GIPFELRUF
Folge 27: Siegfried Völlger

Siegfried Völlger (*1955)

  • Lyriker aus Augsburg

In loser Folge stellt Franziska Röchter für dasgedichtblog die Teilnehmer des »Internationalen Gipfeltreffens der Poesie« am 23.10.2012 in München vor. Sie sprach mit Gipfelteilnehmer Siegfried Völlger über sein Leben mit Versen.

Siegfried Völlger. Foto: privat

»Ich mag keine Prognosen.«
Siegfried Völlger

dasgedichtblog: Herr Völlger, Sie sind ja gelernter Buchhändler. Seit wann schreiben Sie selbst Lyrik? Spielen Sie auch ein Instrument?

Siegfried Völlger: Ich bin ein spätberufener Buchhändler. Ich hatte eine recht lange Berufsfindungsphase und hab mir irgendwann gedacht, dass ich eh so viel mit Büchern zu tun hab, ich könnte mal sehn, ob ich das auch beruflich machen kann. Hab dann eine Ausbildung angefangen und bin dabei geblieben.

Was Instrumente betrifft: Tatsächlich hab ich lange versucht, Gitarre zu lernen, mit 24 nochmal Unterricht genommen und das »I Ging« befragt, ob ich eine Karriere als Musiker anstreben sollte. Das kluge Buch hat sich aber nicht täuschen lassen und gesagt: »Hu, Hu! Ha, Ha!«

Da hab ich schon lange geschrieben und dachte, das wäre gut zu verbinden, Musik und Text. Ich hab allerdings nach ersten Veröffentlichungen in den Siebzigerjahren sehr lange nichts mehr publiziert.

»Was bei guten Gedichten und guter Musik so ist: man wird nicht fertig damit.«

dasgedichtblog: Lieber Siegfried Völlger, wem gilt Ihre größere Liebe: der Lyrik oder der Musik?

Siegfried Völlger: Kaum zu beantwortende Frage, weil ich ja in der glücklichen Situation lebe, dass ich von beidem umgeben bin, jeden Tag Musik hören kann, Gedichte auch beinahe jeden Tag lese und jeden Gedanken daraufhin untersuche, ob er sich in Worte und ins Gedicht packen lässt.

dasgedichtblog: Auf dem Hugendubel Buch-Blog, für den Sie ja regelmäßig Beiträge verfassen, findet man von Ihnen überdurchschnittlich viele Musikrezensionen. Sie sind offenkundig großer Bob Dylan-Fan bezeichnen aber auch Hubert von Goisern als einen »der großartigsten Musikanten ist, die man weit und breit finden kann«. Was fasziniert Sie an Bob Dylan, was am ›Goiserer‹? Sind manche Musiker vielleicht die besseren Poeten?

Siegfried Völlger: Für mich war die Musik immer verbunden mit Worten, mit den Texten. Was für unglaubliche Geschichten wurden da erzählt – häufig über mich, was ich in meiner Jugend recht mühsam herausfinden musste, weil es kaum Texte gedruckt gab und ich auch ganz auf Radio angewiesen war. Bei selten gespielten Songs den Text herauszuhören, womöglich in Englisch, war nie einfach, was vermutlich zu den guten Englischnoten beigetragen hat – mein Textforschungseifer.

Vielleicht kam ich deswegen unvermeidlich zu Dylan, obwohl ich bei manchen Texten immer noch rätsele manchmal, aber schon eines der ersten Bücher, die ich gekauft hab, waren Texte von Dylan – zweisprachig, aber deswegen immer noch rätselhaft genug, dass ich nie damit ›fertig‹ wurde und werde. Was bei guten Gedichten und guter Musik so ist: man wird nicht fertig damit.

Was Goisern betrifft: Ich mag ihn einfach, weil ich immer Dialektsänger mochte, weil ich ihn für einen so enthusiastischen Musiker halte, wie ich wenige gesehn und gehört hab. Er stellt sich auf die Bühne, bringt auch sehr viel davon auf die CDs und ist so ganz und gar Musiker, Musik – grandios!

dasgedichtblog: Worin unterscheidet sich der Hugendubel-Buch-Blog zum Beispiel von den Rezensionen auf anderen großen Internet-Shops oder Portalen bzw. von ausführlichen Besprechungen und Kritiken?

