Hochstadter Stier 2015 – ein großes Fest der Poesie

Vor ausverkauftem Haus wurde Andreas Peters aus Bad Reichenhall im Gasthof Schuster in Weßling mit dem Jurypreis »Hochstadter Stier 2015« ausgezeichnet. Den Publikumspreis »Hochstadter Stier 2015« errang Hans-Werner Kube aus Witten. Nach einer Stichwahl gegen Verena Liebers aus Bochum wurde Jo Lenz aus Berlin vom Publikum mit dem zweiten Preis ausgezeichnet und Verena Liebers mit dem dritten Publikumspreis. Sehen Sie hier die Texte aller Preisträger und eine ausführliche Bildergalerie! DAS GEDICHT dankt allen Kandidatinnen und Kandidaten sowie den Juroren Birgit Müller-Wieland, Erich Jooß und Ludwig Steinherr sowie dem Ehrengast Georg Eggers und der Moderatorin Felizitas Leitner und gratuliert allen Preisträgern ganz herzlich.

Nach dem Stier ist bekanntlich vor dem Stier. Bewerbungen um den Hochstadter Stier 2016 sind ab sofort möglich.

Der Münchner Merkur widmete dem »Hochstadter Stier 2015« bereits eine Rückschau. Hier geht es zum Artikel.

Jurypreis Hochstadter Stier 2015, 1. Platz
Bronzeskulptur von Prof. Josef Henselmann, gestiftet von Anton G. Leitner | DAS GEDICHT
Jury: Dr. Erich Jooß, Dr. Birgit Müller-Wieland, Dr. Ludwig Steinherr

Andreas Peters

ewiges feuer

ich bin mit dem unbekannten
soldaten aufgewachsen beim

ewigen feuer. er kam wenigstens
aus dem krieg. der vater nicht.

meine mutter hätte ihn geheiratet
andere witwenbräute hatten was

dagegen. er hielt wache tag und
nacht im sommer und im winter.

jede feier fand zu seinen füßen
statt. er trat nicht mit füßen unsre

wodkalieder, treuebrüche. bei der
eidesformel legte ich meine hand

ins feuer. tschetschenienkrieger
legten ihre prothesen ins feuer.

afghanistanveteranen hielten die
krückenszepter über die flammen.

noch lange nach dem tod des
unbekannten soldaten hielt ich ihn

für einen schutzengel und dachte
es wird ewig so bleiben.
 

© Andreas Peters, Bad Reichenhall

 
 
Publikumspreis Hochstadter Stier 2015, 1. Platz
Bronzeskulptur von Prof. Josef Henselmann,
gestiftet vom Christine Reithmeier, Norbert Harter | Gasthof Schuster

Hans-Werner Kube

Passion

ich rauche
und schmauche
verdampfe und paffe
was ich so schaffe
und ich verbrenne
nicht nur, was ich kenne

ich quarze
alle Harze
und räucher
Cocasträucher
entzünde die Rinde
meiner Zimmerlinde
bei mir glimmt
eine Stange Zimt
und ich qualme
Schachtelhalme

hinter meiner Stirn
verdunstet das Gehirn
meine Zunge ist versehrt
meine Lunge frisch geteert
schick dem linken Fuß
einen Abschiedsgruß
muss das linke Bein
denn für ewig sein

doch solang ich hauche
auf dem Bauche krauche
rauch ich, schmauch ich
weil, das brauch ich
 

© Hans-Werner Kube (Witten)
 
 

Publikumspreis Hochstadter Stier 2015, 2. Platz
Buchpaket, gestiftet von Anton G. Leitner | DAS GEDICHT

Jo Lenz

Schneesehen

Wenn ick dir Schnee seh,
wird ma janz kalt.
Anne Finger und dit macht
och im Herzen nich Halt.

Frierst ma de Adern zu,
bis ick erstarre,
und denn frachste, ob ick
bis zum Lenzen ausharre.

Det ick dir liejen lass,
vor meena Türe,
hoffste und willst
von ma eisije Schwüre.

Wenn ick dir Schnee seh,
wird ma janz bang
innen Grips drin und
an meene Beene entlang.

Lechst vor de Füße ma
frostije Tücken,
und wartest ab, ob ma
de Fesseln umknicken.

Aber denn einet Tages,
und so lang halt ick aus,
lieber Schnee, tret ick nackt
in dit Jrüne hinaus.

Und denn lass ick dir schmelzen,
folje heiß Lenzens Klang.
Steich empor wie uff Stelzen
zu der Vöjel Jesang.
 

© Jo Lenz | Mandy Golenz (Berlin)
 
 

Jurypreis Hochstadter Stier 2015, 2. Platz (undotiert)
Jury: Dr. Erich Jooß, Dr. Birgit Müller-Wieland, Dr. Ludwig Steinherr

Judith Hennemann

herzschlag der gabelstaplerinnen

neben glühender esse die pinup-flamme
im matten schimmer von schmieröl. das
maschinengehäuse sagt eine hausnummer
und: ich bin doch kein mülleimer.

vom zunder bis zur asche, glockenschlag,
hammerschlag, nach der schicht die messe.
früher war das werk im dorf und draußen
die welt natürlich: aus einem guss.

ein zischen, dampf steigt auf, die sicht
prüfung im wahrsagerzelt bestehen nur
frauen im schwarzlicht. der ultraschall
belegt: begeisterung klingt anders.

rohrzange, rohrspatz: wie lange denn noch
80 dezibel herzschlag der gabelstaplerinnen.
draußen aalt sich stahl in der sonne, endlich
frische druckluft. sie rauchen. feuer

werkskörper.
 

© Judith Hennemann (Frankfurt am Main)
 
 

Publikumspreis Hochstadter Stier 2015, 3. Platz
Buchpaket, gestiftet von Anton G. Leitner | DAS GEDICHT

Jurypreis Hochstadter Stier 2015, 3. Platz (undotiert)
Jury: Dr. Erich Jooß, Dr. Birgit Müller-Wieland, Dr. Ludwig Steinherr

Verena Liebers

Trampolinsommer

Gut, das Trampolin war dazwischen,
aber während wir sprangen, hatten
wir das vergessen, waren wir nur
Erde und Himmel, Boden und Luft,
sprangen leicht aneinander vorbei,
sahen unsere Brüste und im
nächsten Augenblick schon die wirren
Schöpfe und das Teichblau des Sommers.

Wir hüpften aneinander vorbei
und unsere Juchzer trafen sich,
verschränkten schnell unseren Atem,
als die Arme nach unten fielen,
die Fußspitzen das Netz berührten,
um mit neuem Schwung aneinander
vorbei zu gleiten bis gar nichts mehr
zwischen uns war, sommerblau alles.

Und als wir aufhörten zu springen
oder geworfen zu werden, da
taumelten wir mit so schlotternden
Beinen, als balancierten wir auf
erdluftigen Wellen, hielten uns
aneinander, um nicht zu fallen
und Atem zu holen, bis uns das
Sommerblau wieder in die Luft warf,
in das Lachen, schwerelos und sanft.
 
 

© Verena Liebers (Bochum)

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