würde dem Sams ja gerne andere Essgewohnheiten geben, aber nun habe ich sein Äußeres, sein Wesen und seine Essgewohnheiten schon vor Jahrzehnten festgelegt und kann dies nicht plötzlich ändern, ohne Irritationen bei den Lesern auszulösen.

dasgedichtblog: Am Ende des Filmes stellte sich mir die Frage: Wachsen die Sams-Wunsch-Punkte auch nach? Eigentlich müssten sie ja nach all den Filmen bald mal verbraucht sein, aber sie scheinen nicht weniger zu werden.

Paul Maar: Jedes Mal, wenn das Sams aus der Sams-Welt in die Menschenwelt eintritt, hat es wieder blaue Punkte. Es wurde drüben gewissermaßen aufgeladen.

Während des Films sieht man, wie von Wunsch zu Wunsch die Punkte verschwinden. Sie waren da nicht aufgemalt, sondern aufgeklebt. Und der Maskenbildner hatte eine ›Gesichts-Landkarte‹ angelegt, auf der minutiös vermerkt war, an welcher Stelle welcher Punkt klebte und welcher schon entfernt war. Denn wenn am Abend Christine Urspruch, die Sams-Darstellerin, abgeschminkt wurde, mussten die Punkte am nächsten Morgen exakt so kleben wie in der Einstellung zuvor. Sonst hätte der Anschluss nicht gestimmt.

»Das Sams ist ein liebenswertes und gleichzeitig andersartiges Wesen, das diese Andersartigkeit aber als selbstverständlich hinnimmt.«

dasgedichtblog: Auf sprachlicher Ebene hat das Sams trotz seiner Frechheit auch eine Vorbildfunktion: Es reimt in einem fort, nutzt Sprache also kreativ. Man könnte sagen, dass es in kurzen Kindergedichten spricht. Wie wichtig sind Gedichte für Kinder?

Paul Maar: Die Freude an Sprachspielen und die Lust an Wortverdrehungen, Neuschöpfungen und Reimen teilt das Sams mit seinem Autor. Ich bekomme nahezu täglich Briefe von meinen Lesern. Und fast immer werden darin die ›Sams-Sprüche‹ – wie es die Kinder meistens nennen – besonders hervorgehoben und gelobt.

dasgedichtblog: Wunderbare Sams-Gedichte für Kinder findet man in Ihrem Buch »JAguar und NEINguar. Gedichte von Paul Maar« (Oetinger, 2007). In diesem Buch brechen Sie eine Paul-Maar-Regel, die besagt, dass Paul Maar wenn eben möglich seine Sams-Illustrationen selbst anfertigt. War es für Sie schwierig, das Illustrations-Zepter für diesen Band aus der Hand zu geben?

Paul Maar: Zum einen habe ich mir die ›fremden‹ Sams-Illustrationen vorher zeigen lassen. Und weil ich die Illustratorin und ihre Illustrationen gut kannte, fiel es mir leichter, ›loszulassen‹.

Da sie alle anderen Illustrationen des Gedichtbandes angefertigt hat, wäre es auch ein Stilbruch gewesen, wenn ich dazwischen einige Sams-Illustrationen gemalt hätte.

dasgedichtblog: In Ihren Sams-Gedichten finden sich auch pädagogische Ansätze. »Gute Vorsätze« zeigt beispielsweise in vier Zeilen auf vergnügliche Weise, dass Beharrlichkeit eine wichtige Eigenschaft zum Erreichen eines Zieles ist. Es gibt wundervolle optische Gedichte sowie jede Menge Lesenswertes über das Alphabet. Sollten Kinder mehr Gedichte lernen?

Paul Maar: Sie tun es von sich aus! Bei vielen meiner Lesungen überraschten mich Kinder, die mehr als eines meiner Gedichte auswendig kannten, und fragten, ob sie ihr Lieblingsgedicht ›aufsagen‹ dürften. Auf meine Zustimmung hin gab es manchmal fünfminütige Gedichtvorträge, weil andere Zuhörer-Kinder zeigen wollten, dass auch sie meine Gedichte auswendig kannten.

dasgedichtblog: Das Sams steht für mich nicht nur für Frechheit, Lebendigkeit und Witz, sondern auch für Andersartigkeit. Finden Sie, dass in unserer gegenwärtigen Realität speziell Artikel 2 der UN-Kinderrechtskonvention – das Recht auf Nichtdiskriminierung − genügend eingehalten wird?

Paul Maar: Nein, dieses Recht wird – wie das tägliche Beispiel oft zeigt – viel zu wenig eingehalten.

Dass das Sams auch für Andersartigkeit steht, haben mir schon mehrmals Lehrerinnen an Sonderschulen vermittelt. Sie erzählten, dass besonders Kinder mit Down-Syndrom das Sams lieben und sich mit ihm identifizieren. Es ist ein liebenswertes und gleichzeitig andersartiges Wesen, das diese Andersartigkeit aber als selbstverständlich hinnimmt und kein Aufhebens darum macht.