Siegfried Völlger: Beim Buch-Blog schreiben Buchhändler, sehr persönlich, von Azubis bis Filialleiter, jeder ist eingeladen und kann mittun. Das ist alles sehr subjektiv und häufig spürt man die Begeisterung. Jeden Morgen schau ich als erstes, ob es neue Beiträge gibt – und es gibt mehr als einen Beitrag pro Tag im Durchschnitt – und hab meinen Spaß dran. Meine Wunschliste wächst da auch immer wieder. Ich denke, die Leser werden auch ihren Spaß haben, was die positiven Reaktionen ja auch zeigen.

dasgedichtblog: Nach welchen Kriterien treffen Sie Ihre Auswahl für Rezensionen?

Siegfried Völlger: Jeder Blogger schreibt über seine Themen und Bücher. Ich selbst nehme häufig Bücher, die ich in der Tasche hab, grad gelesen hab, oder solche, die mir bei Streifzügen durch Buchhandlungen auffallen, ganz ohne Plan nach Gefallen und spontaner Wertschätzung.

dasgedichtblog: Seit über zehn Jahren betreuen Sie auch die Rubrik »Gedicht des Tages« auf dem Internetportal von Hugendubel. Das Auswahlkriterium soll sein: ›Nur die Besten!‹. Kann man das eigentlich immer so dingfest machen bei Gedichten? Was macht für Sie ein gutes, ein überragendes Gedicht aus?

Siegfried Völlger: Das ist eigentlich etwas scherzhaft gesagt: Die Besten.
Es ist einfach so: Wir haben bei allen Verlagen natürlich die Zustimmung eingeholt, wenn ein Verlag nicht pauschal sagen kann: »ja«, dann wird‘s schwierig: Ich kann nicht bei einzelnen Gedichten nachfragen, deswegen tauchen manche wirklich wichtigen Autoren nicht auf, ohne Zustimmung des Verlages geht nix.

Anfangs habe ich viele Gedichte abgetippt, das würde ich mittlerweile nicht mehr schaffen, aber inzwischen gibt es viele Verlage, die auf elektronischem Weg Manuskripte schicken, aus denen ich kopieren darf. Einzelne Bücher werden so lange verwendet, wie sie eben auf der Internet-Seite lieferbar sind.

Dann ist das nächste und vielleicht wichtigste Kriterium die Vielfalt. Da gibt es Eugen Roth genauso wie Friedrich Ani, Jan Wagner, aber auch Goethe und so weiter. Wer könnts denn aushalten ohne Goethe-Gedichte?

dasgedichtblog: Als Vorwort zu dem zusammen mit Anton G. Leitner 2005 herausgegebenen Band »Zum Teufel, wo geht’s in den Himmel? Poetische Wege« (dtv, Reihe Hanser, 2005) schreiben Sie, die wichtigsten Fragen und meistgesuchten Antworten seien wohl die nach Liebe und ihren Formen und Folgen und die nach religiösem oder philosophischem Trost oder Rat. Interessanterweise ist von Ihnen selbst kein Beitrag in dem Buch zu finden, es scheint, als suchten Sie wirklich Antworten bei anderen Dichtern. Welcher Beitrag in dem Buch hat Ihnen da am meisten weitergeholfen?

Siegfried Völlger: Auf Seite 144 »El Hombre« von William Carlos Williams: »Es ist ein seltsamer Mut / den du mir gibst, alter Stern: // Leuchtest allein bei Sonnenaufgang / zu dem du nichts beiträgst!« [1]

dasgedichtblog: Die Zeit und somit die Vergänglichkeit, das Glück, die Liebe und der Trost sind neben der Musik Ihre Hauptthemen. In der Tat sind Sie besonders durch editorische Arbeiten bekannt, durch Ihre Herausgaben wundervoller, ja bibliophiler Geschenkbücher zu eben genannten Themen. Mir fällt Ihr Band »Trost« (Sanssouci im Carl Hanser Verlag, 2002) ein, eine reich bebilderte Anthologie. Die Cover-Rückseite zieren Verse des schwedischen Dichters Lars Gustafsson: »Glaubt mir: es gibt ein unveränderliches Glück.« Herr Völlger, was ist denn das unveränderliche Glück für Sie?