»Eine Geschichte formuliert sich schon monatelang vorher im Kopf.«

dasgedichtblog: Zwei Drittel des Jahres sind Sie mit Dingen rund ums Schreiben beschäftigt: Lesungen, Workshops, Auslandsreisen, Einladungen vom Goethe-Institut. Unter anderem ›tourten‹ Sie auch durch Südamerika. Reicht da überhaupt noch die Zeit zum Schreiben?

Paul Maar: Ich teile mir das Jahr sehr konsequent ein. Vier Monate ziehe ich mich aufs Land zurück (mit einem dreiwöchigen Zeit-Puffer, falls die vorgegebene Zeit nicht reicht), wo ich dann ohne andere Termine nur schreibe. Und da sich eine Geschichte schon monatelang vorher im Kopf formuliert, reicht diese Zeit fast immer, um sie herauszulocken und aufzuschreiben.

dasgedichtblog: Ich las, dass Sie regelmäßig Yoga machen. Ist der Kopfstand eine wichtige Übung dabei, um einfach einmal alles aus einer anderen Perspektive zu sehen?

Paul Maar: Das ist auch so ein Beispiel dafür, wie eine einmal ausgesprochene Interview-Antwort fort- und fortlebt. Als Ulrich Limmer und ich in Sardinien am Drehbuch von »Sams in Gefahr« arbeiteten, begannen wir den Tag mit Schwimmen im Meer, danach kam eine Viertelstunde Yoga, anschließend bereiteten wir zusammen das Frühstück. Ich habe damals Ulrichs Yoga-Übungen mitgemacht, um nicht in der Zwischenzeit allein das Frühstück vorbereiten zu müssen, habe aber seit ich wieder zu Hause bin weder ›der Baum‹ noch ›das Pferd‹ dargestellt.

dasgedichtblog: Wenn das Sams nur noch einen Punkt im Gesicht hätte, und Sie dürften sich etwas wünschen, was würde das sein?

Paul Maar: Es gab bis jetzt kein Interview – ich will nicht lügen: fast kein Interview, in dem diese Frage nicht gestellt wurde. Und da ich bis jetzt noch keine originelle, zutreffende oder aufschlussreiche Antwort gefunden habe, sage ich: »Liebes Sams, ich wünsche, dass ich diese Frage mal nicht beantworten muss.«

dasgedichtblog: Gibt es eigentlich auch Werke von Ihnen, die in der Öffentlichkeit weniger wahrgenommen werden als andere?

Paul Maar: Ich bin so festgelegt als Autor fantastischer Geschichten – nicht durch mich, sondern durch die Kinderbuchkritik, auch durch die Buchhändler –, dass meine realistischen Kinderromane durchs Raster fallen. Ich habe zum Beispiel nicht eine einzige Rezension von »Andere Kinder wohnen auch bei ihren Eltern« zu Gesicht bekommen, mit »Große Schwester, fremder Bruder« verhält es sich ähnlich.

Ich finde das schade, weil mir diese Bücher genau so am Herzen hängen wie zum Beispiel die Sams-Bücher. Etwas anders verhält es sich mit »Kartoffelkäferzeiten«. Das liegt vielleicht daran, dass es kein Kinder-, sondern ein Jugendroman ist. Da akzeptieren die Buchhändler und Käufer wohl den ›anderen Paul Maar‹.

dasgedichtblog: Lieber Paul Maar, bitte nur noch dieses: Wann haben Sie das letzte Mal eine Vorschrift oder Regel missachtet und warum? Was ist das Verrückteste, was Sie je gemacht haben?

Paul Maar: Leider habe ich letzte Woche eine Vorfahrtsregel missachtet. Darauf bin ich nicht unbedingt stolz. Und mein Auto ist nahezu Schrott. Der fränkische Abschleppfahrer sagte: »Des is a Dodalschaden!«

Das Verrückteste, das ich gemacht habe? Vielleicht, dass ich in China in ein Schiff gestiegen und abgefahren bin, ohne vorher ein Ticket gelöst zu haben. Und da kein Besatzungsmitglied englisch und ich nicht chinesisch sprach, entpuppte sich das Ganze als recht schwierige Angelegenheit, die nur durch Bestechungsgelder zu bewältigen war. Auf diese Weise bekam ich allerdings dann einen leckeren, gefleckten Fisch serviert, der – wie ich später erfuhr – zu den äußerst geschützten Arten zählt und nicht gefischt werden darf.

dasgedichtblog: Herzlichen Dank, Paul Maar, für dieses interessante Gespräch.

Paul MaarJAguar und NEINguar. Gedichte
Oetinger, 2007
176 Seiten
978-3-7891-4260-4
Euro 15,90  [D]





Das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München und dem Literaturhaus München. Die Veranstaltung wird vom BR für sein Fernsehprogramm BR-alpha aufgezeichnet (geplante Erstsendung: Samstag, 12. Januar 2013, 22.30 Uhr, Reihe »Denkzeit«, BR-alpha). Hugendubel.de unterstützt das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« als Förderpartner.


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