Siegfried Völlger: Das ist die Ansicht von Lars Gustafsson, Dichter dürfen sowas sagen und natürlich auch das Gegenteil. Jede der Antworten zwingt mich, darüber nachzudenken – das ist schon ein Teil vom Glück: Die Fülle an Büchern und Musik. Ich weiß schon, die Frage zielt eher in die Richtung religiöses oder philosophisches Glück, aber ich fürchte, das hab ich bislang nicht gefunden. Gustafssons Zitat ist eher ein Hoffnungsversprechen.

dasgedichtblog: 2008 gaben Sie in einer weiteren Sammlung zum Thema eigentlich schon mit dem Titel die Antwort auf die eben gestellte Frage: »Glück ist jeder Augenblick« (Sanssouci im Carl Hanser Verlag, München, 2008). In diesem Band findet man neben den Gedanken und Gedichten großer Philosophen wie z. B. Friedrich Nietzsche sogar Sprüche aus Posiealben. Möchten Sie zum Ausdruck bringen: Das Thema geht jeden etwas an, den kleinen Mann wie den bedeutenden Lyriker?

Siegfried Völlger: Was anderes bleibt eh nicht übrig, man bekommt das Glück nicht einfach nachgetragen. So verschieden, wie es empfunden wird, muss jeder für sich herausfinden, was Glück sein könnte und wie es zu kriegen ist – ein komplizierter Vorgang, der nicht immer bis zum Ende klappt.

dasgedichtblog: Was glauben Sie, wohin uns die Umstrukturierungsmaßnahmen im Buchhandelswesen, die ja quasi durch das Medium Internet forciert werden, hinführen? Wird, nachdem das herkömmliche Verlagswesen ja bereits totgesagt wird, auch der Beruf des ›beratenden‹ Buchhändlers aussterben?

Siegfried Völlger: Ich mag keine Prognosen, da ist ja das Orakeln zuverlässiger. Ich würde eher von Hoffen und Vermuten reden: Über Bücher wird man immer reden können, und ein paar Leser wirds immer geben, die mit Fragen zu jemand kommen wollen, der sich damit auskennt. Aber über die Form, wo das stattfinden wird und wie, bin ich eher ratlos.

dasgedichtblog: Wie stehen Sie dem Medium Internet gegenüber? Auf der einen Seite arbeiten Sie damit, auf der anderen Seite haushalten Sie sehr sparsam darin mit persönlichen Informationen?

Siegfried Völlger: Ein wunderbares Medium, wenn ich finde, was ich such. Ein paar dauerhafte und gute Bekanntschaften sind darüber entstanden, ich kann schnell und unkompliziert Menschen um Rat fragen, die weit entfernt leben. Aber ich versuche, nicht zu übertreiben, man braucht manches einfach nicht zu sagen – ist das nicht eine ungeheure Erleichterung?

dasgedichtblog: Siegfried Völlger, ganz herzlichen Dank!

 

 

Anton G. Leitner, Siegfried Völlger (Hrsg.)
Zum Teufel, wo geht’s in den Himmel? 100 poetische Wege

Deutscher Taschenbuch Verlag – dtv, 2005
160 Seiten
978-3-423-62228-8
Euro 7,50  [D]





Das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« ist eine Veranstaltung von Anton G. Leitner Verlag | DAS GEDICHT in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt München und dem Literaturhaus München. Die Veranstaltung wird vom BR für sein Fernsehprogramm BR-alpha aufgezeichnet (geplante Erstsendung: Samstag, 12. Januar 2013, 22.30 Uhr, Reihe »Denkzeit«, BR-alpha). Hugendubel.de unterstützt das »Internationale Gipfeltreffen der Poesie: 20 Jahre DAS GEDICHT« als Förderpartner.


  1. [1]William Carlos Williams (1883 – 1963). El Hombre. In: Der harte Kern der Schönheit. Ausgewählte Gedichte. Amerikanisch und Deutsch. Aus dem Amerikanischen von Alfred Andersch. © 1991 Carl Hanser Verlag, München – Wien; Zitiert auf dasgedichtblog.de mit freundlicher Genehmigung des Carl Hanser Verlages (F. Feilhauer)

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